Es gibt Themen, über die möchten die meisten Menschen nicht gern reden. Wiederkehrender Fußpilz, die letzte Steuererklärung oder: digitale Überwachung. „Es ist einfach nicht sexy. Aber wichtig“, bestätigt Till Horstmann. Mit bunten Sneakers und gestreiften Sweatshirt lehnt er sich auf der Holzbank zurück und nimmt einen Schluck Bier.

Seit fünf Monaten kommt Till regelmäßig zu den Crypto-Partys; hier will er lernen, wie er sich besser vor Übergriffen aus dem weltweiten Netz schützt. „Am Anfang war ich deprimiert, weil mir mit einem Mal die Tragweite der Situation klar wurde.“ Mittlerweile sei dieses Gefühl aber in Motivation umgeschlagen: „Nun bin ich soweit, dass ich anderen beibringen kann, was ich hier gelernt habe.“

Heute findet die Party in Friedrichshain, in einem Industriehinterhof in Ostkreuz-Nähe. Fünfzehn Leute haben sich zusammengefunden. In verschiedenen Sprachen – Schwedisch, Englisch, Französisch – wird über Urlaub am Nordkap und die Theaterlandschaft in Berlin geplaudert. Es fühlt sich nach Feierabend-Treffen an. Nur ein unscheinbares Schild an der Außenfassade des Wohnhauses deutet daraufhin, dass man hier heute lernen kann, wie man E-Mails und Chat-Nachrichten sicher verschlüsselt.

Nicht für Hacker, sondern Normalmenschen

Der heutige Organisator der Party, Martin Schmidt, ruft zur Arbeit − und zum Essen. Es gibt asiatische Nudeln und veganen Kartoffelauflauf zur Verschlüssel-Lektion. Für eine kleine Spende, ähnlich einer Volksküche, essen alle gemeinsam. Die Atmosphäre soll stimmen. Die Gründer der Crypto-Partys haben es sich zum Ziel gesetzt, auch Technik-Hasser und Computer-Muffel für die Sicherheit ihrer Daten zu sensibilisieren.

„Das hier soll keine Hacker-LAN-Party sein, sondern etwas für den Normalmenschen. Jeder kann kommen“, erklärt Schmidt. Er trägt einen grauen Baumwollpullover, schwarzer hochgestellter Kragen, breit gerahmte Brille. Auch Schmidt gleicht mehr einem Akademiker denn einem Hacker. Nur der kleine Anstecker mit dem Spruch in roten Großbuchstaben „Free Chelsea Manning!“, nach dem US-amerikanischen Soldaten und Whistleblower, verrät, wie sehr sich der Informatiker und Lehrer mit dieser Bewegung identifiziert hat.

Überhaupt wird hier nicht mit Symbolheiligen gegeizt: Edward Snowden und Julien Assange lächeln und zwinkern von unzähligen Postkarten, Buttons und Stickern. „Transparency for the State, Privacy for the rest of us!“, schreit es von einem Plakat. PGP, OTR, TOR, FTW!, ruft es vom nächsten.

„Ja, dieser Sticker ist eher was für die fortgeschrittenen Teilnehmer“, erklärt Martin Schmidt. PGP stehe für „Pretty Good Privacy“, den Algorithmus für die Verschlüsselung von E-Mails, OTR heiße „Off the Record“ und verschlüsselt die Daten aus Chats. TOR wiederum ist das Akronym für das anonyme Netzwerk „The Onion Router“, mit dem der Nutzer unerkannt durch das Netz surfen kann.

„TOR leitet die Suchanfrage über mehrere Knotenpunkte“, erklärt er die Funktion des Zwiebel-Surfens. An jedem Knotenpunkt werde die Information des Nutzers erneut verschlüsselt. Dadurch sei es unmöglich, die Suchanfrage zurückzuverfolgen. „Na ja, und FTW ist kein Code, sondern unser Motto: For The Win. Also bitte nicht mit ,Fuck The World‘ verwechseln“, sagt Schmidt und muss lachen.

Anzugträger statt Nerd

Wir haben uns in zwei Gruppen aufgeteilt: Fünf Teilnehmer sind heute hergekommen, um von Martin Schmidt zu lernen, wie sie ihre E-Mails sowohl auf ihrem Smartphone als auch Computer verschlüsseln und signieren können, während Till dem Rest der Besucher beibringt, wie sie das kostenlose und Open-Source-Betriebssystem Linux verwenden.

In der einen Ecke des Raumes stapeln sich Bierkästen in schwindelerregende Höhe, die Wände sind bemalt, und die roten Sessel an der Wand kommen wohl aus einem Kino. Aus dem Nebenraum der Bar schallt Heavy-Metal- Musik. „Da ist ein Hacker-Treffen“, sagt Till, „also, die richtigen Nerds“, fügt er hinzu und grinst dabei.

Überhaupt nennen sich hier alle gegenseitig liebevoll „Nerd“, obwohl die Beschreibung doch auf keinen passen will. Vergeblich sucht man den menschenscheuen, langhaarigen Teenager, der seit Wochen keine Frischluft mehr geatmet hat. Jung und alt, Frau und Mann sitzen hier nebeneinander, der eine im Anzug, der nächste im Kapuzenpulli. Der eine klappt den blank-polierten Mac auf, der andere den Sticker-beklebten Uralt-PC.

Profis helfen

Im Raum ist es still geworden, alle blicken gebannt auf ihre Bildschirme. Eine Teilnehmerin hat Probleme bei den Spracheinstellungen, bei einem anderen Besucher öffnet sich das Programm, ohne dass er das Passwort dafür eingeben muss. Fortgeschrittene Teilnehmer leisten Hilfestellung. Martin Schmidt hat es sich derweil in der Mitte der Couch gemütlich gemacht, das Gesicht wird von den leuchtenden bläulich Bildschirmen angestrahlt. „Jetzt bitte alle mal Thunderbird googlen und herunterladen“, weist er die Gruppe an. Er schaut nur zu.

Jeder Teilnehmer soll so viel wie möglich selber machen; nur so würde man sicher und selbstbewusst mit der Technik umgehen, findet Schmidt. Mit bunten Karteikarten versucht er außerdem, das rein theoretische Prinzip des Verschlüsselns zu erklären. Asymmetrisches Verschlüsseln, Public Key, gpg … Die oft kompliziert klingenden Mechanismen übersetzt er in einfache Sprache, spielt mit Vergleichen aus dem echten Leben. „Ich will nicht, dass die Leute hier herausgehen und noch mehr Angst haben. Dann hätten wir unser Ziel verfehlt.“ Die Teilnehmer würden manchmal ängstlich darüber flüstern, ob es diese ominöse „Liste“ der NSA eigentlich wirklich gäbe und wie, und warum man darauf landen würde. „Dazu kann ich nur sagen: Wir alle müssen auf diese Liste, das ist die einzige Lösung.“ Selbstzensur aufgrund von Angst wäre der falsche Weg.

Mit einer Hand fährt er sich über den Drei-Tage-Bart, das Leder des Sofas knirscht bei jeder Bewegung. Er selber halte sich nicht für paranoid, sagt Schmidt, es gehe ihm um das Prinzip. Oder sei jemand auch paranoid, wenn er nicht wolle, dass der Postbote seinen Brief liest, bevor er ihn zustellt? Und er sei nun wirklich kein Missionar: „Wenn du sehen würdest, dass die Leute ihre Haustür einfach offen lassen, und da wildfremde Menschen den ganzen Tag ein und aus gehen, würdest du doch auch zu ihnen gehen und sagen: ,Hey, da kann man etwas machen. Wie wäre es mit einem Vorhängeschloss?‘ Wir dürfen optimistisch bleiben, denn wir können uns schützen. Wir können etwas tun.“