Berlin - Man kann in diesen Tagen nicht genug kriegen von Amanda Gorman. Seit die junge Lyrikerin in einem leuchtend gelben Mantel bei der Amtseinführung des neuen amerikanischen Präsidenten ihr Gedicht „The hill we climb“ vortrug, sprechen alle über sie. Auch in Deutschland. Die Englischlehrerin meiner Tochter an einem Kreuzberger Gymnasium machte das Gedicht tags darauf schon zum Schulstoff. Eine kluge Entscheidung. Meine Tochter hatte sich ungeduldig über all die alten weißen Männer am Rednerpult beklagt, als wir uns am Mittwochabend die Zeremonie anguckt haben. Und dann kam Amanda Gorman, mit 22 nur ein paar Jahre älter als sie selbst, von umwerfendem Aussehen – in diesem Alter die halbe Miete.

Während ich dies schreibe, sitzt das Kind im Online-Englisch-Leistungskurs und analysiert Gormans Zeilen. Auf die Frage, warum Biden sie wohl um das inauguration poem gebeten habe, schreibt ihre Arbeitsgruppe: Dadurch, dass er eine junge schwarze Frau ausgewählt hat, präsentiert er die USA als Land der Möglichkeiten. Dass sie ihren Sprachfehler überwunden hat, zeigt, dass man trotz aller Schwierigkeiten etwas erreichen kann – den amerikanischen Traum. Die Botschaft ist also auch bei Berliner Schülern angekommen.

Die Sendung „Kulturzeit“ auf 3sat dagegen problematisierte das Phänomen Gorman, fragte, ob sie nicht„eine Dichterin eingespannt für eine Show der Einheit“ sei. Und ob eine Lyrikerin der politischen Rhetorik der Mächtigen folgen dürfe. Und es ist ja wahr, dass das Thema des Gedichts vorgegeben war: Unity – Einheit.

Die Dichterin Amanda Gorman hat ein Mantra

Robert Frost dagegen hatte sich geweigert, für die  Amtseinführung John F. Kennedys eigens ein Gedicht zu schreiben. Er trug ein bereits existierendes vor, doch er änderte „The Gift outright“ auf Wunsch des Mächtigen. In der letzten Strophe über die große Nation hieß es nicht mehr, „so wie sie war und werden könnte“, sondern „wie sie sein wird“. Das klingt schon eher nach Staatsdichter.

Bei Amanda Gorman ist es anders: In einem CNN-Interview erzählte sie von ihrem Mantra, sie spreche es vor jedem öffentlichen Auftritt mit geschlossenen Augen: „Ich bin die Tochter schwarzer Schriftsteller. Wir sind die Nachfahren von Freiheitskämpfern, die ihre Ketten gesprengt haben und die Welt veränderten. Sie rufen mich.“ Sie sind die Mächtigen, denen Amanda Gorman ihre Stimme leiht.