Imelda Stauton spielt in Amulet Schwester Clair.
Foto: Ascot Elite Entertainment

BerlinEr hat Schuld auf sich geladen, der ehemalige Soldat, der obdachlos zusammen mit anderen in einem abbruchreifen Haus nächtigt, in einer heruntergekommenen Gegend Londons. Und offenbar traut er sich seither selbst nicht mehr, denn warum sonst sollte er sich allabendlich vor dem Schlafengehen die Hände mit Klebeband fesseln? Dabei sieht der Traum, in dem ihn seine Vergangenheit plagt, so schrecklich gar nicht aus: Der junge Mann muss einen Grenzposten bewachen, mitten im Wald, mitten im Krieg. Eines Tages kommt eine verstörte Frau auf der Flucht vor den Soldaten und auf der Suche nach ihrer Tochter vorbei. Er gewährt ihr Unterschlupf.

Romola Garai debütiert als Regisseurin eines Langfilms

Das ist die eine Ebene von „Amulet“, mit dem die britische Schauspielerin Romola Garai ihr Debüt als Drehbuchautorin und Regisseurin eines Langfilms abgibt. Genauer gesagt eines Horrorfilms, ein eher männlich dominiertes Genre, zu dem in den letzten Jahren jedoch zunehmend auch filmschaffende Frauen beeindruckende Beiträge leisteten. Etwa die Australierin Jennifer Kent mit „The Babadook“ (2014), die iranischstämmige US-Amerikanerin Ana Lily Amirpour mit „A Girl Walks Home Alone At Night“ (2014) oder auch die Französin Julia Ducournau mit „Raw“ (2016).

Wenig verwunderlich fügen diese Beiträge einem Genre, das sich meist mit Verdrängtem und Tabuisiertem befasst, frische Perspektiven und ungewohnte Facetten hinzu. Wobei auffällt, dass das sogenannte „schwache Geschlecht“ alles andere als zimperlich ist – sowohl was die Wahl der Themen angeht, als auch die Drastik der Darstellung. Deutlich mehr Wert legen die Filmemacherinnen im Splatter-Kontext auf das psychologische Fundament der Charaktere und deren atmosphärische Einbettung.

Zwischen David Cronenberg und Dario Argentos

Das ist in „Amulet“ nicht anders. Hier bekommt der traumatisierte Soldat, so scheint es, ein zweite Chance, als eine Ordensschwester ihn bei einer alleinstehenden jungen Frau unterbringt, die ihre sterbenskranke Mutter pflegt und jede Hilfe gebrauchen kann. Es dauert nicht lange, bis die beiden sich einander annähern; Magda kocht gut, Tomas macht sich handwerklich nützlich – und die Kranke auf dem Dachboden? Nun, ja. Man muss nur eben mit den scharfzahnigen, fledermausartigen Viechern fertig werden, die sie in regelmäßigen Abständen gebiert.

Ehe man sich’s noch recht versieht, hat einen „Amulet“ auch schon in einen Albtraum hineingezogen, eine Art fantasmagorisches Gespinst, zwischen Cronenberg’schem Körperhorror und den Hexenmysterien Dario Argentos. Die Grenze zwischen Tomas' inneren und den realen Dämonen, die er möglicherweise heraufbeschworen hat, verschwimmt – und ein blutroter Schleier legt sich über seine ungläubigen Augen, die sich langsam schließen.

Amulet (GB 2020) Regie: Romola Garai, Ascot Elite Entertainment, ca. 13 Euro.