Treffpunkt ist eine kleine Bibliothek im Schillertheater. In dem spartanischen Raum ist nichts von den Vorbereitungen auf der Bühne zu hören. Seit Monaten bereitet die Regisseurin Andrea Moses die zweitägige Premiere vor, eine fordernde Zeit. Jetzt, kurz davor, ist die 43-Jährige heftig erkältet.

Frau Moses, „Die Meistersinger“ wurden wie kaum ein anderes Werk von den Nationalsozialisten vereinnahmt. Wie passt ausgerechnet diese Oper zum 25. Jahrestag der Deutschen Einheit?

Wir wollten „Die Meistersinger“ ursprünglich zur Wiedereröffnung der Staatsoper Unter den Linden aufführen – die sollte ja eigentlich 2013 sein, nochmals wollten und konnten wir die Produktion aber nicht verschieben – und es war immer Daniel Barenboims Wunsch das auf den 3. Oktober zu legen. Ich, als jemand, der aus dem Osten kommt, hielt das für eine ausgezeichnete Idee.

Wieso?

„Die Meistersinger“ sind nach dem „Freischütz“ unsere zweite große nationale Oper. Das passt zu diesem Tag wie die Faust aufs Auge. Es ist ein sehr deutscher Stoff und eine Möglichkeit zur Selbstverständigung: Wer sind wir? Woher kommen wir? Wo wollen wir möglicherweise hin? Was ist in den vergangenen 25 Jahren passiert?

In der Oper aber bekennt sich Wagner zu einem Nationalismus, der eher zu der angesichts der Flüchtlinge wieder aufkeimenden Leitkulturdebatte passen mag.

„Die Meistersinger“ sind durch ihre Rezeptionsgeschichte völlig verbrannt. Die Oper wird immer auf den Schlussmonolog des Schusters Hans Sachs reduziert, …

… der über das was „deutsch und echt“ und „die heil’ge deutsche Kunst“ schwadroniert …

… für mich aber der positive Held der Werkes ist. In dem Stück kämpfen sich die Meistersänger ja gerade durch, das Neue und Fremde zuzulassen und zu respektieren. Das ist ein Prozess. Die Oper ist nicht umsonst so lang. Es ist ein hoch komplizierter Vorgang – genauso wie wir das in unserer Gesellschaft derzeit beobachten. Es ist nicht so einfach zu sagen: Jetzt mach doch mal die Tür auf, wenn du dir deiner selbst nicht sicher bist. Das ist der Punkt, der mich interessiert. Man kann erst gut mit dem Fremden umgehen, wenn man über das Eigene Bescheid weiß, selbstbewusst damit umgeht und es nicht zum Dogma erhebt.

Wie löst Richard Wagner das?

Er versucht eine Welt der demokratischen Selbstverwaltung zu kreieren. Wer darf rein, zu welchen Regeln, und wie müssen wir unsere Regeln anpassen, damit wir Fremdes aufnehmen können. Darin spiegelt sich meines Erachtens auch ein Generationenkonflikt.

„Die Meistersinger“ als Plädoyer für Offenheit und Toleranz?

Ja, als Aufforderung sich selbst wirklich zu reflektieren und nicht nur mit Schlagworten zu agieren, wie wir das im Moment oft hören. Die Leute in Dresden etwa, wo ich herkomme, die auf die Straße gehen und sagen: Wer beschützt uns? Wir als Gesellschaft müssen einen Weg finden mit diesem Thema Flüchtlinge und der daraus entstehenden Lagerbildung umzugehen, der sich jenseits von Totschlagargumenten bewegt. Da sind wir auch wieder bei der Deutschen Einheit: Noch letztes Jahr haben in einer Umfrage 54 Prozent aller Deutschen gesagt, sie empfinden keine Einheit. Als ich als Hausregisseurin an der Oper Stuttgart war, ging mir das ähnlich.

Beschreiben Sie das doch bitte einmal genauer.

Ich hatte das Gefühl, dass dieser historische Moment dort nicht annähernd so einen tiefen Eindruck hinterlassen hat, wie bei mir. Der Fall der Mauer hat vermutlich mein ganzes Leben verändert. Die Ignoranz, die mir manchmal in Stuttgart entgegenschlug, auch einmal aus dieser Perspektive die Welt zu betrachten und zu zeigen, hat mich aber doch sehr erstaunt. Für das Publikum gilt das übrigens nicht, das war das beste, das ich bis dahin hatte, total aufgeschlossen, neugierig und begeisterungsfähig.

Ist das nicht heikel, ausgerechnet dieses Stück von seiner Rezeptionsgeschichte zu lösen?

Es ist notwendig, es aus der deutschen Geschichte heraus verständlich zu machen und für unsere jetzigen Fragen zu nutzen. Das ist für meine Generation, für mich wichtig. Diese Bedrohungskulisse, die Hans Sachs am Ende aufzieht, ist doch nicht das Zentrum der Unternehmung, sondern eine historisch einzuordnende Einlassung, die wir als Entgleisung wahrnehmen. Es ist vielmehr der Kampf der Meister mit sich selbst und die reformerischen Bestrebungen von Hans Sachs, schlicht der Umgang mit Demokratiedefiziten. Bewahrung der Tradition bei gleichzeitiger Erneuerung. Jede Veränderung macht Angst und muss durchgestanden werden. Dabei entsteht doch gerade die Komödie, die „Die Meistersinger“ ja auch sind! Manchmal hilft dafür schon, das zu inszenieren, was wirklich da steht und nicht die Rezeptionsgeschichte endlos weiterzuspiegeln.