Zuletzt ging ja die Klage, der Oscar habe seine besten Tage hinter sich: Die Zeremonie sei zu lang, die Präsentation altbacken, und die Ehrungen gingen am Geschmack der Masse vorbei. Das Ergebnis seien immer miesere Einschaltquoten, 2018 zählte der übertragende Sender ABC 19 Prozent weniger Zuschauer als noch im Vorjahr, und eine sukzessive Entwertung der einst so begehrten Trophäen: Denn welchen Rang hat ein Filmpreis noch, wenn sich kaum mehr einer dafür interessiert?

Hektische Reformvorschläge wie die Einführung einer „Blockbuster“-Kategorie für populäre Filme oder der Plan, die Awards für Kamera, Schnitt, Live-Action-Kurzfilm sowie Make-up & Haarstyling in den Werbepausen zu verleihen, wurden zum Glück wieder verworfen.

Für die diesjährige Preisvergabe lässt die Debatte gleichwohl Schlimmes befürchten – nämlich einen Sieg von „Bohemian Rhapsody“. Das handzahme Biopic über die britische Band Queen und deren Sänger Freddie Mercury wurde von der Kritik weitgehend mit Naserümpfen bedacht. Inhaltlich sowieso, aber auch, weil man dem Film ansieht, dass er vom Cutter John Ottman aus Tonnen von Schnipseln zusammengeflickt ist, die der kurz vor Drehschluss gefeuerte Regisseur Bryan Singer hinterlassen hatte. Singer selbst ist nach Missbrauchsvorwürfen mehrerer Männer abgetaucht.

Alles egal: Der Film war ein weltweiter Kassenerfolg und darf sich inzwischen rühmen, die erfolgreichste Musikfilmbiografie aller Zeiten zu sein. Und daran will die Academy dann doch nicht vorbei: „Bohemian Rhapsody“ ist der große Favorit am Sonntagabend.

„Roma“ ist größter Konkurrent von „Bohemian Rhapsody“

In einer guten und gerechten Welt wird sich das Machwerk jedoch mit den Preisen für Schnitt und den Hauptdarsteller Rami Malek begnügen müssen. Als besten Film hat es „Roma“ von Alfonso Cuarón als Hauptkonkurrenten. Der Mexikaner Cuarón sollte für sein von Netflix produziertes Drama auch den Regiepreis bekommen, und den Oscar für den besten fremdsprachigen Film wird man ihm auch nicht verwehren.

Letzteres ist im Übrigen nicht die einzige schlechte Nachricht für Florian Henckel von Donnersmarck: Cuarón, der „Roma“ nicht nur inszeniert, sondern auch selbst fotografiert hat, wird „Werk ohne Autor“ auch den Kamera-Oscar wegschnappen. Für Caleb Deschanel, Donnersmarcks Kameramann, wird es auch im sechsten Anlauf bei der Nominierung bleiben.

Beim Preis für die beste Darstellerin sind die Wetten ziemlich eindeutig: Sollte die famose Glenn Close nicht nach sechs ertraglosen Nominierungen den Gnadenoscar bekommen für ihre Vorstellung in „Die Frau des Nobelpreisträgers“, wird die Britin Olivia Colman für ihre Hauptrolle in „The Favourite“ triumphieren. Colmans zwischen Wehmut und Wahnsinn changierendes Porträt der englischen Barockkönigin Anne ist nicht weniger als eine Sensation. Außerdem liebt die Academy britische Historienfilme.

Emma Stone, Rachel Weisz oder Regina King?

Colmans kongeniale Mitspielerinnen Emma Stone und Rachel Weisz konkurrieren untereinander um den Preis für die beste weibliche Nebenrolle. Lachende Dritte dürfte Regina King sein. Die einzige afroamerikanische Frau in der Nominiertenliste erhielt für ihren Auftritt in „If Beale Street Could Talk“ bereits den Golden Globe, und nachdem die lange als potenzieller Abräumer gehandelte James-Baldwin-Verfilmung am Ende nur mit drei Nominierungen abgespeist wurde, ist die Academy der immer großartigen King auf alle Fälle einen Trostpreis schuldig.

Das Rennen um die beste männliche Nebenrolle werden der Brite Richard E. Grant für „Can You Ever Forgive Me?“ und der Kalifornier Adam Driver für „BlacKkKlansman“ unter sich ausmachen. Grant, dem unlängst Barbra Streisand auf einen Fanbrief antwortete, den er als 14-Jähriger schrieb, wäre die Wahl der Kritiker. Driver wäre die populäre Variante: Der junge Mann ist ja vor allem bekannt als Kylo Ren in den „Star Wars“-Filmen und als solcher ein waschechtes globales Popcornkino-Idol. Und es soll keiner sagen, der Oscar ginge am Geschmack der Masse vorbei.