Dr. Sigurd (Corinna Harfouch, l.) mit ihrer Patientin Kati Glaser (Lena Urzendowsky, r.)  in dem Film „Kranke Geschäfte“.
Foto:  ZDF/Dusan Martincek

Der junge Stasi-Offizier Armin Glaser (Florian Stetter) wittert den Ausverkauf des Sozialismus. Seine kranke Tochter (Lena Urzendowsky) soll mit einem nicht zugelassenen Medikament aus dem Westen behandelt werden – für Oberleutnant Glaser ist sie damit „Versuchskaninchen für den Klassenfeind“.

Im TV-Drama „Kranke Geschäfte“, das zuerst auf Arte, dann im ZDF läuft, rebelliert der hundertfünfzigprozentige Genosse gegen seine Stasi-Chefs. Schon deutlich desillusionierter ist der junge HVA-Mitarbeiter Martin Rauch (Jonas Nay), Held der Serie „Deutschland 89“ bei Amazon Prime. Zwar hatte er als Kundschafter „Kolibri“ in der ersten Staffel „Deutschland 83“ im Alleingang den Atomkrieg verhindert. Im Jahr 1989 will er nur noch aussteigen und seinen Sohn beschützen. Doch seine Stasi-Chefs haben eine neue Mission für ihn. Er soll den drohenden Mauerfall stoppen – und deshalb den „Reformer“ Egon Krenz beseitigen.

Zum 30. Jahrestag der Einheit wird die deutsch-deutsche Geschichte fiktional also immer noch als Stasi-Thriller erzählt – doch diese beiden Projekte wirken wie die letzten Ausläufer eines überkommenen, überholten Genres.

„Kranke Geschäfte“ will dem Titel zufolge die geheimen Medikamententests westlicher Pharmakonzerne im Osten anprangern – als ob derartige Tests a priori „krank“ wären. Dabei hatte eine wissenschaftliche Untersuchung im Auftrag der Bundesregierung schon 2016 deutlich gemacht, dass die Studienreihen nach denselben Standards wie im Westen umgesetzt, die DDR-Bürger sogar eher als die BRD-Bürger aufgeklärt worden waren. Die DDR brauchte die Devisen – und die Pharmaindustrie profitierte vor allem vom zentral gelenkten Medizinsystem der DDR.

Die Produzenten aber wollten sich von den Fakten offenbar nicht ihre Skandal-Story kaputt machen lassen – schließlich war das DDR-System ja so oder so „krank“. So dämmert es Genosse Glaser zwar, dass die neuen Westmedikamente seiner Tochter sogar helfen könnten – nun rebelliert der Mann plötzlich dagegen, dass sie im Rahmen der Studie womöglich nur Placebos erhält. Doch die Studienleiter erklären ihm: „Doppelblind bleibt doppelblind“ (was auch der passendere Titel für das gesamte Filmprojekt gewesen wäre). Die rasche 180-Grad-Wandlung des Stasi-Offiziers zum Opfer seiner Oberen bleibt ein Konstrukt, da kann Florian Stetter spielen, was er will. Nur Lena Urzendowsky als lebenshungrige Tochter und Corinna Harfouch als Ärztin sorgen für ein paar Lichtblicke im Film des Schweizer Regisseurs Urs Egger, dem ein besseres Drehbuch zu wünschen gewesen wäre.

Corinna Harfouch und Alexander Beyer tauchen in der Amazon-Serie „Deutschland 89“ erneut auf. Beyer, in „Kranke Geschäfte“ MfS-Karrierist, ist hier als Stasi-Onkel aus dem Westen dabei, Harfouch hat mit Sylvester Groth als falsches Banker-Paar im Westen ein paar hübsche Szenen. Die Figur von Jonas Nay, der in der ersten Staffel noch so tolldreist aufspielen konnte, gerät leider immer stärker aus dem Fokus. Martin ist nicht mehr Aktiver, sondern nur noch Getriebener. Ob HVA, ob KGB, ob RAF, CIA oder BND – alle wollen „Kolibri“. Doch der Agent will nur mit seiner neuen Flamme (Svenja Jung) und seinem Sohn zusammen sein. Auf ihrer Odyssee verschlägt es das Paar zunächst nach Rumänien (warum auch immer), dann an die italienische Riviera.

Martin (Jonas Nay) und Nicole (Svenja Jung) in einer Szene der 80er-Jahre-Saga „Deutschland89“.
Foto: dpa

Die finale Staffel der Serie ist deutlich zäher und schwerfälliger als die vorigen. Deren Erfinder Anna und Jörg Winger haben eine Handvoll britische Autoren und mit Randa Chahoud und Soleen Yusef zwei Regisseurinnen mit irakischen Wurzeln verpflichtet – offenbar, um die Serie internationaler auszurichten. Da fluchen Stasi-Chefs schon mal „Oh! My! God!“, wenn sie Livebilder vom Mauerfall sehen. Die finsteren Russen vom „KaGäBä“ sprechen „schwären“ Akzent und tragen gern Pelzmützen, die Stasi-Chefs ziehen bald von der Luxusvilla in der Riviera aus ihre Strippen. Da suhlt sich die Serie regelrecht in ihren Klischees.

Richtig spannend bleibt nur die Auftaktfolge um das Attentat auf Krenz und die letzte – als Kanzler Kohl ins Visier gerät. Dazwischen wird viel gelauscht und geballert, gern auch belehrt (oft aus der Sicht von heute). Martins Stasi-Tante Lenora (Maria Schrader), in der ersten Staffel noch elegante Kulturfrau, liest allen Genossen höhnisch die Leviten über den Kapitalismus und wird zur radikalen Gegenspielerin von Martin, dem sie fast ein Ohr abschießt. Richtig witzig dagegen bleiben nur Szenen mit einem Stasi-Mann, der mit klobigen Robotron-Rechnern vom Osten aus das Internet erfinden will. Diese Figur ist skurriler und origineller als all die Finsterlinge von HVA, KGB, CIA, BND oder RAF zusammen.

„Kranke Geschäfte“, 25.9., 20.15 Uhr auf Arte und am 28.9., 20.15 Uhr im ZDF.

„Deutschland 89“ – acht Folgen auf Amazon Prime.