Schiere Männlichkeit: „Chuck Norris würzt sein Steak mit Pfefferspray!“
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BerlinZwei Männerbrüste beben, sie sind in tödlicher Anstrengung einander zugewandt. Schweißnass die eine, sie glänzt wie blankpoliert, wirkt stählern und sehnig, die andere fällt mit wildem Haarbewuchs bis zu Nacken und Schultern auf.

1972 standen sich in dem Film „Die Todeskralle schlägt wieder zu“ zwei sehr verschiedene Männlichkeitstypen gegenüber: Bruce Lee als eleganter Kampfkünstler und Chuck Norris als brutaler Todestechniker, ästhetisch anspruchsvoll, vergeistigt der eine, animalisch dampfend, ruchlos der andere.

Die zehn Minuten dauernde Kampfszene im römischen Kolosseum spielt in Fluchten aus endlos scheinenden Säulenreihen und sollte das Genre des Martial-Arts-Films nachhaltig verändern.

Bruce Lee, die Todeskralle, blieb der Sieger in seinem letzten Film – der Mann starb 1973 mit nur 33 Jahren. Chuck Norris, der Verlierer, erblickte mit seinen 33 Jahren in seiner ersten größeren Rolle das Filmlicht dieser Welt. Und sollte von nun an als robuster, mimisch nie sonderlich variantenreicher Haudrauf eine beachtliche Karriere hinlegen.

Als mehrfacher Karateweltmeister verfügte er im cineastischen Prügelsegment über die notwendige Credibility, ein Umstand, der auch seinen Nachfolgern von Steven Seagal über Jean-Claude van Damme bis Scott Adkins zum Erfolg verhalf. Norris schlug zu und jeder im Kinosaal wusste, dieser schlicht wirkende Mann könnte wirklich, wenn er nur wollte …

Bullshit und Männlichkeit

Die aparte Kombination aus Unbedarftheit und Unbesiegbarkeit sollte später ein eigenes Genre begründen: die sogenannten Chuck Norris Facts – Witze in den sozialen Medien, sie persiflieren all die Härte und Stärke, die dampfende Männlichkeit und überlegenen Fähigkeiten der von Chuck Norris dargestellten Figuren. Das ist schönster Nonsens wie etwa: Chuck Norris kann die Schallmauer tapezieren. Oder: Chuck Norris isst keinen Honig, er kaut Bienen. Chuck Norris bringt Zwiebeln zum Weinen. Ein erstaunliches Phänomen, zeigt es doch Norris’ Popularität und wie dessen bis ins Lächerliche gesteigerter Virilitätskult als offensichtlicher Bullshit in den populärkulturellen Bahnen des Internets wieder geerdet wird.

Schauspielerisch wurde der Roundhouse-Kick das bevorzugte Ausdrucksmittel von Norris, eine kreisförmig ausgeführte Stoß- oder Tritttechnik mit dem Fuß – sie zielt bevorzugt auf den Kopf des Gegners. Das bewies der Mann in zahlreichen Filmen, in denen er nicht nur gegen die üblichen Kriminellen zu kämpfen hatte, gegen Mörder oder Politiker, sondern auch eine ideologische Mission verfolgte: In „Missing in Action“ (1984) etwa musste noch einmal der Vietcong besiegt werden, in „Invasion U.S.A.“ (1985) marschierten die Kommunisten dann aus dem Ostblock ein und in „Delta Force“ (1986) rückten arabische Terroristen in den Fokus. Die Botschaft: Es herrscht ein kriegerischer, ein permanenter Ausnahmezustand.

Chuck Norris führt auch in dem Film Breaker Breaker" (1977) gekonnt den Roundhouse-Kick vor 
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Carlos Ray Norris Jr., so der eigentliche Name, wurde am 10. März 1940 als Sohn einer streng religiösen Mutter im ländlichen Oklahoma geboren; der Vater war Alkoholiker und selten zu Haus. Als junger Soldat entdeckte Norris in Korea die Karate-Variante Tang Soo Do. Von seinen Kameraden erhielt er den Spitznamen Chuck. Erst 1962 kehrte er nach vierzehn Monaten Dienstzeit wieder in die USA zurück. Nach vier Jahren verließ er die Armee, schlug sich als Kampfsportlehrer in den USA durch und machte sich mit viel Fleiß in der Martial-Arts-Szene bekannt. 1970 starb sein Bruder Wieland im Vietnamkrieg. Über seine Kampfsport-Freunde Bruce Lee und Steve McQueen kam er schließlich nach Hollywood.

Obwohl Norris als erster westlicher Kampfsportler in asiatischen Martial-Arts-Filmen reüssierte und damit einen neuen Typus des authentischen Kämpfers im Kino etablierte, konnte er mit der Brutalo-Konkurrenz solcher Größen wie Clint Eastwood oder Charles Bronson schauspielerisch nicht mithalten. Er blieb stets der wortkarge Karate-Handwerker, der zuverlässig seinen Job erledigte. Die Rolle des stoischen Gesetzeshüters Cordell Walker in der TV-Serie „Walker, Texas Ranger“ war ihm da auf den Leib geschrieben und machte ihn weit über die Grenzen des Martial-Arts-Genres berühmt: Ab 1993 spielte er für acht Jahre den texanischen Polizisten, der für Recht und Ordnung sorgt und uramerikanische Werte hochhält.

Für die Rechte, mit Gott

Das passte auch zu seiner neuen Rolle jenseits der Kameras, Norris avancierte zum Aushängeschild der Ultra-Konservativen. Als Kolumnist der rechtsgerichteten Webseite World Net Daily empört er sich über das liberale Schulsystem, lästerte über Waffengegner und warnte vor der Präsidentschaft Barack Obamas, sie „bedroht unser großartiges Land und unsere Freiheit“. Der Trump-Regierung sprach er dagegen seine volle Unterstützung aus und verteidigte zuletzt im Februar die umstrittene Auszeichnung für den rechten Radiomoderator und Verschwörungstheoretiker Rush Limbaugh, dem Donald Trump während seiner Rede zur Lage der Nation den höchsten US-Orden verliehen hatte.

Norris verweist auch häufig auf sein soziales Engagement. Zu seinem runden Geburtstag preist er auf seiner Facebookseite T-Shirts mit seinem Abbild, Namen und der Zahl 80 an. Mit den Einnahmen werde seine Initiative „Kickstart Kids“ gegen Gewalt und Drogen an den Schulen gefördert. Zusammen mit dem früheren US-Präsidenten George H. W. Bush hatte er 1992 Kampfsport-Kurse für benachteiligte Kinder ins Leben gerufen. Mehr als 100000 Kinder seien bisher in die Kurse gekommen, sagt der fünffache Vater. Seine zweite Frau, Ex-Model Gena O’Kelley, brachte 2001 Zwillinge zur Welt. Die Familie lebt auf einer Ranch in Texas und engagiert sich in der evangelikal geprägten christlichen Rechten in den USA.

Waffen aller Kaliber sind Chuck Norris’ große Leidenschaft – manche tragen seinen Namen.
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Filmisch wird es ein bleibendes Verdienst von Chuck Norris bleiben, in einem kurzen, lichten Moment dabei gewesen zu sein, das Martial-Arts-Genre in eine neue Dimension gehoben zu haben. Doch während sich dieses, zumindest in seiner asiatischen Ausprägung, in immer artistischere Sphären erweiterte – bis hin zu solchen Meisterwerken wie „Tiger and Dragon“ (2000) oder „Hero“ (2002) –, diente es Norris vor allem dazu, ein überkommenes Männlichkeitsmodell in die Jetztzeit zu retten. Dieser Mann kultiviert durch seinen muskulösen Körper, diesem eigentümlich asexuellen Körperpanzer, eine stete Gewalt- und Leidensbereitschaft, einen etwas hölzernen Heldenmythos: die schiere Unverwundbarkeit.

In diesem andauernden Kampfmodus bleibt dem Kerl nichts anderes, als den American Way of Life immerzu im Alleingang zu retten. So sieht die zum Trump-Zeitalter passende Körperpolitik aus.