André Heller, hier bei einem Pressegespräch in der Staatsoper Unter den Linden. 
Foto: Imago Images/Stefan Zeitz

BerlinAndré Heller gilt als Multimediakünstler und Vielfachbegabung, er ist Sänger, Schriftsteller, Schauspieler, Kulturmanager, Filmemacher, kurz: ein kreativer Tausendsassa. Zuletzt inszenierte er an der Staatsoper Unter den Linden „Der Rosenkavalier“ von Richard Strauss. Schon früh war er aber, wie seine aktuelle Veröffentlichung zeigt, vor allem eines: ein begnadeter Geschichtenerzähler.

Ob das auf Papier und mit Worten geschieht, ob nach Noten mit seiner Band auf der Bühne oder als überdimensionales Feuerwerk mit 15 Tonnen Sprengstoff im Himmel über Berlin 1984, nie gehen ihm die Themen und Ereignisse aus, weil er sie, ehrfürchtig staunend, beim genauen Beobachten in beiläufigen Gesten und Details wie in kuriosen Szenen entdeckt. Seine Erzählung „Hände“ etwa führt von einem brillanten Kunsttischler in Venedig über einen prügelnden Präfekten im Jesuitenkolleg, wo Heller Zögling war, bis zu Prasanna Rao, „dem bedeutendsten Schattenspieler Indiens“.

André Heller reist durch Raum und Zeit

Nachzulesen ist die geschliffen komponierte Geschichte in André Hellers neuem Buch „Zum Weinen schön, zum Lachen bitter“. Sie versammelt „Erzählungen aus vielen Jahren“, die von 1969 fast bis heute reichen. Ihre Schauplätze sind über die Kontinente verstreut, denn der 1947 geborene Autor „lebt abwechselnd in Wien, Marrakesch und auf Reisen“ – und findet überall anrührend Berichtenswertes. So wie er mühelos-charmant narrative Bögen zwischen den entferntesten Orten und Räumen schlagen kann, so auch zwischen den Zeiten.

Er mischt Kindheitserinnerungen mit gesellschaftspolitischen Betrachtungen, Psychogramme mit Fantasien, Tradition mit Vision. Dann wieder folgt er im März 1990 in der Wiener Innenstadt zufällig einem hageren Mann, in dessen Haltung, Gang, selbst den „auf und nieder hüpfende Hosenstulpen“ er tiefe Einsamkeit und Verzweiflung liest: „Eine Springflut von Mitleid erfasste mich.“ Sofort dichtet er ihm eine Biografie an. Beim Überholen erkennt er ihn verdutzt als den damaligen österreichischen Bundespräsidenten Kurt Waldheim, der wegen seiner nationalsozialistischen Vergangenheit allseits geächtet war.

Heller lässt alles leuchten

Ob Heller einen alten Kellner oder eine wankelmütige Ehefrau sprechen lässt, ob er einen masochistischen Frauenhelden vorstellt oder ein verwaistes Bauernmädchen, das die Freiheit ausprobiert, ob er mit einem Patienten aus der psychiatrischen Klinik von Cádiz oder mit der rostroten Glückskatze des Hotels Negresco in Nizza träumt, immer ist der Ton leicht und unsentimental und wie durchzogen vom Flirren eines Telegrafendrahtes an einem frühen Sommermorgen: Alles strahlt und surrt und leuchtet innig-magisch aus sich heraus.

Die Welt, wie Heller sie kunstvoll, sinnenfroh und lebendig beschreibt, ist bei Tag und Nacht ein Abenteuer für Kopf und Hirn. Ein „Schwebendmacher“ möchte der schwärmerische Bub in „1959“ werden, und bei der Lektüre dieses wunderfein–herzklugen Buches gibt es keinen Zweifel, dass André Heller genau ein solcher geworden ist – zum Glück für ihn und für sein Publikum.