Andrea Schroeder: Wenn grau die Gänseblümchen blühen

Berlin ist ein düsterer Ort. So scheint es jedenfalls der Wahlweddingerin Andrea Schroeder, wenn sie auf ihrem neuen Album die „Ghosts of Berlin“ besingt. In wenigen, beschwörend wiederholten Zeilen hört man darin von Gräbern, auf denen graue Gänseblümchen blühen, und von lautlos durch die Straßen wandelnden, schlaflosen Geistern. Man erfährt nicht, ob es sich dabei um eine Metapher für die Zombieprozessionen aus den Clubs am anbrechenden Morgen handelt oder vielleicht doch um Hommagen an die in der Stadt begrabenen Nico und Marlene Dietrich, was durch eine gewisse stilistische Verwandtschaft in Schroeders Vortrag denkbar wäre.

An letztere erinnert mitunter ein lakonisch verführerischer Ton in der rauchigen Stimme; als beinahe flotter Titel voll ambivalent changierender Melancholie wirkt „Ghosts“ ein bisschen wie Dietrichs „Ruinen von Berlin“, worin sie im Viermächteneuanfang die Geister der Weimarer Republik gegen die Phantome des Dritten Reiches ausspielt.

An Nico wiederum scheint oft eine unbeteiligte Kühle orientiert, mit der sie ihre romantisch-verdüsterten Visionen haucht, von Spinnen im Kopf und Weinrändern wie tote Augen, von fallenden Engeln und Dämonen, von süßer Liebe bis zum Ende und Erinnerungen, die mit dem Sommer sich im Himmel verflüchtigen. Auch den deutschen Akzent in den englischen Texten und den interessant organischen Drone des Harmoniums teilt sie mit der Velvet-Underground-Sängerin.

Wehmütiger Folkrock

Musikalisch huldigt Schroeder auf „Where the Wild Oceans End“ den After Hours, hier nicht als weiche Chill-Out-Zeiten verstanden, sondern als Stunden fröstelnder Müdigkeit und posteuphorischer, wunder Ernüchterung. So schleppen sich endlos erschöpfte, dünn vereinzelte oder verzerrte Gitarrenlinien durch die Songs, schleichen kühle Geigen durch die wunderbar offenen Räume der Musik und schlurfen Bass und Drums einem viel zu fernen Zuhause entgegen.

Vordergründig hat man es mit wehmütigem Folkrock zu tun, aber bei allen landschaftlich schweifenden Motiven beruht Schroeders weitläufiger Sound ganz auf urbanen, asphalthaltigen Konzepten. Interessanterweise erkennt man auch hier einige Berliner Geister, vom elegant weltmüden Lou Reed zum bluesfiebernden Nick Cave der mittleren 80er und zu David Bowie, dessen deutsche Version von „Heroes“ sie bezaubernd und selbstverständlich in den hängenden Minimalismus des Albums herüberzieht.

Dessen Wirkung verdankt sich jedoch nicht nur der souveränen Gesangsperformance, sondern auch Schroeders Begleitern, vom sonst von den Walkabouts bekannten Chris Eckman über den dänischen Gitarristen Jesper Lehmkuhl bis zur australisch-belgischen Restband. Und so überzeugt hier nicht nur der stimmige Entwurf, sondern mehr noch eine großartige Geschlossenheit und die Sicherheit, mit der die ständig vom Auseinander- oder gar Umfallen bedrohten Songs in einer tollen, spannungsvollen Schwebe gehalten werden.

Andrea Schroeder: Where the Wild Oceans End (Glitterhouse/Indigo); Konzert: Freitag, 24. Januar, 21 Uhr, Maschinenhaus der Kulturbrauerei