Natürlich ist die große Joan Baez längst viel mehr als eine Sängerin. Schon in den Achtzigerjahren gesellten sich unter die Goldenen Schallplatten und Musikpreise, mit denen die US-Musikerin geehrt wurde, auch Menschenrechtspreise und Ehrendoktorwürden. Seit den Neunzigern überwogen sie dann.

An diesem Donnerstagabend ist eine weitere Ehrung dieser Art hinzugekommen: Im Haus der Berliner Festspiele wurde Baez, heute 74, von Amnesty International als diesjährige „Botschafterin des Gewissens“ gewürdigt – für ihr „beispielhaftes menschenrechtliches Engagement“, erklärte die Menschenrechtsorganisation. Baez war als junge Folkmusikerin in den Sechzigerjahren die singende Ikone für die Bewegung gegen Vietnamkrieg und Rassentrennung, seither wurde sie zur wahren Polit-Aktivistin.

In Berlin nahm Baez den Amnesty-Preis von der ebenfalls zur Legende gewordenen US-Kollegin Patti Smith entgegen. Die New Yorker Rockerin, die als „Godmother of Punk“ verehrt wird und nun auch schon 68 ist, nutzte ihren Berlinbesuch tagsüber für eine Protestaktion an den Mauerresten am Potsdamer Platz. Gemeinsam mit Amnesty-Generalsekretärin Selmin Çaliskan und dem künftigen Volksbühnen-Intendanten Chris Dercon, prangerte sie an, dass ein weiterer Geehrter des Abends seine Auszeichnung nicht persönlich empfangen dürfe: Der chinesische Dissident und Künstler Ai Weiwei, dessen Preis Chris Dercon stellvertretend entgegennahm und die Laudatio hielt, darf China nach seiner Verhaftung 2011 nicht mehr ohne Genehmigung verlassen.

„Reißt die Mauern der Zensur ein“, stand, in Englisch, auf den Plakaten, die Smith und Dercon umgaben; unter den Aktivisten war auch Ensaf Haidar, die Ehefrau des inhaftierten saudi-arabischen Bloggers Raif Badawi, dessen Freilassung aus saudischer Haft Amnesty im Rahmen der Preisverleihung ebenfalls forderte.

Bereits am Nachmittag hat Chris Dercon während der Pressekonferenz vor der Gala die veränderte Rolle des Internets nicht nur für Künstler, sondern generell für Aktivisten hervorgehoben. „In der Anfangszeit schien es die ultimative Plattform für Freiheit und freie Meinungsäußerung zu sein“, sagte der Leiter der Tate Modern.

Das freie Internet ist tot

Das Freiheitsversprechen hat sich ins Gegenteil verkehrt. „Inzwischen wird kaum etwas so strikt überwacht und kontrolliert wie gerade dieses Internet. Es ist zu einem neuen Überwachungsinstrument geworden“, sagte Dercon – und verweist auf Ai Wei Wei. „Was er sich vom Internet vor zehn Jahren erhoffte, was es für ihn bedeutete, das gibt es heute nicht mehr.“

Dercon sprach damit die Hoffnung auch anderer chinesischer Dissidenten an, sich via Web von der Kontrolle ihrer Arbeit, der Zensur befreien können. Man müsse dringend neue Wege finden, die eine sichere Kommunikation über dieses Medium ermöglichen. Daher wird die Massenüberwachung im Netz auch ein weiteres wichtiges Thema für Amnesty International in Zukunft sein, betonte im Anschluss auch Selmin Çaliskan. Immerhin sei es inzwischen lebenswichtig geworden, dass Amnesty seine Daten über Dissidenten schützt.