Die Menschinnen liebt er, der Jupiter. Und zwar „die weiße Sorte mit dem fleischigen Gesäß/ und den versteckten Rippen.“ Könnte es sein, dass das Stück hier vom Mythos abschweift? Dem Gott geht es wohl kaum ums Mollige. Aber dass überhaupt was zum Anfassen da ist, was Fleischernes, also Stoffliches, also Irdisches, also Vergängliches − danach scheint es ihn da oben im olympischen Ennui doch irgendwie zu gelüsten.

Süß ist die bittere Vergänglichkeit, wenn man ewig an Heras Seite weilt und den immer selben Nektar schmeckt. Wobei − so ganz spurlos sind auch die Jahre an Jupiter nicht vorübergegangen: Im Berliner Ensemble hat die Regisseurin Katharina Thalbach den Donnergott in den nicht mehr ganz so jungen Körper von Martin Seifert gesteckt. Und dieser weiß auf seinem Himmelsthron in väterlicher Nonchalance zu Donnern und zu Blitzen. Aber auch diese Tätigkeit hält auf Dauer offenbar nicht munter und scheint zusammen mit der Lümmelei auf dem Thron zur Abschabung der eigentlich ja unsterblichen Bandscheiben zu führen. Als er sich erhebt um nach Theben hinab zu steigen, ist eine gewisse Steifigkeit im Lendenbereich zu attestieren, die sich im Laufe des Abends allerdings lockert (die Lende), beziehungsweise nach vorn verlagert (die Steifigkeit).

Es wird viel gesungen

Bekanntermaßen verwandelt sich der abwechslungsbedürftige Gott in den siegreichen Amphitryon, der noch im Felde weilt. Begleitet von dem leicht genervten Merkur, der die Gestalt von Amphitryons Diener Sosias annimmt, verschafft sich der betrügerische Genießer Zutritt zu Bett und Leib samt Herz von Ampitryons treu ergebener Gattin Alkmene (Laura Tratnik). Eher aus Versehen stößt er damit die Hintergangenen erst in heillose Gefühls- und Identitätsverwirrung, um ihnen dann die Augen für die Trostlosigkeit des Menschendaseins zu öffnen.

Bei Jupiter selbst tritt hingegen eine wunderbare Gesundung des Stütz- und Bewegungsapparates ein. Seine Hüfte weist nach der augenscheinlich geglückten Beglückung Alkmenes gar eine gewisse jugendliche Elastizität auf: Wenn er sich im weißen Udo-Jürgens-Bademantel eine Danach-Zigarette mit Alkmene teilt und zufrieden ihren Liebesrausch zur Kenntnis nimmt. Mit postkoitalem Schmelz schmettert sie einen Schlager von Milva, den irdische Männer nach dem Geschlechtsverkehr so gut wie nie zu hören kriegen: „Ich mag Dich, weil du klug und zärtlich bist/ und doch das ist es nicht allein/ du zeigst mir immer, dass es möglich ist/ ganz Frau und trotzdem frei zu sein.“

Es wird überhaupt viel gesungen. Vier Musiker sind ins Bühnenbild von Momme Röhrbein eingebaut. Wenn sie stimmungsvolle Lieder zum Beispiel von Mikis Theodorakis oder Manos Hadjodakis oder Gianis Ionais Papaioanou anstimmen, werden sie mittels Lichtwechsel sichtbar und fügen sich mit ihren Saiteninstrumenten und dem Weinlaub im Haar schön ins Gips-Ambiente. Hinten leuchtet eine prächtige Akropolis-Dekoration wie man sie aus hiesigen griechischen Lokalen kennt. Ab und zu steckt Jupiter seinen Kopf aus dem Tempel und späht mit dem Feldstecher nach den Menschen und Menschinnen.

Warum wird hier eigentlich kein Ouzo ausgeschenkt? Zu verdauen gibt es jedenfalls eine Menge. Es ist ja schon ganz schön fett, wenn Alkmene auf Sirene gereimt wird und dann auch noch anfängt, wie eine solche zu heulen. Rücksichtslos wird der Haufenreim aufgetürmt: „Migräne“, „Hygiene“ und gar − kreisch! − „seelische Ödeme“. Natürlich dürfen die Thalbachschen Grapschereien (Brüste, Zwickel, Gesäße) und gürtellinienunterschreitende Kalauer nicht fehlen. Der beste, dem Hause auch angemessen dialektische Witz wäre fast untergegangen: „Wir sind doch alle Individuen!“, ruft einer, um auf diesem kleinsten Nenner einen Konsens herzustellen und Orientierung wiederzufinden. Doch er erhält ein entschieden individualistisches „Ich nicht!“ zur Antwort.

Zärtliche Menschenkenntnis

Der Abend ist in theologisch-metaphysischer Hinsicht erwartungsgemäß wenig durchziseliert, aber im Vergleich zu „Was ihr wollt“, Thalbachs bemüht schamloser, seit zwei Jahren im BE gespielter Shakespeare-Verplattung, lässt er sich aber gut aushalten. Zu würdigen ist der Reichtum an Verdutzungs- und Begriffsstutzigkeitsgesichtern, die dem wackeren Guntbert Warns als Amphitryon, aber auch seinen Kollegen als verhohnepiepelte Menschlein zur Verfügung stehen. Was den Einsatz des Kiefergelenks beim Mundaufreißen anbetrifft, werden im Berliner Ensemble Maßstäbe gesetzt.

Aber es gibt auch Szenen, die zärtliche Menschenkenntnis ahnen lassen und vor allem von Laura Tratnik getragen werden. Wie sie zwischen Gott und Mann schwankt: hier die Erfüllung aller, auch noch ungeahnten Sehnsüchte − da der gekränkte, in den Staub der eigenen Unzulänglichkeit geworfene Trostpreis. Dreimal muss Jupiter (hat er da schon wieder die Hand an ihrem Hintern?) Alkmene in Amphitryons Arme geleiten. Als dieser sie dann küssen will, dreht sie das Gesicht weg. Und huch, da war mit „Ach!“ das letzte, absolut beipflichtungswürdige Wort auch schon gesprochen.