Angelíca Liddell: „Schreiben ist meine Rache“

Da sitzt sie also. Klein und zart im weißen, weiten Leinenkleid auf einer Bank im Garten des Berliner Festspielhauses. Die Sonne scheint und Angelíca Liddell lächelt. Freundlich wirkt sie und empfindlich. Ein wenig hatte man sich gefürchtet vor dieser Begegnung. Dabei konnte man es schon nachlesen. Die spanische Autorin, Regisseurin und Schauspielerin Liddell mag auf der Bühne noch so wüten und sich mit Rasierklingen den Körper aufritzen, in der Realität ist sie ein bezaubernder Mensch. Einen großen Focus hat das diesjährige Festival Foreign Affairs der Künstlerin gewidmet. Mit zwei großen Inszenierungen gastiert sie, mit einem Solo und einer Lesung. Und fünf von ihr ausgewählte Filme, zu denen typischerweise drei Filme von Ingmar Bergmann gehören, sind regelmäßig im Rangfoyer des Festspielhauses zu sehen.

Blutbrot

Radikale und auch sehr brutale Kunst macht Liddell schon seit 23 Jahren. In ihren Stücken geht es um Missbrauch, um Gewalt. Wie in „El año de Ricardo“ etwa, ihre sehr freien Shakespeare-Verarbeitung, mit der sie 2011 zum ersten Mal in Berlin gastierte und in der sie in einem nicht enden wollenden Monolog nichts auslässt von dem Bösen, Wahnhaften und moralisch Verfaultem, das der Text über den machtgierigsten aller Shakespeare-Könige zu bieten hat. Oder in „Yo no soy bonita“, dem Solo über einen sexuellen Missbrauch, mit dem sich Liddell 2013 bei den Berliner Festspielen vorstellte und in dem sie ihrem Publikum nichts erlässt. Dass über ihre Beine laufende Blut wischt sie mit Brot ab, dass sie anschließend aufisst. Die Finger verbrüht sie sich mit kochender Milch. Die Frauen beschimpft sie als Müll. Nicht dass so etwas heute noch unbedingt ein Schocker wäre, aber wie Liddell die Zuschauer Stück für Stück immer weiter hinein führt in ihre labyrinthischen selbstzerstörerischen Assoziationen, bis sie irgendwann ankommt beim Eigentlichen, der Missbrauchsgeschichte einer Neunjährigen, das hat man auch zwei Jahre später nicht vergessen.

Liddell will ein Theater, das wehtut und auch wenn sie ganz analytisch darüber spricht, lässt sie gleichzeitig keinen Zweifel daran, dass sich das alles auch aus ihrer persönlichen Geschichte speist. „Wenn ich nicht Kunst machen könnte, würde ich mir vermutlich das Leben nehmen“, sagt sie. Warum sollte sie ein Geheimnis aus den Dingen machen, die sie auf der Bühne sowieso erzählt? Von der Mutter, die ihre zu intelligente und fantasiebegabte Tochter schon im Alter von sechs Jahren zu Ärzten schleppte, weil sie sie nicht für normal hielt. Von ihren Besuchen bei Psychiatern als Vierzehnjährige. „Schreiben, schreiben, schreiben“, sagt sie, „das war meine Rache an der Welt.“

Noch vor sieben Jahren arbeitete Liddell gemeinsam mit ihrem Lebensgefährten in Katalonien in einem Vergnügungspark. Sie verkleideten sich dort als Chinesen und hantierten mit Puppen, 3000 Aufführungen absolvierten sie in fünf Jahren. Nebenbei produzierten sie Liddells eigene Stücke, ihr persönliches, obsessives Theater der Grausamkeit. Auszeichnungen für ihre Lyrik hatte Liddell da schon einige bekommen, aber, so sagt sie, das reichte mal gerade für die Miete. Als sie 2009 eingeladen wurde beim Festival in Avignon ein neues Stück aufzuführen, „La casa de la fuerza“ lagen bereits 16 erfolglose Theaterjahre hinter ihr und der einzige Grund nicht aufzugeben, war, dass sich Liddell nichts anderes als Theatermachen vorstellen konnte. Dass sie auf einmal erfolgreich ist, ein auf allen internationalen Festivals gefragter Theaterstar, kann sie selbst kaum fassen. Und sie weiß auch, in der nicht instrumentellen Haltung zur eigenen Arbeit, zu der Weise, wie sie ihre Stoffe bearbeitet, liegt ihre Besonderheit.

Geteilter Schmerz

Denn auch wenn das Pathos manchmal verschwurbelt ist: Angelíca Liddell ist es auf eine heilige Weise ernst mit dem, was sie tut. Für sie ist das Theater ein Raum, in dem man etwas miteinander teilen kann, den Schmerz, das Mitgefühl. Dafür muss erst alle verlogene Wohlfühl-Sentimentalität kurz und klein geschlagen, der Schmerz herausgeschält werden.

Im Rahmen des Festivals wird sie sich nun in „You Are My Destiny (lo stupo di Lucrezia)“ dem antiken Lucretia-Stoff zuwenden, wobei es ihr mehr um den Vergewaltiger Tarquinio als um Lucrezia selbst geht, die sie in ihrer Tugendhaftigkeit für eine ausgesprochen langweilige Person hält. In „Primera Carta de San Pablo a los Corintos“, der zweiten großen Inszenierung, geht es, wie der Titel ankündigt, um den ersten Korintherbrief des Paulus. Der Brief fasziniere sie, so Liddell, weil Paulus Worte sagt, die man genauso auch an seinen Geliebten richten könne.

Das ist das Thema, was sie umtreibt. Streng katholisch wurde sie erzogen. Bis zu ihrem 14 Lebensjahr war sie von ihrem Glauben erfüllt und stürzte dann in das Gegenteil. „Nun, da ich auf die fünfzig zugehe“, sagt sie und lächelt ihr bezauberndes Lächeln, „verspüre ich das Bedürfnis mich wieder mit der Idee von Gott in Verbindung zu setzen.“ Es ist eine gewaltsame Beziehung, die Liddell da auskämpft, davon handeln ihre letzten drei Stücke. Sie erzählen vom Glauben mit all seinen Tücken und Verlogenheiten, mit Liddell’scher Erbarmungslosigkeit hinter der sich erst wirkliches Erbarmen finden lässt.