Elfriede Jelineks „Wolken.Heim.“: Auf dem Bild Edgar Eckert, Lorena Handschin, Birgit Unterweger, Holger Stockhaus und Regine Zimmermann (von links)
Foto: Arno Declair 

BerlinEs ist bitter, aber kam man am vergangenen Wochenende aus den Theaterpremieren dieser Stadt, stand man am Ende leicht erschüttert da. Erschüttert nicht durch die theatralische Kraft des Erlebten, sondern erschüttert über die formale Unbedarftheit und gedankenarme Kleinheit. Draußen in der Welt verschieben sich gerade die gesellschaftlichen Gravitationskräfte im Zerren um Solidarität oder Egoismus. Abschottung oder Öffnung- es brodelt. Aber auf hiesigen Bühnen flüchtet man sich in skurriles Kino-Theater einerseits oder überlagerte Vergangenheitserfolge andererseits. Ersteres flimmert mit Anne-Cécile Vandalems dünn gedehnter Krimi-Bebilderung „Die Anderen“ durch die Schaubühne, letzteres geistert mit Martin Laberenz’ gefälliger Vogelgezwitscher-Inzenierung von Elfriede Jelineks „Wolken.Heim“ durch die Kammerspiele.

Eigentlich versammeln beide Stücke Themen, die aktueller kaum sein könnten: Selbstüberhöhung und Fremdenhass. Doch reden (Jelinek) oder schweigen (Vandalem) beide so geradewegs an der Gegenwart vorbei, dass man allein das schon wieder besonders nennen kann. Elfriede Jelinek selbst hätte sicher trotzdem ihre Freude daran gehabt zu sehen, wie ihr fein komponierter Kunsttext von 1988, der mit klingend verballhornter Hölderlin-, Hegel-, Goebbels- und RAF-Rhetorik den versteckten Faschismus aus dem Geist des deutschen Idealismus heraus singen lässt, heute von den allerorten offen und kunstlos dröhnenden nationalistischen Parolen einfach zermalmt wird. Nicht auf der Kammerspielbühne, wo Laberenz den Text sich selbst überlässt, aber in den Hinterköpfen jedes Zuschauers. Es wäre Stoff für ein neues Stück.

Putzige Vornehmheit

Leider nur hat das DT für sein luftiges Mauerfall-Jubiläumsprogramm aber nur das alte aus der Kiste gekramt. Doch was 1988 schockierte, als Bonn, für dessen Theater „Wolken.Heim“ entstand, noch Bundeshauptstadt war und an Mauerfall geschweige denn an eine rechtsradikale 15-Prozentpartei im Bundestag niemand dachte, klingt heute in seiner geistesgeschichtlichen Vornehmheit fast putzig.

Ja, die Zeiten ändern sich und mit ihnen die Texte, und Jelinek, die Grande Dame des Textvampirismus, versteht das am allerbesten. Gerade darum strickt sie ja alle paar Monate an immer neuen Sprechgewittern. Der Kampf, nicht das Spiel mit diesen Textflächen, von denen „Wolken.Heim“ übrigens die erste war, ist für sie das eigentlich Interessante. Wäre es vielleicht auch für uns, wenn aus dem „Wolken.Heim“-Teppich heute immer noch die Unbehaglichkeit spräche, das große, dunkel raunende „Es“, das sie vor 31 Jahren da hineinlegte.

Zumindest die erste halbe Stunde plaudert sich aber auch auf der grün leuchtenden Kammerspielbühne ein dunkles „Es“ noch hervor. Trotz und dank der komödiantischen Talente von Edgar Eckert, Holger Stockhaus, Birgit Unterweger, Regine Zimmermann und Lorena Handschin, die es sich im grün glitzernden Disco-Dress auf Campingstühlen bequem machen. Spielerisch gedämpft, nur bewusstlos Sätze jonglierend, lassen sie eine bräsig-schöne Bildungsbürger-Satire frei. Der Kunstrasen blüht, die Vögel zwitschern und tief durchatmend erklären die fünf sich gegenseitig in naiv-pathetischer Selbstzufriedenheit das Immerschongewusste des sich selbst wissenden Geistes im Ping-Pong der Phrasenfetzen: „Wie wenn am Feiertage … und fern noch tönet der Donner ... In sein Gestade wieder tritt der Strom .... Gerettet! Wir sind bei uns … Schön bei sich sein!“

Sehr bald aber ist all dies „Sosein“ ausgewitzelt und durchdekliniert und schwingt der Hölderlin-Hegel-Sound ins Leere, weil es keinen Widerstand mehr gibt, an dem sich Resonanz bilden könnte. Und Laberenz baut auch keinen ein. Mehr Mut wäre nötig gewesen, um den Text neu, vielleicht kollagiert, in die Mangel zu nehmen und im lauten Heute hörbar zu machen.

Vorn Theater, hinten Film

Da hat es die belgische Theatermacherin Anne-Cécile Vandalem leichter, weil sie nur eigene Stücke auf die Bühne bringt, die sie der Aktualität ablauscht. Gegenwärtig ist es der Klimawandel und seine vielen sozialen, auch rein menschlichen Folgen, der durch ihre Bühnenkrimis rauscht. Schon „Arctique“, das im Frühjahr beim FIND zu sehen war, erzählte davon, nun bildet er auch den Hintergrund für „Die Anderen“, mit dem sie erstmals an der Schaubühne produziert.

Und wie seine Vorgänger entwickelt sich auch dieser Abend ganz aus dem Bühnenbild, das diesmal ein Gebäudekomplex ist, der ein kleines Dorf darstellt irgendwo im dichten Wald: vorne ein Hotel, dahinter Zimmer, ein Rathaus, eine Schule. Immer, wenn die Bühne sich dreht, sieht man durch die Fenster dort hinein. Doch weil das viel verdeckt, zeigt eine Leinwand über der Szenerie im Livefilm, was im Innern geschieht.

Jule Böwe und Kay Bartholomäus Schulze in Anne-Cécile Vandalems „Die Anderen“ in der Schaubühne.
Foto: Arno Declair

Es ist das Jahr 2023, etwas Schlimmes scheint passiert zu sein: eine Katastrophe, nein wohl mehrere. Klarheit gibt es nie. Seit Monaten regnet es und irgendwo im Norden sind schon Camps eingerichtet für Klimaflüchtlinge, die im Dorf missgünstig beäugt werden. Sehr viel ist nicht los, es ist die Geheimniskrämerei um private Tragödien, der man in diesen fast zweieinhalb Stunden nachläuft. Die dahindämmernde Jule Böwe hält sich in ihrem Hotel am Whiskyglas fest und starrt ins Leere. Ausgestopfte Tierpräparate überall: hier liegt nicht nur der Hund begraben, es liegt Mord in der Luft.

Und bald sitzt Böwe im Auto, ein Knall, ein Fremder liegt am Boden, sie zerrt ihn nach Haus, päppelt ihn auf, und nun sehen wir zu, wie die verschrobene Dorfgemeinschaft um Felix Römer und Kay Bartholomäus Schulze an dem ahnungslosen Fremden ihre unterdrückten Psychosen, Lüste, Traumata abarbeitet.

Man muss sich Vandalems TV-Theater als entferntesten Gegenpol zu Jelineks Textschichtungen vorstellen. Ihre Liebe zu Marthaler’scher Langsamkeit und Kaurismäkihafter Skurrilität mag manchen begeistern, doch bleibt sie tatsächlich weit dahinter zurück. Eine Geduldsprobe.

DT-Kammerspiele wieder 7.12.2019, 20 Uhr, Tel: 28441221

Schaubühne, wieder 3.–5.12.2019, 20 Uhr, Tel. 890023