Moskau in den 1920er-Jahren. Der Literat und Ingenieur Andrej Platonow setzte im Kampf gegen Armut auf technischen Fortschritt und Ökologie.
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BerlinKonnte Andrej Platonow in die Zukunft sehen? In seinem Roman „Dshan“, dessen Druck die sowjetischen Zensoren 1935 verhinderten, reist ein Ökonom im Auftrag der Regierung nach Zentralasien, um ein von Hungertod bedrohtes Volk zu retten. Das gelingt nur mit Hilfe einer minderjährigen, recht schroffen Aktivistin. Als die Menschen dennoch beschließen fortzugehen, besteigt das junge Mädchen einen Berg. Als Zukunft ihres Volkes und möglicherweise der Menschheit behält die Zurückbleibende als Einzige den Überblick: „Die kleine Sonne bestrahlte die ganze große Erde, und das Licht reichte vollkommen.“ Mit Hilfe der Sonnenenergie würden die Menschen nachhaltig überleben können.

Natürlich war Platonow (1899–1951), dessen Meisterwerke „Tschewengur“ oder „Die Baugrube“ erst lange nach seinem Tod erschienen und den Stalin schon Anfang der 30er-Jahre als Anarchisten, als „Dreckskerl“ beschimpft hatte; natürlich war der melancholische, mitfühlende Ingenieur aus Woronesh, der das kommunistische Paradies suchte und die Verbrechen der Sowjetunion thematisierte; natürlich war der von Joseph Brodsky auf eine Stufe mit Kafka und Joyce gestellte Autor nicht Nostradamus – und das asiatische Mädchen Aidym aus dem Volk Dshan keine Präfiguration Greta Thunbergs.

Andrej Platonow:

„Dshan oder Die erste  sozialistische Tragödie“ Prosa, Essays, Briefe. Herausgegeben und aus dem  Russischen übersetzt von Michael Leetz. Quintus, Berlin 2019. 376 S., 25 Euro. 

Als ökologischen Propheten darf man Platonow dennoch bezeichnen. Vor hundert Jahren forderte er die Abkehr von fossilen Brennstoffen, beschäftigte sich mit erneuerbaren Energien und kritisierte den Raubbau an der Natur: in journalistischen und fiktionalen Texten ebenso wie in seiner Arbeit als Ingenieur und Bewässerungsexperte. Nährstoffe und Feuchtigkeit, die dem Boden durch Landwirtschaft entzogen wurden, wollte er diesem zurückzugeben. Auch experimentierte er an einem „fotoelektromagnetischen Resonanz-Transformator“, dem Prototypen einer Solarzelle.

Platonow hatte für die Oktoberrevolution und im Bürgerkrieg gekämpft – gegen den ewigen Kreislauf von Armut und Hunger des einfachen Volkes, dem er selbst entstammte. Technischem Fortschritt als Motor der gesellschaftlichen Verbesserung stand er positiv gegenüber, warnte aber vor Stalins radikaler Industrialisierung und Kollektivierung. Beides wurde ohne Rücksicht auf Verluste, mit Millionen Toten in der Landbevölkerung und enormem Zerstörungen der Natur vorangetrieben.

Umweltkatastrophen und Bürokratie

Platonow, Sohn eines Eisenbahnschlossers und Ingenieur aus Leidenschaft, wurde schon als Kind für Ökologie sensibilisiert. In seiner Heimat, dem Schwarzerdegebiet Zentralrusslands, hatte Peter der Große im 18. Jahrhundert viele Wälder abholzen lassen. Seither litt die Region oft unter massiven Dürren. Als eine solche 1921 zur Hungerkatastrophe führte, reiste Platonow für das Gouvernement übers Land, säuberte Flussbetten, baute Dämme und Brunnen, schuf nachhaltige Projekte und leitete die bäuerliche Bevölkerung in demokratischem Geist an, sich selbst zu helfen. Bei den sowjetischen Bürokraten aber stieß er bald auf Widerstand, Verbote und Intrigen folgten.

„Das Grundkapital der Menschen ist die Fruchtbarkeit der Erde“, schrieb Platonow 1924. „Deshalb darf man dieses Kapital nicht plündern und vernichten, sondern muss es so nutzen, dass seine absolute Größe konstant gehalten wird.“

Literatur und Zeitgeist

In seinem Essay „Über die erste sozialistische Tragödie“ (1935), den man als einen der frühesten und bedeutendsten ökologischen Texte bestaunt, warnt der Autor vor der Gefahr einer durch den Menschen verursachten globalen Umweltkatastrophe.  

Die literarische Bedeutung Platonows mit seiner Erzähltechnik subversiv verfremdeter Sprache wächst immer mehr. Doch wer wusste, dass viele seiner Texte ein frappierend aktuelles ökologisches Denken beinhalten? Der Slawist Michael Leetz! In dem von ihm im Berliner Quintus Verlag herausgegebenen und übersetzten Buch „Dshan oder Die erste sozialistische Tragödie“ erscheinen die meisten der Platonow’schen Texte mit ökologischen Motiven erstmals auf Deutsch oder, wie der Roman „Dshan“, in der ungekürzten Originalfassung. Leetz zeigt, auch in seinem spannenden Nachwort, dass Literatur auf höchstem ästhetischen Niveau und ein über den Zeitgeist hinausgehendes Umweltbewusstsein einander nicht ausschließen. Ein Buch des Jahres, auch für die junge Generation.

Andrej Platonow:

 „Die glückliche Moskwa“ Roman. Aus dem Russischen von Renate Reschke und Lola Debüser. Suhrkamp, Berlin 2019. 221 S., 24 Euro.

Ebenfalls atemberaubend ist der dritte, wieder wunderschön gestaltete Band der Platonow-Werkausgabe bei Suhrkamp. Er zieht neueste Forschungsergebnisse heran, bietet Varianten und gestrichene Passagen aus den Notizbüchern des Autors. „Die glückliche Moskwa“, geschrieben zwischen 1932 und 1936, Fragment gebliebener Roman, ebenfalls verboten und erst 1999 publiziert, ist ein Buch zum Verlieben – und extrem verstörend. Heldin ist die junge, aus ärmsten Verhältnissen stammende Moskwa Tschestnowa, die „Tochter der Revolution“ genannt wird, aber bekennt: „Ich bin keine Tochter, ich bin eine Waise“. Ihre ersten Erinnerungen und ihr Leben beginnen mit der Oktoberrevolution.

Selten hat man in der russischen Literatur solch eine strahlende, starke, selbstbestimmte und sexy junge Frau gesehen. Auf der Suche nach Essen, Wohnraum, Arbeit und einer glücksverheißenden Zukunft irrt und fliegt sie (unter anderem als Fallschirmspringerin) durch das Moskau der frühen 30er-Jahre, während die Männer, meist Angehörige der neuen Elite, über den Geist der Epoche philosophieren und Stalins Losungen reflektieren. Moskwa schläft mit vielen Männern, will sich aber nicht binden: „Liebe kann unmöglich Kommunismus sein.“

Zerrissene Seelen

Emotional ist Moskwa, wie auch die Struktur des gesamten Romans, zerrissen: Es fehlt die notwendige Verbindung zwischen Bewusstsein und Seele, Technik und Natur, Gemeinschaft und individuellen Bedürfnissen, zwischen gestern und morgen, neu und alt. Die propagierte Geschichtslosigkeit, das Waisentum der apostrophierten „neuen Menschen“ der ersten originär sozialistischen Generation macht diese zu seelischen Krüppeln.

So erzählt dieser packende Roman von der aufrichtigen, utopischen Attraktion und Hoffnung, die viele Russen in der Anfangsphase mit dem Kommunismus verbanden. Und endet – fragmentarisch, düster, tragisch – mit verlorenen Illusionen und Gewalt. Auch der Mensch lässt sich, wie die Natur, nicht ungestraft manipulieren und berauben.