Andreas Pietschmann in einer Folge von „Dark“.  
Foto: imago/Cinema Publishers Collection

BerlinEine feste Größe in der deutschen Schauspielszene ist Andreas Pietschmann, geboren 1969 in Würzburg, bereits seit mehr als 20 Jahren. Langjährige Theater-Engagements in Bochum und Hamburg finden sich in seinem Lebenslauf ebenso wie Kinofilme wie „Sonnenallee“, „FC Venus“ oder „Geliebte Schwestern“ und nicht zuletzt dutzende Fernsehrollen, von „Tatort“ und „Polizeiruf 110“ über „Das Team“ und „Vorzimmer zur Hölle“ bis „Wilsberg“, „jerks“ oder „Ku’damm 59“. Und dann ist da noch die Netflix-Serie „Dark“, in der der in Berlin lebende Pietschmann seit 2017 mitspielt. Anlässlich der dritten und letzten Staffel, die ab dem 27. Juni zu sehen ist, sprachen wir mit ihm via Zoom.

Herr Pietschmann, mit der dritten Staffel geht „Dark“ nun zu Ende, das wohl größte deutsche Serien-Phänomen der letzten Jahre. Hat die Serie in irgendeiner Form Ihr Leben verändert?

Ja, durchaus. Was das Private betrifft, habe ich neue Freundschaften geknüpft, die mir sehr wertvoll sind.  Gleichzeitig hat mich diese Arbeit in meiner Entwicklung als Schauspieler vorangebracht. Das war ja doch ein ungewöhnliches Projekt von besonderer Komplexität. Schauspielerisch und mental war die Arbeit sehr intensiv und eine außerordentliche Erfahrung. Außerdem spüre ich, dass die Aufmerksamkeit für meine Person größer geworden ist, was an den Erfolg der Serie geknüpft ist.

Dark“ wurde nicht nur in Deutschland gerne gesehen, sondern auch im Ausland. Wie macht sich das bei Ihnen bemerkbar?

Das ist natürlich eine Rückkopplung, die etwas Zeit braucht. Aber in der Tat spüre ich schon, dass mehr Anfragen aus dem Ausland kommen. Zum jetzigen Zeitpunkt würde ich eigentlich schon einen Film in Frankreich gedreht haben und für eine Serie in Italien vor der Kamera stehen, was in der aktuellen Situation leider alles auf Eis gelegt wurde. 

Wirft man einen Blick auf Ihre Followerinnen bei Instagram, ist ebenfalls nicht zu übersehen, wie groß die Fangemeinde von „Dark“ vor allem international zu sein scheint…

Ja, die Aufmerksamkeit der Zuschauerinnen und Zuschauer und ihre Rückmeldungen sind bei „Dark“  wesentlich umfangreicher als bei anderen deutschen Fernsehproduktionen, die meistens zunächst einmal auf den deutschen Sprachraum beschränkt sind. Schon ganz einfach, weil Dark gleichzeitig in 190 Ländern abrufbar ist. Der Zuspruch kommt aus der ganzen Welt. Schon nach der zweiten Staffel fiel mir auf Reisen auf, dass mich plötzlich Menschen in Griechenland, Italien oder England erkennen, wo ich früher anonym war. Schön ist, dass die Reaktionen fast immer sehr positiv sind.

Vor Beginn der ersten Staffel 2017 war all das noch nicht abzusehen, und damals war Ihre Rolle ja auch noch verhältnismäßig klein. Welche Erwartungen hatten Sie, als Sie bei „Dark“ anheuerten?

Eigentlich gar keine, denn so etwas kann man nicht hochrechnen. Erwartungen und Wünsche sind in unserem Beruf eine verflixte Sache, da kann man leicht enttäuscht werden. Deswegen habe ich es einfach nur genossen, an „Dark“ mitarbeiten zu können. Als ich damals die ersten Drehbücher las, habe ich sofort gemerkt, dass das heißes Zeug ist. Und dass ich bei dieser unglaublichen Geschichte in irgendeiner Form unbedingt dabei sein will. Dabei kannte ich da noch nicht einmal das Ende der ersten Staffel und wusste also noch nicht, wo es mit meiner Figur hingeht. Nicht einmal ihr großes Geheimnis kannte ich.

Auch Netflix war damals hierzulande ja noch eine unbekannte Größe, „Dark“ ist die erste deutsche Produktion des Streamingdienstes gewesen. Wie hat sich die Branche für Sie als Schauspieler seither verändert?

Durch diesen und auch andere neue Player hat sich für uns der Markt vergrößert. Es wird mehr und vielschichtiger produziert, nicht mehr nur fürs deutsche Kino und Fernsehen, sondern für ein größeres, internationales Publikum. Ich habe den Eindruck, dass mehr internationale Kooperationen in Gang kommen. Das gefällt mir. Es verändern sich auch die Sehgewohnheiten der Zuschauer, die es – wie ich übrigens auch – sehr schätzen, dass man die Inhalte wann, wo und wie oft auch immer man möchte, abrufen kann. Auch die deutschen Fernsehsender haben diesen neuen Sehgewohnheiten der Zuschauer ja längst mit umfangreichen Mediatheken Rechnung getragen.

Und inhaltlich? Hinterlassen da Netflix und Co. auch schon sichtbar Spuren auf dem hiesigen Markt?

Ja , die Inhalte und Themen verändern sich auch. Plötzlich erreicht man mehr Menschen und auf individuellere Art, deswegen kann man es wagen, beispielsweise Nischenthemen zu bedienen, mehr Genre zu produzieren und insgesamt mutigere Geschichten zu erzählen. Genau das hat „Dark“ gemacht. Die Macher haben großen Mut bewiesen und sind keine Kompromisse in der Hoffnung auf Zuschauer eingegangen. Ich denke nicht, dass eine solche Serie noch vor Jahren im deutschen Fernsehen so ein breites Publikum gefunden hätte. Wahrscheinlich höchstens ein paar Nachteulen um 0 Uhr. Schon allein diese Komplexität des Erzählens auf verschiedenen Zeitebenen habe ich in den Projekten, die ich vor „Dark“ gedreht habe, hierzulande eigentlich nicht gefunden. Aber inzwischen scheinen immer mehr Verantwortliche bereit zu sein, vom Zuschauer mehr zu fordern und zu erwarten. Jedenfalls merke ich den Büchern, die mir inzwischen angeboten werden, an, dass der Horizont breiter und der Atem länger wird.

Kurz noch zur aktuellen Arbeitssituation, die Sie eben schon andeuteten. Die Arbeit an „Dark“ war ja durch die Corona-Pandemie nicht mehr beeinträchtigt, oder?

Zumindest nicht die Dreharbeiten. Damit wurden wir vor Weihnachten fertig. Und auch die wenigen Nach-Drehs, die es bei so einem umfangreichen Projekt ja immer gibt, konnten noch kurz vor dem Lockdown fertig gestellt werden. Aber der Schnitt und die ganze Postproduktion waren dann schon betroffen. Das wurde  teilweise schwierig, zum Beispiel bei den zusätzlichen Tonaufnahmen, für die wir Schauspieler noch ins Studio mussten: Termine finden, Abstand halten, beim Gang ins Studio niemandem begegnen, für die Aufnahmen immer nur ein Schauspieler alleine im Raum und so weiter.  Und das gilt sicherlich erst recht für die Synchronisationsarbeiten in den anderen Ländern, schließlich wird „Dark“ ja in viele Sprachen übersetzt.

Inzwischen tut sich zum Glück wieder etwas in der Film- und Fernsehbranche. Oder macht Ihnen der Gedanke an Dreharbeiten unter diesen Umständen Angst?

Nein, es ist einfach wichtig, dass es wieder losgeht. Man kann ja Konzepte finden, und das ist auch schon geschehen, wie vorsichtig und unter Berücksichtigung der Auflagen gedreht werden kann. Bis zu einem gewissen Grad kann man die Begegnungen am Set minimieren, Abstand halten, und wenn die Kamera nicht läuft, trägt man Mundschutz. Das geht schon, selbst wenn es erst einmal eigenartig sein wird. Allerdings darf man auch nicht vergessen, dass wir noch weit entfernt sind vom normalen Stand in unserer Branche. Was im Moment gedreht wird, sind erst einmal nur ein paar ausgesuchte Produktionen, die zum Beispiel schon angedreht waren oder fast fertig geplant waren, lang laufende Reihen und Serien zum Beispiel. Aber das sind sehr wenige. Die meisten Filmschaffenden laufen, so wie ich, noch größtenteils und seit einigen Monaten schon ohne Arbeit herum. Außer einem Hörbuch konnte ich zum Beispiel seit Mitte März, als mein Dreh zu einem „Tatort“ abgebrochen werden musste, nicht arbeiten. Bis das wieder auf einem normalen Niveau ist, wird es noch lange dauern.