Was für eine Geste: Der Kopf kühn gewandt, die Augen seherisch weit geöffnet, der Mantel strafft sich über der breiten Brust, die Locken wehen dynamisch. Ein Herrscherbildnis, würdig den Büsten Berninis von Ludwig XIV. im Schloss Versailles: Prinz Friedrich von Homburg, zwischen 1700 und 1705 geschaffen von Andreas Schlüter, jetzt zu sehen im Berliner Bode-Museum.

Alleine schon diese eine Skulptur ist jedes Schlangestehen wert. Hier erlebt man, warum Schlüter in der preußischen und schon gar in der berlinischen Kunstgeschichte eine Ausnahmefigur ist. Und staunt, dass er nur ein Mal bisher in einer Ausstellung gewürdigt wurde, 1964 im Bode-Museum. Andererseits: Seine Hauptwerke sind meist zerstört, im besten Fall – der Kanzel der Marienkirche – durch Umbau in ihrer Wirkung beschädigt. Die erste und bisher letzte Biografie erschien 1935. Aber wenn Preußen mehr wirtschaftliche und kulturelle Substanz gehabt hätte, hätte Schlüter vielleicht Berlin schon im frühen 18. Jahrhundert zu einem internationalen Kunstzentrum machen können. Der Auftakt barocker Hofkultur unter Kurfürst Friedrich III., der sich 1701 selbst zum König Friedrich I. in Preußen krönte, war jedenfalls grandios genug. Doch 1713 brach die Kunstblüte wieder ein. Der Nachfolger Friedrich Wilhelm I. war nur am Nützlichen, aus protestantischer Sicht, interessiert, alles darüber hinaus galt als Verschwendung. Schlüter musste gehen, wurde von Kaiser Peter I. von Russland als Hofbaumeister engagiert. Aber schon 1714 starb er in St.Petersburg, sein Grab ist verschollen.

Er kam aus Polen

Auch seine Geburtsdaten sind ungewiss. Um 1650 wird Schlüter im der polnischen Krone unterstehenden Danzig geboren, vielleicht aber auch in der freien Hansestadt Hamburg. In jedem Fall wuchs er in kulturellen Klimata auf, die weltoffen waren. Am Hof Jan III. Sobieskis in Warschau, für polnische Magnaten und Klöster arbeitete er – und kam so auf den internationalen Standard. Diese nämlich hatten sich italienische, französische und niederländische Künstler geholt und waren dem brandenburgischen Hof und Adel kulturell oft weit überlegen. Man vergleiche nur die massigen Stuckaturen im Schloss Köpenick mit dem barocken Rausch in Vilnius oder Krakaus Kirchen, die Bauten Tilman von Gamerens in Warschau mit dem, was um 1690 in Berlin so üblich war.

Schade, dass dieser polnische Ausgangspunkt Schlüters in der Ausstellung erst ganz am Ende deutlich wird, in einem Film. Der Auftakt hingegen wird gebildet durch hinreißende Skulpturen aus dem Besitz der Hohenzollernfürsten. Warum nicht einige Fotos oder gar Skulpturenabgüsse aus Polen? Man wolle, so der Direktor der Gemälde- und Skulpturengalerie, Bernd Lindemann, nur originale Kunstwerke zeigen. Und so wird wieder einmal der kulturelle Maßstab, vor dem Brandenburg-Preußen agierte, historisch ziemlich unkorrekt nur im Westen gesucht.

Stadtansichten von Paris zeigen, wie das Reiterstandbild des Großen Kurfürsten die Stadt an der Spree mit der Metropole an der Seine vergleichbar machen sollte – bis heute ein uneinlösbarer Traum. Das Schlosssilber steht in voller Höhe und nicht gedrängt wie im Köpenicker Kunstgewerbemuseum – ein Erlebnis. Die Krieger aus dem Zeughaus in Akademie-Gipsen, in Zeichnungen und in Radierungen von Rode – ein Muss. Die Skulpturen von der Alten Post und die Türen aus dem Berliner Schloss – Pracht und Eleganz auf höchstem Pariser Niveau.

Aber leider werden nur diejenigen Werke ausgestellt, die noch „ansehnlich“ sind, wie Lindemann sagte. Dabei wäre diese Ausstellung Gelegenheit zum großen Rundumschlag gewesen: Alles Schlüter’sche zusammenbringen, was transportabel ist. Das wäre zumal wichtig gewesen angesichts jener zwei Säle, in denen total unkritisch für den aktuellen Nachbau der Schlossfassaden geworben wird. Dass die Staatlichen Museen an dem Projekt beteiligt sind, sollte sie nicht der Pflicht entheben, die viel debattierte Frage von Kopie und Original wenigstens anzusprechen. Eines nämlich ist sicher: Spätestens die nächste Generation wird dieser Fassade ansehen, dass sie aus dem 21. Jahrhundert stammt. Bildhauer können ihrer Zeit nicht entgehen.

Gerne wüsste man auch mehr vom Münzturmprojekt. Schlüter wollte neben dem Schloss den höchsten Turm Europas bauen, er scheiterte dramatisch am weichen Berliner Baugrund. Seine Konkurrenten am Hof weideten sich daran. Immerhin aber blieb sein Ruf als Architekt so groß, dass Peter I. ihn nach St. Petersburg verpflichtete. Um das zu verstehen, genügen drei schöne, oft publizierte Zeichnungen nicht. Sicher, auch Schlüter und seine Auftraggeber blickten nach Rom, Paris, Amsterdam, London, Wien und Warschau. Aber was dachte man sich dort über das grandiose Reiterdenkmal, das Schloss, den Münzturm? Kannte man sie überhaupt? Fragen, die offen bleiben. So wie überhaupt die Wirkungsgeschichte des Künstlers wieder einmal dem Kult um das einsam schaffende Genie untergeordnet ist. Nicht einmal einen Gehilfen hatte Schlüter offenbar.

Schönheit vor Geschichte

Dabei begründete er eine handwerkliche Tradition in Berlin, von der noch die Akademie des späten 18. Jahrhunderts zehrte, aus der dann Schadow und Rauch aufwuchsen. Und wie stand es eigentlich mit dem Neubarock der 1890er-Jahre, der Begeisterung von Kaiser Wilhelm II. für Schlüter? Lange vor den Kunsthistorikern, die erst in den 1920ern wirklich Zugriff nahmen, interessierten sich die Künstler für Schlüter. Selbst Schinkel, jedem barocken Schwung abhold, huldigte ihm gerne, schon gar der Neptun-Brunnenbildhauer Carl Begas oder Ernst von Ihne, der das Bode-Museum auf Wunsch Wilhelms II. in schlüterschen Formen gestalten sollte. Und was hat es auf sich mit dem Schlüter-Kult der Nazis?

All dies bleibt offen, trotz oft sehr locker bestückten Sälen. Der Schönheitskult in dem Museum überwindet systematisch das historische Interesse. Schlüters Bedeutung wird also wohl auch weiterhin derjenigen Schinkels unterliegen. Diese Ausstellung ist zu wenig barock, zu wenig ausschweifend, um ein neues Bild berlinischer Kunstgeschichte zu konstruieren. Dabei war Schlüter doch in einem ganz und gar Berliner: In der Ambition, das Vorhandene zu übertreffen. Man sollte sich am Ende des Rundgangs noch einmal vor das Bildnis des Homburgers begeben. Um so etwas zu sehen, muss man sonst nach Paris fahren. Oder nach Warschau. Schlüter war viel zu groß für Berlin.

Andreas Schlüter und das barocke Berlin, Ausstellung bis 13. Juli im Bode-Museum, Katalog 49,90 Euro