Berlin - Selten ist die Ausstellungshalle der Galerie Esther Schipper so leer. Doch scheint diese lichtdurchflutete Leere nur dafür da zu sein, den Blick auf kleine Bilder an den Wänden zu lenken und zum genauen Hinschauen zu zwingen. Wie durch Fenster blickt man darauf in diesige Atmosphären und auf so realistische wie rätselhafte Motive. Als würde man gleichsam durch sie hindurchsehen, weil ihre Oberflächen und die Verdichtung ihrer gedämpften Farben sich sanft auflösen. Da strecken einem Narzissen ihre großen Blütenköpfe entgegen und verdecken die gelb blühenden Ginsterbüsche dahinter. Auf einem anderen Bild ist es die Büste einer antikisierenden Skulptur, „Porträt“ genannt, ein geparkter Lastwagen, oder es steht eine Autotür offen am Rande einer namenlosen Straße, als wäre es ein Filmstill aus einem David-Lynch-Film. Auch sie sind wie von einem Schleier überzogen. Rätselhaft wirkt zudem, dass das gleiche Motiv ein zweites Mal daneben hängt und mit etwas Abstand ein drittes Mal.

Es sind Andrew Grassies Miniaturmalereien. Sie fordern Nähe ein, um ihren Hyperrealismus auf geheimnisvolle Weise zu zelebrieren. Mit kleinen, präzisen Arbeiten wie diesen, deren scheinbar unprätentiöse Sachlichkeit die oft aufwendigen Vorbereitungen und konzeptuellen Ambitionen überdeckt, hat der Maler Andrew Grassie, 1966 in Edinburgh geboren, sich einen Namen gemacht. Unter dem Titel „Still Frame“ setzt er mit der neuen Werkgruppe sein anhaltendes Interesse an der Bedeutung des Bildes und am Wesen der Erinnerung und der zeitgenössischen Malerei fort. Grassie, an der St. Martin’s School und am Royal College of Art, London, ausgebildet, versucht, in seinen eng gefassten Kompositionen auf subtile Weise mit unserem Gefangen-Sein auch in der Betrachtung der Dinge zu spielen. Die Blütenköpfe, Bäume, Brücken und Balustraden wirken wie optische Barrieren vor dem, was wohl dahinterliegen mag, und stacheln die Fantasie an. Meisterhaft ausgeführt, verstärkt die malerische Technik deren Wirkung noch.

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