Schwäne am Landwehrkanal in Berlin-Kreuzberg.
Foto: imago images/Gerhard Leber

BerlinWenn man Glück hat, blendet jetzt die Sonne am Landwehrkanal. Doch sind regnerische Tage häufiger als sonnige, Laub liegt auf den Straßen. Nicht nur deswegen passt Andreas Steinhöfels neues Buch „Rico, Oskar und das Mistverständnis“ in unsere Zeit. Allerdings ist schon sein Blick aufs Wetter ein Indiz für sein Gespür für Berlin.

Als Rico und Oskar an einem Nieseltag bei einer Frau klingeln, von der sie sich Auskünfte erhoffen, schickt sie die Jungs erst mal zum Zigarettenholen. Die will nämlich nicht raus. „Ich kann’s nicht leiden, wenn mir was auf den Kopf fällt, und wenn’s bloß Tropfen sind“, sagt sie. Zwar dürfen keine Zigaretten an Kinder verkauft werden, aber die Jungs bringen trotzdem welche mit. Sie wissen, in welchem Späti die 16-jährige Cousine von einem ihrer Freunde aushilft. Dass diese Miray gerade ein Buch über Programmiersprachen liest, wird für die weitere Geschichte noch Bedeutung haben. Und es zeigt auch, dass Steinhöfel nicht in dem langweiligen deutschen Klischee denkt, Technik wäre nichts für Mädchen.

Der Autor, 58 Jahre alt, für sein Gesamtwerk bereits mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis ausgezeichnet, schreibt seit 1991 Bücher, die in die Regale für junge Leser gehören, die aber älteren mindestens auch Vergnügen bereiten. Seit den Erzählungen „Dirk und ich“ und dem Coming-of-Age-Roman „Die Mitte der Welt“ können sich Erwachsene in seinen Büchern gespiegelt finden. Sie sind zwar nur die Randfiguren, aber ihr Auftreten Jugendlichen gegenüber, ihre Kommunikation mit Kindern legt Muster bloß.

Tiefbegabt oder intellektuell herausgefordert

Das zeigt sich besonders in den Büchern um Rico, der ein Förderzentrum besucht, und Oskar, seinen hochbegabten Freund. Mit dem ungleichen Duo erzählt Andreas Steinhöfel von der Gesellschaft, die so gerne einteilt, die den lernschwachen Schüler im Prekariat vermutet und den schlauen bei den Besserverdienenden. Der Autor lässt genauer hinschauen, zeigt die emotionalen Risse in Familien. Rico nennt sich selbst „tiefbegabt“. Die Hausbesitzerin im „Mistverständnis“ bezeichnet ihn pikiert als „intellektuell herausgefordert“. Ein alter Herr, pensionierter Psychologe, erklärt Rico, früher Kindern in die Köpfe geguckt zu haben. Was er dort fand? „Wenig Glück, viel Unglück.“ Er habe versucht, das Verhältnis auszugleichen, doch „Unglück ist hartnäckig und Glück leider flüchtig“. Rico jedenfalls betrachtet er mit Freude, nennt ihn angstfrei, optimistisch, offen für die Welt.

Andreas Steinhöfel.
Foto Dirk Steinhöfel

Und dann gibt es da noch diese Erwachsenen, denen Kinder egal sind, die haben diesen Blick, „der sagt, ach, nur ein Kind mit einem Hund, obwohl er eigentlich bedeutet, nur eine Göre mit einem Köter“. Das sind Leute, die haben ihre Kindheit abgelegt wie einen alten Hut, wie Erich Kästner es mal charakterisierte. Ein Vergleich mit Kästner liegt nahe bei Steinhöfel, nicht nur wegen des Preises in seinem Namen, den er 2009 erhalten hat, nach Peter Rühmkorf und vor Felicitas Hoppe. Und nicht nur wegen der Krimihandlung in den Rico-Oskar-Büchern. „Ich fühle mich ihm insofern nahe, als er wirklich als erster deutscher Autor Kindern eine Stimme gegeben hat, weil er den Lesern eine Kinderpsychologie eröffnet hat. Nicht nur kindlichen, sondern auch erwachsenen Lesern. Sodass die sehen konnten: So ticken die. Und da dürfen wir uns nicht drüberstellen oder drüberhinwegsetzen, sonst machen wir die sehr unglücklich und kaputt. Ich möchte eine Lebenswelt von Kindern zeigen, die einigermaßen authentisch ist.“

Das sagt er, während wir kurz vor seiner Buchpremiere telefonieren. Noch ist Steinhöfel in Hessen, wo er geboren wurde und wohin er nach zwei Jahrzehnten Berlin wieder zurückgezogen ist. Am Freitag liest er im Literaturhaus Berlin vor einer ausgewählten Schulklasse, Hunderte weitere Klassen verfolgen das im Livestream. Und am Nachmittag um 17 Uhr sitzt er im Atze-Theater in Wedding auf der Bühne. Er wohnt nicht mehr in der Stadt, doch in „Rico, Oskar und das Mistverständnis“ ist sie lebendig, nicht nur im Heimatkiez der Helden zwischen Dieffenbach-, Urbanstraße und Hermannplatz. Die Figuren wagen sich auch nach Moabit und Tiergarten. Immer stimmt die Gegend, die jeweilige Mischung auf den Straßen.

Es gibt einen Berliner Witz, der in vielen Formulierungen klingt, als wäre er der Straße abgelauscht, den Steinhöfel aber beim Schreiben erfindet. Eine Frau schießt mit einem mit Erbsen bestückten Luftgewehr nach den Vögeln um ihr Hausboot, und Rico denkt: „Tote Ente für die Rente.“ Eine andere empfängt die Kinder an der Tür, mustert Oskar von oben bis unten, „was keine allzu lange Strecke ist“. Und dass Ricos Ziehvater dem Jungen rät, das Reisegeld mit einer Sicherheitsnadel in seiner Jacke zu befestigen, ist natürlich ein kleiner Gruß an „Emil und die Detektive“.

Andreas Steinhöfel liest aus „Rico, Oskar und das Mistverständnis“ Fr, 2.10., 17 Uhr, Atze Musiktheater, Luxemburger Straße 20

Das Buch erscheint am 1.10. im Carlsen Verlag, 336 Seiten, 16 Euro