Sie ist mitunter beängstigend, die Rhetorik, die seit den Anschlägen von Paris den politischen Raum in den USA vergiftet. Präsidentschaftskandidaten sind sich nicht zu schade, eine massive Überwachung aller Muslime im Land zu fordern, Donald Trump möchte ihnen gar zur Kenntlichmachung Halbmonde ans Revers nähen lassen. Tabus, die man seit dem Holocaust als universell geglaubt hatte, sind plötzlich vergessen, und immer mehr Menschen in den USA fragen sich laut, ob denn eine faschistische Diktatur auch hierzulande denkbar wäre.

In diesem Klima könnte das Debüt der Amazon-Serie „The Man in the High Castle“ nicht zeitgemäßer sein. Seit dem vergangenen Wochenende können die USA sich auf Amazon die dystopische Vision des „Blade Runner“-Schöpfers Ridley Scott anschauen, wie die USA als Nazi-Regime wohl aussehen würden.

Die Aussicht ist nicht schön. Wie schon Philip Roth in seinem Roman „The Plot Against America“ sind Produzent Ridley Scott und sein Regisseur Frank Spotnitz fest davon überzeugt, dass die USA mitnichten gegen einen faschistischen Staat immun sind. Vom Mitläufer bis zum überzeugten Handlanger gibt es in „The Man in the High Castle“ die gesamte Bandbreite an Charakteren, die Deutschland aus seiner nicht all zu fernen Vergangenheit kennt.

Hakenkreuz-Fahne über dem Times Square

Die Serie, die seit dem Wochenende im Original auch in Europa gestreamt werden kann, spielt im Jahr 1962. Nazi-Deutschland hat mit einem Atombombenabwurf auf Washington den Zweiten Weltkrieg gewonnen, die USA sind in die von Hitlerdeutschland einverleibten Oststaaten und die japanisch-besetzte pazifische Zone aufgeteilt. Über dem Times Square in New York weht die Hakenkreuz-Fahne, und die Welt fragt sich, wie es mit dem Reich nach dem Tod des alternden Führers wohl weitergeht.

Protagonisten der Serie sind eine Gruppe von Widerstandskämpfern, die subversives Filmmaterial von Deutschland nach Nordamerika schmuggeln – eine nette, selbstreferenzielle Anspielung auf Goebbels’ Faszination von Hollywood und die Bedeutung des Films in seiner Propagandamaschine.

Der wahre Star der Serie ist jedoch das in blassen Tönen gezeichnete Nazi-Amerika, das in der Serie noch trüber und grauer ausschaut als die DDR in Donnersmarcks „Das Leben der Anderen“. Die Handschrift von Ridley Scott ist in jeder Szene zu spüren, die Stimmung noch beklemmender als einst in „Blade-Runner“.

Die depressive Grundstimmung dient dazu, die traurige Realität der sechs Serienstunden zu unterstreichen. Amerika hat sich in seiner faschistischen Realität eingerichtet. Juden und Dissidenten sind zum Großteil ermordet worden, Afro-Amerikaner und Latinos finden nur noch in der „neutralen Zone“ zwischen dem amerikanischen und dem japanischen Sektor Zuflucht. Niemand ist sich mehr sicher, wer sein Nachbar ist, regimekritische Äußerungen sind auch im privatesten Kreis gefährlich.

Der Oberbösewicht der Serie ist Obergruppenführer John Smith, ein SS-Mann aus dem Hollywood-Bilderbuch. Der einzige Unterschied zum Klischee ist, dass der sadistische Smith, wie der Name schon sagt, ein Durchschnittsamerikaner ist, der ohne jeglichen deutschen Akzent spricht und abends sein Biedermann-Leben in einer typischen amerikanischen Vorstadt lebt. Und doch passt er schaurig gut in seine schwarze Uniform.

Ebenso unheimlich wie Smith ist die Szene, in der ein freundlicher Verkehrspolizist – mit Hakenkreuzarmbinde versteht sich – beiläufig über den seltsamen Niederschlag plaudert: „Ja, freitags verbrennen sie hier die geistig Behinderten und die Krüppel“, sagt er. „Das spart dem Staat Geld.“ Dann wünscht er freundlich gute Fahrt und einen schönen Tag.

„The Man in the High Castle“ lässt keinen Zweifel daran, dass sich Amerika ebenso willfährig in eine nationalsozialistische Diktatur fügen würde, wie Deutschland das getan hat. Für ein US-Publikum ist das schwer verdauliche Kost, der Glaube, dass gerade Amerika als strahlender Stern der Freiheit und Demokratie gegen dererlei immun ist, ist Kernbestandteil des amerikanischen Selbstverständnisses. „Die Implikationen der Serie sind gespenstisch“, schreibt die New York Times. „Einige Zuschauer werden sich deshalb wohl sicher abwenden.“ Andere hingegen werden, gerade angesichts des derzeitigen politischen Klimas, vielleicht ins Grübeln kommen.