Andreas Steinhöfel.
Foto:  Pablo Castagnola

Man kommt am Landwehrkanal vorbei und am Spielplatz auf der Grimmstraße in Kreuzberg, wenn man zu Andreas Steinhöfel geht. Bei schönem Wetter sitzen hier die Leute auf Bänken, Straßenpollern und Bordsteinen. Mit seinem schwarzen Kapuzen-Sweatshirt passt Andreas Steinhöfel in diese Gegend. Er bietet an, Kaffee oder Tee zu kochen und setzt sich so hin, wie der Fotograf es will. Viel ist er im Moment nicht zu Hause. Er reist von Lesung zu Lesung, gibt Interviews, holt sich Preise ab.

Sie haben gerade den Erich-Kästner-Preis erhalten. Haben Sie als Kind Kästner gelesen?

Ja, ich muss allerdings sagen, fast ausnahmsweise.

Ausnahmslos meinen Sie?

Nee, Sie haben schon richtig gehört. Weil ich nicht aus einem Bücherhaushalt komme. Meine Eltern hatten einfach kein Geld für Bücher. Wir reden hier von einer Kindheit in den sechziger Jahren. Ich war auf die Stadtbücherei angewiesen. Kinderbücher waren dort die Ausnahme. Es gab nur fünf. Eines davon war „Jim Knopf“ von Michael Ende, das wurde dann später das Buch für mich. Aber es gab dort auch einen Sammelband von Erich Kästner. „Das doppelte Lottchen“ habe ich geliebt.

Warum?

Es hat mich tief geprägt, weil es eine Scheidungsgeschichte war und bei meinen Eltern damals schon der Haussegen schief hing. Deren Scheidung kam zwar erst später, aber ich hatte mich schon lange davor gefürchtet. Als Kind wünscht man sich, dass die Eltern glücklich miteinander sind. Beim „Doppelten Lottchen“ hatte ich das Gefühl, dass da einer weiß, wie es mir geht. Das war unglaublich tröstlich. Kästner war bei mir immer assoziiert mit Trost.

Ich habe erwartet, dass Sie sagen, „Emil und die Detektive“ hätte Sie geprägt. Schließlich wird in Ihrem Buch „Rico, Oskar und die Tieferschatten“ der Held auch detektivisch tätig.

Klar, das denken alle. Mein Rico wird immer mit ihm verglichen. Allerdings kommen die Rezensenten bei jeder Kinder-Abenteuergeschichte, die in Berlin spielt, auf den Emil. Ich habe ihn jedenfalls nicht bewusst persifliert oder zitiert oder was auch immer die Kritik meint.

Der Emil wird heute auch deshalb noch so geschätzt, weil man die Stadt in dem Buch wiedererkennt. Wird das in achtzig Jahren mit ihrem Rico-Buch auch so sein?

Da haben wir es wieder. Was soll ich dazu sagen? Das kann man sich als Autor nur wünschen, aber keiner weiß es.

Die Handlung spielt sich im Wesentlichen in ein paar Kreuzberger Straßen zwischen dem Landwehrkanal und Karstadt am Hermannplatz ab. Sie wohnen selbst mittendrin. Ist das nicht ein merkwürdiges Gefühl?

Nein, gar nicht. Ich habe mich sogar gefragt, ob ich nicht noch mehr über die Dieffenbachstraße erzählen sollte. Aber wenn man aus der Perspektive eines Kindes schreibt, das, seit es sich erinnern kann, in derselben Straße lebt, ist sie für ihn so alltäglich, dass man sie als Autor auch nicht genauer beschreiben darf. Sonst tritt man aus der Figur raus.

Sie selbst kommen aus der Provinz, aus Nordhessen. In einer Kindheits-Anthologie schreiben Sie von Ihrem Vater, für den Berlin als Frontstadt politisch sehr wichtig war und der seinen Söhnen Patriotismus einbläuen wollte.

Für ihn war alles, was jenseits der östlichen Grenzen der BRD war, von den Kommunisten besetztes Land. Berlin, der alten Reichshauptstadt, ist seiner Meinung nach von den Amerikanern und den Kommunisten ganz viel Unrecht angetan worden.

1991 sind Sie selbst dann nach Berlin gezogen. Wie haben Sie sich der Stadt angenähert?

Das war echt schwer. Als ich mit meinem Freund hierher kam, war es für mich extrem negativ besetzt. Die ersten drei Jahre haben wir in Friedrichshain gewohnt, ausgerechnet in der Simon-Dach-Straße, die später zur Szenestraße wurde. Damals sah die genauso abbruchreif aus wie der ganze Rest vom Osten. Das fand ich fürchterlich deprimierend. Und als Schreibtischtäter, ich arbeite ja auch als Übersetzer, kam ich fast nie vor die Tür, erlebte also die Stadt nicht. Sie war mir zu groß. Berlin war für mich ein uferloser Moloch, der wie eine fette Amöbe auf der Landkarte lag.

Warum leben Sie dann hier?

Ich würde niemals mehr aus Berlin weg wollen. Früher hatte ich Schwierigkeiten mit der Berliner Mentalität. Ich entsprach eher dem hanseatischen Modell, war etwas zurückhaltend. Inzwischen schätze ich die Berliner Art, dieses Direkte.

Drei Jahre nach Ihrer Ankunft, 1994, erschien Ihr Kinderroman „Beschützer der Diebe“, der spielt schon in Berlin. Haben Sie sich die Stadt erschrieben?

Ja, das war regelrecht eine therapeutische Maßnahme. Ich hatte mir gedacht, du musst raus, die Straßen erkunden. Tatsächlich hat sich mein Verhältnis zu der Stadt durch das Schreiben verändert, weil ich gezwungen war zu gucken.

In diesem Buch geraten drei Kinder durch ein Spiel in einen Krimi, der auf der Museumsinsel spielt. Wie sind Sie darauf gekommen?

Irgendwann hatte ich so viel von der Stadt gesehen, dass es reichte, um diese Gegenden im Ost- und Westteil drei Figuren zuzuordnen. Auf der Museumsinsel führe ich sie zusammen. Und das Pergamonmuseum habe ich geliebt. Das war wie ein Refugium für mich in Berlin, da bin ich oft hin.

Und dann kam mit „Der mechanische Prinz“ über einen Jungen, der seinen Eltern egal ist und von zu Hause fortläuft, Ihr Ausflug in die Unterwelt Berlins.

Eigentlich ist es der Ausflug in die Unterwelt eines Kindes. Man bewegt sich nicht durch Berlin, sondern durch den Kopf des Jungen.

Wie bei einem Computerspiel?

Ja, das habe ich ganz bewusst gewählt, weil die Kinder das kennen. Mein Held durchschaut dabei immer mehr, was ihn umtreibt und bekommt dann nicht irgendwelche Punkte oder Schwerter zur Belohnung, sondern reift selber.

Sie wissen offenbar viel darüber, was Kinder so umtreibt. Wenn man Ihr Publikum bei Lesungen beobachtet, hat man den Eindruck, die fühlen sich gut in Ihren Büchern aufgehoben. Wie nähern Sie sich der Erfahrungswelt der Kinder an? Sie haben selbst keine.

Das ist ein bisschen anstrengend, wenn immer von Erwachsenen die Frage kommt, wie können Sie für Kinder schreiben, wenn Sie keine haben? Vielen reicht das schon, um mich abzuqualifizieren - was mich immer zu der Gegenfrage reizt: Wie viele Leute muss ich umbringen, damit ich einen Krimi schreiben darf? Insofern ist Fühlen schon das richtige Wort. Mein Schreiben ist ein Rückgriff auf die eigene Kindheit, auf das eigene Empfinden als Kind. Früher dachte ich, das sei jedem gegeben. Heute weiß ich, das ist gar nicht so. Ich reflektiere das nicht weiter, ich suche auch nicht danach. Damit es mich nicht verlässt, wenn ich anfange, es auseinander- zunehmen und zu bekaspern.

Foto: Pablo Castagnola
Andreas Steinhöfel

In Battenberg, in Nordrhein-Westfalen 1962 geboren, wuchs Andreas Steinhöfel in der hessischen Stadt Biedenkopf auf. Er arbeitet als Übersetzer und Rezensent und schreibt Drehbücher - vor allem aber ist er Autor zahlreicher Kinder- und Jugendbücher wie "Beschützer der Diebe", "Es ist ein Elch entsprungen", "Die Mitte der Welt" und "Defender". Er lebt in Berlin.
Anfang März wurde ihm für sein Gesamtwerk der Erich-Kästner-Preis 2009 verliehen. Bisher haben diesen Preis Peter Rühmkorf, Loriot, Robert Gernhardt und der Zeichner Tomi Ungerer erhalten.

Wenn Sie sich beim Schreiben zurückversetzen, holen Sie sich dann die guten Momente Ihrer Kindheit zurück wie Erich Kästner, der ja auch eine schwere Kindheit hatte?

Das passiert einfach, ich muss mich nicht reindenken. Vermutlich bin ich in diesem Sinne immer noch ein Kindskopf. Ich reflektiere das nicht weiter, ich suche auch nicht danach. Damit es mich nicht verlässt, wenn ich anfange, es auseinanderzunehmen und zu bekaspern.

Wenn man Ihre Bücher liest, kommt es einem vor, als würden Kinder so schlagfertig und pointiert reden wie Sie schreiben. Wie machen Sie das?

Na ja, da feile ich auch daran. Kein Kind will zehn Seiten Prosa lesen. Jeder Leser liebt die Stellen, wenn die Dialoge kommen, weil endlich was passiert. Als Autor bist du dann nah an den Figuren dran. Die Dialoge sind relativ dicht an meinem Sprachdenken, aber ich weiß, das ist immer Kunstsprache. Es gäbe, glaube ich, auch nichts Schrecklicheres, als ein Buch, das in den Dialogen authentisch Sprache abbildet, mit allen autonomen Äußerungen, allen Versprechern, dem ganzen grammatikalischen Gemüsegarten.

In „Rico, Oskar und die Tieferschatten“ schildern Sie eine Depression als graues Gefühl, erzählen vom - unter Alkoholeinfluss - Blödsinn fuselnden Nachbarn, von einer Fundnudel auf der Straße und nennen Rico ein tiefbegabtes Kind. Wie suchen oder finden Sie solche Wendungen?

Das kommt, wenn man in der Figur ist. Auch wenn das jetzt mystisch klingen mag. In dem Moment, in dem ich versuche, mich in eine Figur einzufühlen, kommen auch die Wörter. Bis auf das „tiefbegabt“.

Ist das nicht von Ihnen?

Doch. Aber es war eine bewusste Frage des Erwachsenen Steinhöfel. Wenn es hochbegabte Kinder gibt, was ist das Pendant? Es gibt keinen guten Ausdruck für doof oder Volltrottel. Dann war mir klar: Das Gegenstück muss tiefbegabt heißen. Daran hängt letztlich die Erfindung von Rico und des ganzen Buchs. Ich dachte mir ein Kind, das selbstbewusst von sich sagt, es denke zwar langsamer als andere, sei aber nicht doof, sondern nur tiefbegabt. Damit kam die ganze Geschichte in Gang. Der Komplementär musste natürlich ein besonders Schlauer sein. So funktioniert Literatur, so kam zu Rico der hochbegabte Oskar. Die Idee, die mir Spaß gemacht hat, war, dass nicht wie üblich der Schlaue die Geschichte erzählt und man über den Doofen lacht. Ich wollte das mal umdrehen. Die Gags ergeben sich dennoch von ganz alleine, weil der Schlaue nämlich auch einen Defekt hat. Oskar ist ja ziemlich paranoid.

Deshalb wagt er sich nur mit Sturzhelm aus dem Haus. Eigentlich ist der Hochbegabte das bedauernswerte Bürschchen.

Auf jeden Fall. Im zweiten Teil geht es Oskar so schlecht, dass er sogar aufs Bio-Essen verzichtet und nur noch Nutella-Brote zu sich nimmt.

Kindererziehung mit Disziplin und Werten auf der einen Seite und die Verwahrlosung von Kindern auf der anderen sind Themen, die derzeit viel öffentlich diskutiert werden. Was bedeutet das für Sie als Kinderbuchautor?

Als Autor bin ich ja nicht dafür da, das Tagesgeschehen zu kommentieren. Aber in der Tat ist „Rico, Oskar und die Tieferschatten“ das erste Buch, bei dem ich auf eine bestimmte Weise auch politisch rangegangen bin. Weil mich einiges an der gegenwärtigen Diskussion in Deutschland extrem nervt: Es klingt so, als würden die aus der Unterschicht oder dem Prekariat, wie auch immer das politisch korrekt heißt, ihre Kinder im Kühlschrank verrecken lassen. Und als würden die anderen, die ihr Kind mit drei Jahren zum Chinesisch- oder Yogaunterricht schicken, viel besser sein. Bei denen gibt es aber auch Druck, der ist nur viel subtiler.

Weil die ihre Kinder zu bestimmten Leistungen bringen wollen?

Ja, da wird eben nicht geprügelt, aber mit psychischen Mitteln vorgegangen. Das sind natürlich beides Extreme. Aber ich mag diesen Eindruck nicht, dass Leute mit einem miesen Bildungsniveau unfähig seien, ihre Kinder mit Liebe und Respekt großzuziehen. Deswegen lasse ich Ricos Mutter ganz bewusst in einem Nachtclub arbeiten. Sie füttert das Kind mehr mit Fastfood, als dass sie selber kocht, aber sie liebt das Kind. Das wird diesen kleinen Jungen, der einigen Anlass hätte, an der Welt zu verzweifeln, über drei Bücher tragen - durch dieses grundsätzliche Vertrauen in die Liebe eines Menschen.

Aber diese Mutter arbeitet nachts und ist dann nicht zu Hause bei ihrem Sohn.

Das ist ein Balanceakt, klar. Ich habe lange überlegt, wie weit treibst du das mit Ricos Mama. Lässt du sie eine Prostituierte sein oder Barfrau? Bleib mal flockig, dachte ich, lass sie lieber eine Barfrau sein.

Sie geben dem Jungen einen Lehrer zur Seite, der seine Fähigkeiten erkennt. Ist das auch so ein politischer Ansatz? Wollten Sie bewusst einen guten Lehrer darstellen?

Ich habe ein durchaus kritisches Lehrerbild. Ich bin übrigens gut befreundet mit Gerlinde Unverzagt. Das ist die Autorin des „Lehrerhasser-Buchs“, was so bierernst aufgenommen wurde. Also: Mein Lehrerbild ist nach beiden Seiten hin offen. Ich wollte einen positiven zeigen. Ich treffe bei den Lesungen oft auf engagierte Lehrer. Und dann werde ich häufig von den Kindern gefragt wie das mit dem Bücherschreiben ist. Mit einem schrägen Blick zum Lehrer kommt dann die Frage, ob man eine gute Deutsch-Note braucht. Ich sage ihnen: Pfeift auf eure Deutsch-Noten! Die haben nichts damit zu tun, ob du gut schreiben kannst oder nicht. Vielleicht etwas mit der Rechtschreibung. Aber dafür gibt‘s Computer oder Lektoren.

Und wenn die Lehrer fragen, wie die Kinder zum Lesen kommen, die sich nicht für Bücher interessieren, was sagen Sie dann?

Dann haben sie leider Pech gehabt. Leseförderung fängt nicht in der Schule an, sondern bei den Eltern zu Hause, die mit den Kindern lesen oder ihnen was vorlesen. Wenn das nicht passiert, dann hast du es ab der Grundschule schon schwer. Wenn da nicht noch übers Vorlesen versucht wird, die Kinder für Bücher zu begeistern, ist es zu spät. Irgendwann ist der Zug abgefahren. Andererseits macht für mich einen guten Menschen nicht aus, ob er je ein Buch gelesen hat oder nicht. Ich würde das Lesen immer verteidigen und finde es auch ganz wichtig, aus vielen, vielen Gründen. Aber es darf nie Maßstab dafür sein, wie ich einen Menschen beurteile. Ich kenne Menschen, die haben noch nie ein Buch gelesen, aber die sind patent, hilfsbereit, warmherzig - alles, was ich von anderen Menschen haben möchte.

Die Hörbuch-Version Ihres Rico-Buches lesen Sie selbst, und das so gut, dass es als Hörbuch des Jahres 2008 ausgezeichnet wurde. Wie wurden Sie eigentlich zu einem so guten Vorleser?

Vielleicht ist das in einem Kindheitstrauma von mir begründet. Als ich in der 6. Klasse war und am Vorlesewettbewerb des Börsenvereins des deutschen Buchhandels teilgenommen habe, war ich Klassensieger und ging zum Schulentscheid.

Mit welchem Buch?

Das ist genau die Geschichte. Bei meinen Eltern gab es doch keine Bücher. Also habe ich etwas aus dem Schul-Lesebuch der 3. Klasse vorgelesen, das ich noch hatte. Gewonnen hat ein Mädchen mit einer rührenden Geschichte über einen Baum im Hinterhof, der gefällt werden sollte.

Das grüne Gewissen!

Genau. Ich habe später trotzdem die Grünen gewählt. Aber da kommt doch hinterher dieser Typ von der Jury zu mir und sagt: Eigentlich hast du am allerbesten von allen vorgelesen, aber mit dem Lesebuch, das geht doch nicht. Das muss man sich mal vorstellen: Da kriegst du als Kind gesagt, es kommt nicht auf dein Talent an, sondern auf die Kohle und auf deine richtige politische Einstellung. Wahrscheinlich bin ich einfach aus Trotz ein guter Vorleser geblieben. Das hat mich so weit verfolgt, dass ich mich später selber als Juror beim Vorlesewettbewerb mit anderen Juroren gestritten hab. Beim Landesausscheid in Magdeburg war ein Mädchen, das wunderbar aus Stephen King gelesen hatte, irgendetwas mit einem Werwolf, da spritzte das Blut nur so. Da wollte man sie deswegen nicht gewinnen lassen. Also musste ich regelrecht drohen, dass ich sonst an die Presse gehe, wenn die nicht Sieger wird. Das war wie eine Traumawiederholung.

Und trotz solcher Erfahrungen wollten Sie Lehrer werden?

Als ich als jugendlicher Mensch Orientierung suchte, gab es Lehrer, die mir nicht einfach die Antworten gaben, sondern dazu anregten, weitere Fragen zu stellen, weil einem nur das Leben Antworten gibt. Das fand ich toll. Dass ich in einem Gefühl von Desorientiertheit auf Erwachsene stieß, die nicht meine Eltern waren und die mir Werte vermittelten, mir Leitbilder mitgaben, an denen ich mich entlanghangeln konnte. So etwas wollte ich auch.

Wie kamen Sie wieder davon ab?

Das war in der Zeit meines Coming-outs, als ich extrem mit mir über Kreuz war. Da dachte ich: Du findest selbst keinen Standpunkt mehr, wie willst du denn Kindern und Jugendlichen irgendetwas vermitteln? Es war ein schmerzhafter Prozess. Ich habe das Studium abgebrochen, weil ich mir dachte, ich will nicht vor Kindern stehen und es dann nicht können. Schule ist mehr als nur Wissen zu vermitteln. Es war eine glückliche Fügung, dass das mit dem Schreiben so gut klappte.

Es geht die Legende, Sie haben sich über ein Kinderbuch geärgert und deshalb selbst angefangen zu schreiben.

Stimmt. Mein Bruder wollte Illustrator werden und bekam vom Carlsen-Verlag ein Probebuch. Das hatte er mir gezeigt. Ich fand es schrecklich, viel zu pädagogisch, weil es Kinder überhaupt nicht ernst nahm. Abends nach der Lektüre habe ich mich hingesetzt und eine Geschichte geschrieben. Das war die erste Story meines Lebens. Die habe ich an Carlsen geschickt. Nach einem halben Jahr kam ein Brief mit der Frage, ob ich mehr davon schreiben könnte. So wurde ein Buch daraus: „Dirk und ich“. Und so wurde ich Autor. Aber bei meinem Bruder hat es bis letztes Jahr gedauert, bis er als Illustrator anerkannt wurde.

Sie sind mittlerweile so anerkannt, dass man Sie mit Erich Kästner vergleicht. Was bedeutet das für Sie?

Es ist ja wirklich alles sehr moralisch, was Kästner schreibt. So würde ich das nicht machen wollen. Dennoch weiß ich: In dem Moment, in dem ich für Kinder schreibe, beziehe ich auch eine Position. Weil die Kinder selbst eine Position beziehen. Ich habe ein Buch geschrieben, etwa für Leser ab zwölf, „Trügerische Stille“, das wird mir heute noch um die Ohren gehauen, weil es einfach aufhört. Oder nehmen wir meinen Paul Vier, der viel in Schulen gelesen wird. Darin stirbt die Mutter an Krebs. Wenn nun Kinder im Unterricht Fortsetzungen dazu erfinden, schreiben die immer die Mutter wieder rein, finden Medikamente für sie und sonst was. Man muss sehr aufpassen, dass man Kindern nicht zu viel Angst macht. Als Kinderbuchautor bist du zur Moral verdammt.

Das klingt schrecklich.

Nein, das ist nichts Schlechtes. Ich habe die Möglichkeit, Werte zu vermitteln, die ich für gut halte, das ist auch eine große Chance. Das sind junge, beeinflussbare Menschen. Erwachsene reflektieren beim Lesen immer Probleme und Vorurteile mit. Kinder sind viel flexibler im Denken und Fühlen, im In-sich-Hineinfühlen in fremde Personen. Damit muss man extrem vorsichtig umgehen. Ich mag zum Beispiel nicht, wie Frau Pausewang schreibt. Ich meine nicht ihre Message: Atomkraft nein danke. Aber so gnadenlos, wie sie das damals in ihrem Buch „Die Wolke“ vermittelt hat, das fand ich manipulativ. Es ist ein Unterschied, ob man einen Denk- oder Fühlvorschlag unterbreitet oder ob man manipuliert.

Würden Sie für Erwachsene schreiben?

Ja, da bin ich dran. Das ist eines von meinen Zehn-Jahres-Projekten.

Ärgert es Sie, dass Literatur für Kinder und Jugendliche oft nicht richtig ernst genommen wird?

Ich bin nicht persönlich gekränkt, aber die Geringschätzung bemerke ich auch. Es heißt immer Kinder- und Jugendbücher, nicht -literatur. Was mich stört, ist, dass man als Kinderbuchautor genauso angesehen wird wie die Kinder: von oben herab. Doch ist es sehr anspruchsvoll, für Kinder zu schreiben. Die wollen Action, Handlung, wollen Geschichten erzählt bekommen. In Deutschland gibt es da einen Bruch, der behauptet, dass Kinderbücher Märchen seien, während man sich in der Belletristik intellektuell austoben darf.

Darf ein Kinderbuch nicht intellektuell sein?

Wenn man es anwendet, sieht es keiner. Mein Jugendroman „Mitte der Welt“, wir sprachen davon, ist ein postmodernes Buch. Jede Figur hat einen mythologischen Unterbau. Das hat keiner gerafft, bis ich ein Nachwort geschrieben habe. Weil es dem Kinder- oder Jugendbuch überhaupt nicht zugetraut wird. Ich möchte als Autor, und die anderen Kollegen sehen das auch so, genauso ernst genommen werden wie die Kinder, für die ich schreibe.

Und wie geht es Ihnen damit, ein Autor zum Anfassen zu sein?

Das ist schon toll. Ich lebe ja davon, dass Kindern das gefällt, was ich mache. Also brauche ich den Kontakt sogar. Ein Buch ist schließlich auch Kommunikation. Kinder sagen dir sehr, sehr genau, was ihnen nicht passt. Erwachsene eiern da lieber rum.

Den dritten Rico-Band müssen Sie noch schreiben, lassen Sie sich da von Kindern beeinflussen?

Nein. Da treffen sich sowieso meine Wünsche mit denen der Kinder. Rico wird von Band zu Band glücklicher. Ich habe nichts gegen ein Happy End.