Blick aus dem Gartenzimmer eines realen Berliner Hauses am Wasser, der Villa Borsig.
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BerlinEin Buch kann wie ein Haus sein, einladend und vor äußeren Einflüssen abschottend. In den Zimmern oder Kapiteln haben Bewohner ihre persönlichen Markierungen gesetzt. Andreas Schäfers neuer Roman „Das Gartenzimmer“ kreist um eine Villa in Berlin-Dahlem – ein neoklassizistischer Bau mit Spitzdach und Säulen, so raffiniert an einen Hang gesetzt, dass er für Betrachter aus der Ferne zu schweben scheint. Ein junger Architekt, Max Taubert, hat 1909 all seine Fantasie, sein Wissen und seinen Traum von zeitgemäßer Wohnlichkeit in das Haus investiert. Mehrere Sichtachsen, Nischen mit spezieller Beleuchtung, eine herrschaftliche Terrasse: Mit diesem Bau wollte Taubert berühmt werden und wurde es auch.

Andreas Schäfer erzählt glaubwürdig die Geschichte dieses Mannes, den es nicht gab. Er hat sie aus den Biografien und Arbeiten von Architekten des Neuen Bauens und des Bauhaus-Umfeldes collagiert. Die Wahl des Namens lässt an die Brüder Max und Bruno Taut denken, die unterschiedliche Stile verfolgten. Im Roman wird der Referent des Kulturstaatsministers im Jahr 2001 Taubert so charakterisieren: „Kein sozialer Siedlungsbau und jedes Gebäude vollkommen eigenständig. Eine lange Kette funkelnder Solitäre. Ich halte ihn sogar für eine tragische Figur. Sein visionärster Entwurf – die Brücke über den Wannsee – wurde nicht gebaut, und die Bibliothek, die ihn bekannt machte, fiel Speers Größenwahn zum Opfer.“

Taubert wechselt im Roman bald vom Rang der Hauptfigur zu dem einer Randgestalt, der Blick wandert zu den Bewohnern des Hauses: Die Ehepaare Adam und Elsa Rosen sowie Hannah und Frieder Lekebusch. Die Rosens haben sich die Villa bauen lassen, nah an der Stadt, doch von ihr abgeschieden, dicht am Wannsee, durch den sie mit einem Schicksalsschlag verbunden sind. Die Lekebuschs entdeckten die Villa um die Jahrtausendwende für sich und ließen sie denkmalschutzgerecht sanieren.

Hitlers Rassenideologe Rosenberg inspiziert die Villa

Der Roman springt kapitelweise zwischen den Zeiten, auf der einen Ebene läuft die Handlung von 1908 bis 1945, auf der anderen von 2001 bis 2013, bleibt dabei immer in Berlin. Die Jahreszahl ist jeweils angegeben, in einem Jahr gibt es mehrfach den Zusatz „Ein Tag im Mai“, hier dehnt sich die Erzählung. Manchmal baut der Autor kleine Verbindungsstege zwischen den Zeiten, etwa von massierenden Händen in Elsas Nacken zu einem liebkosenden Kinn im Nacken von Hannah.

Die Sprache ist den Epochen leicht angepasst, so sieht der junge Taubert am Nollendorfplatz den Bahnhof der Hochbahn als „gewaltiges Insekt“, wie ein Tier, „dessen Rüssel die eilig auf ihn zustrebenden Passanten gierig aufnahm“. Über einen Künstler der Gegenwart heißt es, er sei womöglich nur „ein geschickter Malerdarsteller“, erziele aber Preise, „von denen selbst einige Sonntagskinder der Leipziger Schule nur träumen können“.

Auf beiden Ebenen gewinnen einzelne Figuren nach und nach an Kontur. Wenn der Autor private Erlebnisse mit der gesellschaftlichen Situation verknüpft, trägt er nicht bloß Zeitkolorit auf die jeweilige Etage seines Romangebäudes auf. Brisante Fragen sind hier so an die Villa und ihre Bewohner geknüpft, dass sie sich organisch einfügen. Elsa Rosen erlebt, wie ihr Mann, dem alles Militärische zuwider war, sich in der Weimarer Republik verstärkt nationalistisch gibt. Sie aber wollte in ihrem Haus den Geist und die Künste versammeln, noch hundert Jahre später gibt das Gästebuch Auskunft davon. Dazwischen ist viel passiert, nicht nur der Krieg. Am folgenreichsten sollte sich für Elsa Rosen der Besuch von Hitlers Rassenideologen Alfred Rosenberg erweisen, den Andreas Schäfer in eine Szene mit unbehaglichem Unterton kleidet. Rosenberg hat es auf das Gartenzimmer abgesehen, deshalb also gibt es dem Roman den Titel, nicht etwa die Villa selbst.

Mit dem Haus sind nicht nur für Elsa Rosen einschneidende Erfahrungen verknüpft. Hannah Lekebusch, die versucht, die Aura der ersten Besitzer einzufangen und wiederzubeleben, passt dabei ins Eventkultur-Berlin aus der Zeit vor Corona. Sie glaubt, einen einflussreichen Journalisten in ihrem Sinne zu benutzen, doch nutzt auch er sie aus. Der Autor rettet seine Figur durch die Perspektive einer Außenseiterin. Ana, die Tochter ihrer brasilianischen Putzfrau, verurteilt den Ehrgeiz der Hausherrin nicht. Im Roman wird Ana noch ihre eigene Geschichte bekommen, plausibel und auch politisch grundiert.

Andreas Schäfers bestes Buch

Das Haus an sich ist schon besonders, die Erzählweise des Autors verfängt bereits damit, wie er diesen Bau errichtet, mit Bedeutung und mit Atmosphäre auflädt. Wie ein Architekturmodell betrachtet er es von verschiedenen Seiten, wie ein Puppenhaus für Kinder ist es mit Figuren bestückt, die alle eine spezifische Rolle spielen. Die Liste baulicher Mängel, wollte man sie für diesen Roman anlegen, wäre unerheblich kurz. Es ist das bisher überzeugendste Buch des 1969 geborenen Autors, der – natürlich – in Berlin lebt.

Einmal scheint es Frieder Lekebusch beim Betrachten des Hauses, dass die Luft zwischen ihm und dem Gebäude flimmert, „als könnte er, wenn er die Hand ausstreckte, die Zeit berühren“. Genau das schafft Andreas Schäfer mit seinem Roman, so flirrend und doch handfest wirkt sein Gebäude aus Worten. In diesem Buch kann man seine Zeit sehr anregend und angenehm verbringen.

Andreas Schäfer: Das Gartenzimmer. Roman. Dumont, Köln 2020. 350 S., 22 Euro