Berlin - Angelina Jolie könnte einen zehnstündigen Dokumentarfilm über Staubwirbel in einen sonst vollkommen leeren Raum drehen, die Aufmerksamkeit der Weltpresse wäre ihr gewiss. Am Sonnabend kam es vor und in dem Haus der Berliner Festspiele jedenfalls zu vermehrtem Kreischalarm (Kosslick), als Jolie in langer goldener Glitzerrobe ihr Spielfilmdebüt als Regisseurin vorstellte. Und Gatte Brad Pitt war auch dabei. Mehr Kreisch! Dabei hat sich die Schauspielerin ein Thema gesucht, dessen Glamour-Faktor erst einmal inexistent scheint: die Massenvergewaltigung von muslimischen Frauen durch serbische Kämpfer im Bosnienkrieg. Kann die Antikriegsbotschaft von „In the Land of Blood and Honey“ trotz dieser fundamentalen Diskrepanz zwischen dem Inhalt des Films und der Inszenierung der Schauspielerin als Megastar tragen? Ist die Kluft zwischen Massenvergewaltigungen und Rotem Teppich tatsächlich zu überbrücken?

Den traumatisierten Frauen eine Stimme geben

Denn ein ohne jeden Zweifel ehrenhaftes Anliegen hat Angelina Jolie dazu gebracht, den Film zu machen, wie sie in dem anschließenden Gespräch mit der bosnischen Regisseurin Jasmila Žbanić noch einmal durch und durch glaubwürdig erzählt. Sie wollte all den unbekannten traumatisierten Frauen, mit denen sie als Botschafterin der UN-Flüchtlingsorganisation UNHCR geredet hat, eine Stimme geben. Deren Schilderung von erlebten Gräueltaten hätten sie nicht mehr losgelassen und die damalige Ignoranz und Untätigkeit der Weltgemeinschaft treibe sie nach wie vor um. Und deshalb solle „In the Land of Blood and Honey“ auch ein Aufklärungsfilm sein, der der Welt die Augen öffne. Auf die Frage, welche Reaktionen der Zuschauer sie sich denn genau wünsche, fällt die Antwort erstaunlich naiv und ein wenig selbstüberschätzend zugleich aus. Sie hoffe, dass die Zuschauer in Zukunft hinter den tagtäglichen Berichten von Bürgerkriegen und Toten das Einzelschicksal sehen können und sich aktiver für Frieden einsetzen. „Syrien“, ruft ein Zuschauer in den Raum, und Jolie sagt genau, wie in Syrien.

Aber ob nach den langen 126 Minuten, die Jolie im Übrigen mit der Absicht erklärt, den Zuschauer – wie eben ein Krieg – planmäßig zu überfordern, noch irgendjemand an die misshandelten Frauen im Film denkt? Wir sind da angesichts der betriebsamen Euphorie des Saals, einen weiteren Blick auf Jolie und Pitt werfen zu können, eher skeptisch.

Gern hätten wir Jasmila Žbanić, deren witzige Bemerkung, Jolie habe wohl mit einheimischen Darstellern gearbeitet, weil die billiger seien, nicht so gut ankam, nach ihren Gefühlen angesichts des Rummels gefragt. Ihre in vielerlei Hinsicht überlegene Aufarbeitung des Unaussprechlichen in „Esmas Geheimnis – Grbavica“ (2006) dürfte trotz dem gewonnenen Goldenen Bären ein Bruchteil der Aufmerksamkeit bekommen haben. Und ob Joschka Fischer oder Jürgen Trittin auch zu ihrer Filmpremiere gekommen wären?