Der russische Filmregisseur Andrej Tarkovskij, dessen meditativ poetische Filme das internationale Autorenkino bis in die Gegenwart inspirieren, wäre am 4. April achtzig Jahre alt geworden. Doch er liegt bereits über ein Vierteljahrhundert auf einem Pariser Emigrantenfriedhof. Ins Exil getrieben hatten ihn immer unerträglichere Behinderungen seiner Arbeit durch Filip T. Jermasch, den langjährigen Vorsitzenden der sowjetischen Goskino-Administration, der am Tage nach Tarkovskijs Exiltod von der beginnenden Perestrojka in Frührente geschickt wurde. Nur dem Science-Fiction-Film „Solaris“ legte Jermasch keine Steine in den Weg: Er träumte von einem „Sowjet-Hollywood“ und erwartete davon eine erfolgreiche „sowjetische Antwort“ auf Stanley Kubricks „2001: A Space Odyssey“.

Doch derlei Ambitionen bedienten Tarkovskijs auratisch verrätselte Filme nie. Auch im „Westen“ nicht, wo unerbittliche Marktgesetze seine Arbeit behinderten. Nach Abschluss des bereits in Italien gedrehten „Nostalghia“-Films sagte er einem Spiegel-Korrespondenten unumwunden: „Hier im Westen ist das Geld der absolute Herrscher. Das bedroht die Kreativität und ist gefährlich für die ganze Zukunft der Filmkunst. Solche Sorgen habe ich in der Sowjetunion nie gehabt“.

Marktwirtschaftlicher Materialismus war für ihn ebenso „Verrat spiritueller Geistigkeit“ wie die offiziöse sowjetische Materialismus-Ideologie, die er trotz aller Probleme in seinen Filmen noch unterwandern konnte. Der westlichen Zivilisation warf Tarkovskij aber nicht nur ihren „Tanz ums Goldene Kalb“ vor, sondern auch einen verantwortungslos pragmatischen Rationalismus, mit dem sie in einen geistigen und technologischen Supergau steuerte, den er im letzten Film „Opfer“ fast bekenntnishaft beschwört. Seine Verzweiflung darüber ver-drängte hier sogar seine poetisch ambivalenten Traumvisionen, die für Ingmar Bergman seine eigentliche Größe ausmachten.

Dem pragmatisch berechnenden Rationalismus des Westens setzte Tarkovskij die spirituelle Geistigkeit des christlichen wie des taoistischen Ostens gegenüber. Bis zuletzt träumte er aber auch von einem sich geistig-spirituell wiedervereinigenden Europa. Spuren der Hoffnung dafür entdeckte er in oft zitierten Bildern von Albrecht Dürer, Leonardo da Vinci und Pieter Breughel, in den Altarbildern der Brüder van Eyck und in der Musik von Johann Sebastian Bach, ohne die er in seinen letzten Lebensjahren „keinen einzigen Tag leben“ konnte. Tarkovskij war allerdings nicht nur ein meditativ in sich gekehrter Künstler: Alexander Sokurov („Faust“, 2011), für den er im Pariser Exil einen Hilfsfond organisiert hatte, erlebte ihn auch als „Modegeck“ mit viel Lust zu ironischer Selbstdarstellung.

Als extravagant gekleideter, jazzsüchtiger Hipster hatte Tarkovskij übrigens schon in Stalins Todesjahr 1953 das Moskauer Establishment provoziert. Und noch vor seinem Filmstudium suchte er mit einer Geologenexpedition in der fernöstlichen Taiga Gold, Diamanten und Abenteuer. Sein unbeugsamer Eigensinn gegenüber Ideologen wie Marktwirtschaftlern hatte durchaus Familientradition: Seinen Großvater verurteilte ein Zarengericht als aktiv-revolutionären Narodowolzen zu mehrjähriger Gefängnisstrafe; und sein Vater, der bedeutende Dichter und Übersetzer Arsenij Tarkovskij, gehörte zum Kreis der ideologisch und künstlerisch nonkonformen Dichterinnen Marina Zvetajeva und Anna Achmatova.

Berlin erlebte Tarkovskij diesseits und jenseits der Mauer: Nach einem sehr gelungenen DDR-Probeverleih wurde 1973 sein Film „Andrej Rubljov“ nach praktisch 19 Jahren endlich für den internationalen Export freigegeben, und Tarkovskij erwog damals sogar, Thomas Manns „Zauberberg“ als Defa-Koproduktion zu verfilmen. Westberlin, wo er 1985 als DAAD-Stipendiat und Gast des Künstlerhauses Bethanien lebte, war für ihn „eine schreckliche Stadt: ,Wir müssen so schnell wie möglich fort von hier‘“ (Tagebuchnotiz vom 27.2.1985).

Hier erschien aber auch sein Buch „Die versiegelte Zeit“ erstmals in deutscher Sprache. Übersetzungsprobleme diskutierten wir bei einem Spaziergang an der damals noch Ost von West trennenden Glienicker „Brücke der Einheit“. In deren Steinbefestigung hatten Rotarmisten 1945 den kyrillischen Satz „Auch hierhin kamen die Skythen“ eingeritzt: Tarkovskij berührte die Buchstaben wie der ungläubige Thomas die Wundmale des aufer-standenen Christus: Erinnerungsspuren an den Krieg – an das Trauma seiner Kindheit, über das er sein Debüt „Ivans Kindheit“ drehte, das Jean-Paul Sartre dann in „L’Unità“ gegen „links-intellektuelle“ Kritikaster verteidigte.

Unser Autor übersetzte Tarkovskijs „Versiegelte Zeit“ und gibt zusammen mit dessen Sohn den Band „Andrej Tarkovskij: Texte, Filme, Stills“ heraus, der zu Tarkovskijs 80. Geburtstag im Münchner Schirmer/Mosel-Verlag erscheint.