Zigarre und Cognac                                                                                                                                      
Foto: imago images/Panthermedia

BerlinEs gab sie natürlich auch in Ost-Berlin, diese reizenden Salons, in die man ohne Gewährsmann/frau nicht hineinkam und manchmal, wenn ich eine „hochaschige“ Zigarre sehe, fällt mir diese bizarre Salongeschichte wieder ein. 

Ich hatte also mal das Glück von einer Dame eingeführt zu werden, die mich diskret darauf hinwies, mit welchen Präsenten man beim Gastgeber, ein bekannter Pianist, sicher punkten könnte: Whisky! Um also sicher zu punkten, kaufte ich mit Forumschecks eine Flasche Whisky, die der Gastgeber mit viel Lob als Zentralgestirn unter Flaschen, Fingerfood und Rauchzeugs in der Mitte des eichenen Rundtisches platzierte. Man bediente sich an meinem Whisky, ich bediente mich an dem Zigarrenetui in Reichweite. Nach dem Motto, was da liegt und steht, gehört selbstverständlich der Allgemeinheit.

Bei der Klärung des Who’s who der illustren Runde erfuhr ich, dass mein rechter Nachbar ein Dichter sei, der unlängst ein Stück über Troja verfasste. Troja? Ganz mein Ding! Die Zigarre hatte Klasse, und ich war sportiv bemüht, nicht abzuaschen, hielt sie nach jedem Zug stolz in der Senkrechten wie eine Monstranz und nahm die nächste Gelegenheit wahr, eben mal beim Dichter leise anzudocken. – Vorsicht! Die Asche! Er hatte mich beim Griff ins jetzt leere Etui touchiert, aber das Kunstwerk stand!

„Könnte einen glatt an die Asche Trojas erinnern“, versuchte ich eine Brücke zu schlagen. Halbentspannt, um nicht zu sagen gestrenge, schaute er auf die Zigarre, und ich verlängerte frohgemut die Brücke ins Ernsthaftere: „Jemand sagte mal, dass Rom, gegründet von Äneas, die Rache für Troja war, die Römer machten die Griechen zur Provinz, die dereinst Troja in die Asche schickten.“ – Ob ich die Zigarre dem Etui dort entnahm? – „Aber ja, mal probieren? Fabelhaft!“

Er griff zu, die Asche fiel ab, er schraubte sich hoch, starrte mich vernichtend an und ging zum Gastgeber. Auch der schaute jetzt ziemlich unfröhlich auf die Zigarre, dann auf den Dichter, dann auf mich. Was denn los sei, fragte meine Begleitdame, und ich konnte nur mutmaßen, dass ich jemandem eine gute Zigarre weggeraucht hatte, der sich aber auch an meinem edlen Westwhisky allemal schadlos hielt.

Sie ging rüber und kam verstört zurück, der Dichter schäume, ihm sei die Laune an diesem Abend verhagelt, es sei wohl im Sinne des Gastgebers, den der Dichter in dieser Sache beriet, besser den Rückzug anzutreten. – „Wegen einer Zigarre?“ Meine Hand griff nach der Whiskyflasche. Eigentlich wollte ich mir vor dem Rückzug noch ein volles Mutgläschen gönnen, um die Sache mal klarzustellen, aber sie nahm mir die Flasche ab, stellte sie zurück, und wir legten gemeinsam und hocherhobenen Haupts unter den mordenden Blicken des Dichters zögerlich den Rückwärtsgang ein.

Draußen dann atmete ich tief durch und von wegen, dass die jetzt meinen teuren Whisky saufen und ich wegen ein paar Zügen von einer Zigarre, die nicht mal Cohiba-Qualität hatte, so was wie ein Stück Ehre verlor! – „Falsch!“, stoppte sie mich. „Du hast sie vom falschen Ende her angeraucht!“

Und dann kam’s: Der Dichter hätte im Flugzeug von Berlin nach Rom einen Redakteur vom Rolling Stone kennengelernt, der seine für ihn wichtige Telefonnummer mit Filzstift auf die Zigarre geschrieben hatte. Hätte ich sie vom richtigen Ende her angeraucht, wäre eben nur Roms Vorwahl in Trojas Asche aufgegangen.