DresdenBei manchem Bürger der ehemaligen DDR genügt allein die Erwähnung des Namens, um glänzende Augen zu evozieren – oder ein verlegenes Lächeln: Die Rede ist von Angela Davis, die einst berühmteste Gefangene der Welt, die ausgerechnet in der DDR, aber auch unter westdeutschen Linken, zu einem Popstar avancierte. Die Philosophin, die heute wieder in den USA lebt, stand einst auf der Liste der zehn meistgesuchten Verbrecher der Vereinigten Staaten. Einst war es eine Solidaritätskampagne vorrangig sozialistischer Staaten, die nach zweijähriger Haftzeit zu ihrer Entlassung beitrug. Davis’ Geschichte erzählt von den gesellschaftlichen Verwerfungen in den USA und der schwarzen Bürgerrechtsbewegung, die heute unter dem Stichwort Black Lives Matter fortgesetzt wird. Sie erzählt aber auch von einem Staat, der Schwarze bis heute überproportional häufig inhaftiert.

Protest für Angela Davis 1972 in Dortmund.
Foto: imago images/Klaus Rose

Ihre Geschichte beginnt in Birmingham, Alabama, wo Angela Davis 1944 geboren wurde. Die Industriestadt im Südosten der USA steht wie kaum eine andere für grassierenden Rassismus in den USA. Gewalt gegen Schwarze prägte auch die Kindheit und Jugend der begabten Tochter aus einer Mittelschichtsfamilie, die später an der Sorbonne in Paris und ab 1965 auch in Frankfurt am Main bei Herbert Marcuse studierte.

Beinahe zwangsläufig sympathisierte sie Ende der 60er-Jahre mit der Black-Power-Bewegung, die Martin Luther Kings Prämisse der Gewaltlosigkeit ablehnte. Ein System, das strukturelle und massive physische Gewalt gegen seine Bürger einsetzt, so Davis, könne nicht allein mit den Mitteln der Gewaltlosigkeit bekämpft werden. Strukturelle Gewalt war einer der Kernbegriffe ihres charismatischen Lehrers Marcuse.

Ausstellungsansicht „1 Million Rosen für Angela Davis“, Leseraum von Contemporary And (C&).
Foto: SKD, Foto: Laura Fiorio

Zurück in den USA, setzte sie dort ihre akademische Karriere fort und erhielt 1969 als erste Afroamerikanerin eine Stelle als Associate Professor an der UCLA. Als jedoch bekannt wurde, dass sie Mitglied der kommunistischen Partei der USA war, sollte Davis entlassen werden, doch der Oberste Gerichtshof von Kalifornien entschied schließlich zu ihren Gunsten.

Aber bald geriet Angela Davis erneut ins Fadenkreuz: Nachdem bei einem Versuch einer Gefangenenbefreiung in einem Gerichtssaal in Kalifornien vier Menschen starben, stellte sich heraus, dass die dabei eingesetzten Waffen auf Davis registriert waren, mutmaßlich ohne dass sie davon wusste. Im Oktober 1970 wurde sie verhaftet, woraufhin das National United Commitee to Free Angela David (NUCFAD) weltweit Protestaktionen gegen die Inhaftierung organisierte.

Das DDR-System machte selbst politische Gefangene

„Eine Million Rosen für Angela Davis“ lautete das Motto einer Kampagne, der sich auch in der DDR Zehntausende anschlossen. Schüler, Auszubildende, Studenten, ganze Industriekombinate schickten Davis Briefe und Postkarten mit Rosenmotiven. Binnen kurzer Zeit avancierte das Bild der Angela Davis zu einer Ikone des Protests.

Willi Sitte, „Angela Davis und ihre Richter“, 1971, Öl auf Hartfaser, 184x106 cm, Privatbesitz.
Foto: VG Bild-Kunst, Bonn 2020

Die Ausstellung „1 Million Rosen für Angela Davis“ der Staatlichen Kunstsammlungen in Dresden bietet nun die Gelegenheit zu einer historischen und atmosphärischen Rekonstruktion dieser einstigen politischen Verehrung. Gezeigt werden auch Briefe und Postkarten, die DDR-Bürger der prominenten Gefangenen schickten. Bemerkenswert auch einige künstlerische Arbeiten wie etwa Willi Sittes „Angela Davis und ihr Richter“, das Davis wie eine Gloriole präsentiert, während ihr Richter als kalter Maschinenmensch dargestellt wird, Geschütze treten an die Stelle seines Gesichts.

Ausstellungsansicht „1 Million Rosen für Angela Davis“
Foto: SKD, Foto: Laura Fiorio

Zu den Arbeiten in der Dresdener Ausstellung, die sich mit dem Gefängnis als Straf- und Machtinstanz beschäftigen, gehört auch eine beklemmende Videoarbeit von Gabriele Stötzer. Die Künstlerin kehrte in die Gefängniszelle im berüchtigten DDR-Zuchthaus Hoheneck zurück, in der sie wegen der Unterstützung der Petition gegen die Ausbürgerung Wolf Biermanns (1976) für ein Jahr einsaß. Die Gegenüberstellung der zwei politischen Gefangenen – Stötzer und Davis – verweist auf die Aporien des Falles. Die Solidaritätskampagne für Davis wurde von staatlicher Seite gesteuert und instrumentalisiert, weil die Inhaftierung  Davis’ doch auch die scheinbar rassistische und illiberale Seite des US-Systems abbildete. Die eigene Praxis, politische Gefangene zu machen, wurde dabei unterschlagen.

Der Fall von Davis erinnert an Edward Snowden

Warum aber ließ sich Davis nach ihrer Freilassung im Jahr 1972 von DDR-Offiziellen wie Erich Honecker feiern und für die Zwecke der staatlichen Propaganda einspannen? Diesen Vorwurf erhob nicht zuletzt auch der russische Schriftsteller und Systemkritiker Alexander Solschenizyn, der einen blinden Fleck in Davis’ Wahrnehmung diagnostizierte. Aus Sicht der Gefangenen eines politischen Systems, das die Rassentrennung gerade erst überwunden hatte, schien die Gegenöffentlichkeit, die der Protest in den sozialistischen Staaten bedeutete, buchstäblich überlebensnotwendig. Das ist wohl auch der Grund dafür, dass sie sich öffentlich nie mit dem Thema der politischen Gefangenen der DDR auseinandergesetzt hat.

Carrie Mae Weems, „Josephine Baker“ (aus der Serie: „Slow Fade to Black“), 2009–2011Tintenstrahldruck, 125 x 94 x 4 cm
Foto: Carrie Mae Weems, Courtesy of Jack Shainman Gallery (New York), Galerie Barbara Thumm (Berlin)

Aus heutiger Sicht erinnern die Vorwürfe gegen Davis an die gegen Edward Snowden, sich nach dessen Enthüllungen ausgerechnet in die Hände Russlands begeben zu haben. Immer dann, wenn die liberale Demokratie sich illiberaler und antidemokratischer Mittel bedient, zwingt sie ihre Kritiker, sich im schlimmsten Fall Hilfe bei Systemgegnern zu suchen.

Viele Widersprüche

Vielleicht hat Solschenizyn auch eine, freilich erst später in das politische Bewusstsein tretende Tatsache übersehen, die uns der intersektionale Feminismus in seiner Analyse der Verquickung von Geschlechter-, Rassen- und Klassendiskriminierung lehren möchte: Dass nämlich der Kampf einer schwarzen Frau gegen ein sie unterdrückendes (weißes) System anders ausgefochten, anders codiert sei als der Kampf einer weißen Frau oder eines weißen Mannes. Rassismus und Sexismus verbinden sich im Falle von Davis zu dem, was ihre Anwälte als „Hexenjagd“ bezeichneten. Die schwarze Kommunistin konnte so in den Fantasien einer mehrheitlich weißen amerikanischen Bevölkerung zur Staatsfeindin Nummer 1 avancieren.

Solschenizyns Forderung wirkte, so richtig der Einwand auf moralischer Ebene auch sein mochte, moralisch ungerecht, verlangte er von Davis doch ein Märtyreropfer. Denn das hätte der Verzicht auf die Unterstützung aus der DDR bedeutet. Kann man es ihr verdenken, dass sie keine schwarze, kommunistische Jeanne d’Arc sein wollte? Dass allerdings die Frau, die jahrzehntelang gegen die Ungerechtigkeit des Gefängnissystems ankämpfte, selbst von einem System profitierte, das politische Gegner inhaftierte, ist und bleibt Davis’ größte politische Niederlage.

Ausstellung: „1 Million Rosen für Angela Davis“, Kunsthalle am Lipsiusbau Dresden, bis 24. Januar 2021, tägl. 11–17 Uhr, Mo. geschlossen.