Angel Olsen  hat  ihre zarten Songs mit Stimmemphase, Streichern und Synthkram aufgebauscht.
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BerlinDas CTM geht in die zweite Woche. Einen Festivalpass braucht man nicht, wenn man ein paar der erwartbar vielversprechenden Performances sehen will. Es gibt sie alle auch einzeln, oder als jeweils Abendpaket.  

So könnte man sich am Mittwoch zur Gemeinschaftsnacht mit dem Schwesterfestival Transmediale ins Berghain begeben. Dort hört man zum Beispiel eine Arbeit des britischen Künstlers Wesley Goatley, der, so das Programm, mit einem Doktortitel in „kritischer und kreativer Praxis“ die politischen Verwicklungen untersucht, die sich in der alltäglichen Rede über Daten und KI verbergen. Dazu hat er ein Gespräch zwischen Alexa und Siri angeregt, worin er deren Begrenzungen aufzeigen will.

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Lachen können bekanntlich nur Menschen und Flipper, der kluge Delfin (Hyänen tun nur so). Wie man es zur psychologischen Konditionierung des Publikums benutzen kann, damit beschäftigen sich Ruben Patiño und Kay Schuttel in ihrer Arbeit „No Laughing Matter“, während James Ginzburg und James Durgas alias Emptyset für das ulkig zerbeulte Brummen, Dröhnen und Knirschen ihres jüngsten Albums „Blossom“ ein Programm darauf trainiert haben, aus ihren bisherigen Alben sowie neuen Sounds aus Holz, Metall und Trommelhäuten kohärente Muster zu filtern.

POP

Angel Olsen 30.1., Huxleys, 20 Uhr  

Monster Magnet 1.2., Huxleys. 20 Uhr.

CTM-Festival noch bis 2.2. an verschiedenen Orten

Feiner Folkrock

Ich habe festgestellt, dass die KI und ich den Begriff verschieden verstehen. Am gleichen Abend spielt auch Helge Sten, der von den famos progrockigen Supersilent und Motorpsycho bekannte Großproduzent aus Norwegen. Unter dem Projektnamen Deathprod agiert er als „Audiovirus“ und frönt seiner Leidenschaft fürs sphärisch Unwirsche, Bängliche und Unheimliche. Film schaue dem Tod bei der Arbeit zu, findet Jean-Luc Godard (nach Cocteau). Der dänische Feldrekorder Jacob Kirkegaard nimmt dazu in „Opus Mors“ die Ohren.

Kirkegaard habe ich ins Herz geschlossen, als er mir vor etlichen Jahren die Sounds der Wanderdünen von Oman erschloss, die es – echt! – in Sachen Überwältigung jederzeit mit Wagner aufnehmen können. Auf „Opus Mors“ hingegen findet er mit entsprechender Experten-Unterstützung (Dr. Frankenstein vermutlich) seine Töne in Leichenhalle, Forensik, Verbrennung und Verwesung. Er nahm übrigens auch schon 2005 „Four Rooms“ in der „Zone der Entfremdung“ in Tschernobyl auf.

Dort spielt die vielfach mit Golden Globes und Emmys ausgezeichnete TV-Serie „Chernobyl“, für die Cellistin Hildur Gunnarsdottir die Musik aufgenommen und geschrieben hat, die sie als frisch gebackene Grammygewinnerin gleich zweimal aufführt. Zur Erholung empfehle ich das kleine Clubjazzfusion-Ding von Henry Wu (als Kamaal Williams), das im Kontext natürlich arg leichtgeistig daherkommt. (Ist aber hübsch). Popmusik: Angel Olsen spielt im Kern einen feinen Folkrock.

Lieder über Liebe und Beziehung

Mit ihrem letzten Album „All Mirrors“ jedoch hat sie ihre zarten Songs mit Stimmemphase, Streichern, Synthkram, Zischdrums und viel Hall aufgepumpt, und lässt sie dennoch wunderlich fragil. Die Entwicklung kam nicht wirklich unvorbereitet, denn auch auf ihren früheren Alben mit schönen Songs wie „Unfucktheworld“ zeigte sie neben kleinen akustischen Arrangements schon recht dynamische, ja fast wuchtige Folkrock-Arrangements unter ihrer hell schweifenden Stimme.

Die Form folgte noch der Idee, dass Lieder, die vom Inneren erzählen – Liebe und Beziehung bzw. die anstrengenden Partner, die damit einhergehen – am besten auch mit entsprechend privat codierten Instrumenten stattfinden sollten. Nun schwillt und schwallt die Klangmauer, ein Hauch von Sixtiesgirl-Group umgibt die recht klassisch gebauten Stücke und sie erzählt von Geduld mit dem ewigen Sichverlieben und von der Sehnsucht nach Schnurzigkeit gegenüber der ewigen Trennerei.

Dafür tauchte sie nicht zu Unrecht in praktisch allen Jahrescharts auf. Die Stonerrock-Band Monster Magnet ist der Bud Spencer des Bluesmetal. Haltung und Methoden haben sich über die 30 Jahre ihres Wirkens nicht ein Yota verändert, mit Black Sabbath und Hawkwind als rechter und linker Hand des Teufels. Das macht sie nicht gerade aufregend. Ist aber vermutlich auch nicht ihr Begehr.