Als der Spiegel am 3. September 1984 erschien, hatte er gleich drei Artikel im Blatt über den geplanten Bonn-Besuch des SED-Parteichefs Erich Honecker. Der erste befasste sich mit der Frage, ob Honecker – der den Westen bis dahin mit einer klaren Ansage noch hinhielt – im Herbst 1984 nun kommen werde oder doch nicht. Tatsächlich kam dieser Besuch nicht zustande. Im zweiten Artikel ging es um einen vom Westen freigekauften DDR-Häftling, der den SED-Chef kurz zuvor beim Bundesgerichtshof wegen Freiheitsberaubung angezeigt hatte. Und der dritte Artikel – den könnte die Stasi geschrieben haben.

Diesen Schluss lässt ein jetzt in der Stasiunterlagenbehörde aufgetauchter Vermerk zu, der in der für Terrorismusbekämpfung zuständigen MfS-Hauptabteilung XXII am 12. September 1984 verfasst worden ist. Demnach war der Autor des dritten Spiegel-Artikels, in dem es um geplante Provokationen und Störaktionen von DDR-Gegnern gegen den Honecker-Besuch ging, Andreas Jost. Der Hamburger Journalist, der damals freier Mitarbeiter beim Spiegel gewesen sein soll, hatte seit 1980 als Inoffizieller Mitarbeiter (IM) „Michael Heinrich“ für die Hauptabteilung XXII gearbeitet.

IM hielt sich „streng an diese Instruktionen“

Er habe den Text „nach Rücksprache … mit den verantwortlichen Führungsoffizieren“ verfasst, heißt es in dem Stasi-Vermerk. Man habe ihn unter anderem angewiesen, dass „mit diesem Artikel eine Entlarvung der Aktivitäten entspannungsfeindlicher und besonders hasserfüllter Feindkräfte und -gruppierungen erreicht werden muss“. Das sei erreicht worden, weil sich der IM „streng an diese Instruktionen“ gehalten habe.

Der Spiegel, mit dem Stasi-Vermerk konfrontiert, bezweifelt allerdings, dass Jost der Autor des Spiegel-Artikels von 1984 war. „Alle Spiegel-Berichte und Kommentare werden von Mitgliedern der Redaktion geschrieben. Nur in Sonderfällen bittet sie externe Autoren um einen Beitrag, diese werden in einem solchen Fall aber auch entsprechend vorgestellt und gekennzeichnet“, heißt es auf Anfrage. Allerdings seien Artikel häufig das Produkt einer Zusammenarbeit mehrerer Redakteure. Da aber Texte in dem Magazin vor dem Jahre 1998 nicht namentlich gekennzeichnet wurden, lasse sich nicht mehr feststellen, wer den fraglichen Beitrag verfasst hat, schreibt der Spiegel.

Andreas Jost lieferte eine Vielzahl von Informationen an die Stasi

Andreas Jost stand schon einmal Mitte der 1970er-Jahre als Student kurzzeitig in Kontakt mit der Stasi, weshalb er seinerzeit zu einer Bewährungsstrafe in der Bundesrepublik verurteilt worden war. Bei einer erneuten Einreise nach Ostberlin im Frühjahr 1980 wurde der alte Kontakt wieder aktiviert. In der Folgezeit lieferte der Journalist Jost, der Ende 1983 in der Hamburger Bild-Redaktion anheuerte und dort für die DDR-Berichterstattung zuständig war, eine Vielzahl von Informationen an die Stasi – natürlich ohne Wissen seiner jeweiligen Arbeitgeber im Westen.

Schwerpunkte waren dabei die Aktivitäten DDR-kritischer Gruppierungen wie die Arbeitsgemeinschaft 13. August, die Internationale Gesellschaft für Menschenrechte (IGfM) und die Konservative Aktion, die allesamt auch Umgang mit der Bild-Zeitung pflegten. Diese Gruppen wurden von der Stasi als rechtsextremistische und terroristische „Feindorganisationen“ eingestuft, weshalb sie in die Zuständigkeit der Hauptabteilung XXII fielen. Im Mai 1996 ist Jost, der bis 1989 für die Stasi arbeitete und jährlich bis zu 7000 D-Mark damit verdiente, nach einem Geständnis zu einer zweijährigen Bewährungsstrafe verurteilt worden. Er starb kurz darauf bei einem Verkehrsunfall in Luxemburg.

Mit zwei Spiegel-Mitarbeitern, darunter einem damaligen Ressortleiter, soll Jost laut MfS-Akten seinerzeit nebenberuflich zusammengearbeitet haben. Laut Stasi-Vermerk wurde der Kontakt zu dem Magazin sowohl nach innen als auch nach außen geheim gehalten, Treffen mit Spiegel-Redakteuren hätten „teilweise unter Beachtung konspirativer Regeln“ stattgefunden. Das würde auch erklären, dass man – wie der Spiegel dazu mitteilte – einen Andreas Jost unter den Redakteuren der damaligen Zeit heute nicht mehr ermitteln konnte.

Die Stasi stimmte laut dem MfS-Vermerk Josts Mitarbeit beim Spiegel ausdrücklich zu und instruierte ihre Quelle, „die bestehenden Voraussetzungen und perspektivischen Möglichkeiten zur zielgerichteten Lancierung von Informationen“ zu prüfen. Glaubt man dem Stasi-Papier, dann gelang dies zumindest bei dem Artikel über die Aktivitäten von DDR-Gegnern im Vorfeld des geplanten Honecker-Besuchs 1984.

Jost sei demnach vom Spiegel gebeten worden, über dieses Thema „selbstständig einen Artikel zu verfassen“. Der Journalist habe dafür aus internen IGfM-Materialien zitiert, die er zuvor auch dem MfS übergeben hatte, sowie im Sinne der Stasi „wörtliche Aussagen (von DDR-Gegnern – d.A.) verändert“, wie es in dem Vermerk heißt.

Ein Foto von Honeckers Geburtshaus im saarländischen Wiebelskirchen

Auch als es um die Illustration des Artikels ging, nahm Jost laut Vermerk im Stasi-Auftrag Einfluss: Er verhinderte die „öffentlichkeitswirksame Verbreitung“ einer im Text erwähnten Plakatmontage, die Honecker mit politischen Häftlingen in beiden Händen zeigt, indem er stattdessen die Redakteure „zur Verwendung eines neutralen Fotos … zu bewegen“ vermochte. Erschienen ist der Artikel mit einem Foto von Honeckers Geburtshaus im saarländischen Wiebelskirchen. Das Fazit der Stasi: „Insgesamt kann eingeschätzt werden, dass mit dem Erscheinen des durch den IMB „Michael Heinrich“ verfassten Artikels unter Wahrung der Konspiration eine positive politische Zielstellung verwirklicht … werden konnte.“

Für die künftige Kooperation des Stasi-Agenten mit dem Spiegel hatte das MfS große Pläne: Die Quelle sei beauftragt worden, „entsprechend … der politisch-operativen Zielstellung des MfS Einfluss auf die inhaltliche Ausrichtung“ eines geplanten Spiegel-Artikels über Fluchthelfer zu nehmen, heißt es in dem MfS-Papier von 1984. Auch über Einflussmöglichkeiten auf eine Veröffentlichung im Spiegel über rechtskonservative Kräfte und Gruppen in der Bundesrepublik dachte man in der Normannenstraße nach; sie sollte demnach „in Abstimmung mit der HVA … im Hinblick auf den bevorstehenden Wahlkampf 1985 vorbereitet“ werden.

Ob dies gelang, lässt sich nicht mehr nachprüfen, auch nicht beim Spiegel. Die IM-Akte von Jost ist weitgehend vernichtet worden.