Die Dramatik, die aus der knappen Erklärung spricht, lässt auf die Dringlichkeit des Anliegens schließen. 79 deutsche Filmemacher haben sich zusammengeschlossen, um die Politik wachzurütteln: Für die Nachfolge der Berlinale-Leitung wünschen sie sich ein transparentes Verfahren und für das Festival insgesamt einen Neuanfang. Sie formulieren es diplomatisch und nennen keine Namen. Auch nicht den des aktuellen Direktors Dieter Kosslick, der nach derzeitigem Stand bis 2019 in dieser Position bleibt – und dessen Vertragsverlängerung nicht in ihrem Sinn sein dürfte.

Der Brief, der ursprünglich an Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) gerichtet war und am Freitag von den Initiatoren öffentlich gemacht wurde, ist grundsätzlicher und hat es gerade deshalb in sich. Immerhin wurde er von einigen der wichtigsten, in Deutschland wie im Ausland renommierten deutschen Regisseure unterzeichnet – deren Karrieren in vielen Fällen eng mit der Berlinale verbunden sind.

Von Ade bis Schlöndorff

Ob Maren Ade (Silberner Bär für „Alle Anderen“), Fatih Akin (Goldener Bär für „Gegen die Wand“) oder Christian Petzold (Silberner Bär für „Barbara“), ein Großteil der namentlich genannten Filmschaffenden hat dem Festival einiges zu verdanken. Was selbstverständlich andersherum genauso gilt: Eine Berlinale ohne diese Regisseure ist kaum vorstellbar. Schon deshalb, weil es sich um eine sehr breite und heterogene Gruppe handelt, von Volker Schlöndorff über Doris Dörrie, Andreas Dresen, Hans-Christian Schmid, Barbara und Winfried Junge, Maria Schrader und Dietrich Brüggemann bis zu Margarethe von Trotta. Der Unmut muss groß sein, wenn sich all diese Künstler gemeinschaftlich dafür einsetzen, dass sich etwas ändert.

Einer der Initiatoren des Briefs ist der Regisseur Christoph Hochhäusler, der seine Filme sowohl in Berlin als auch in Cannes gezeigt hat. Er berichtet, einer der Anlässe für das Schreiben seien die Gerüchte gewesen, die es im Frühjahr um die Neubesetzung der Berlinale-Leitung gegeben habe. Weil diese nicht dementiert wurden, sei die Dringlichkeit gestiegen. In mehreren großen Treffen hätten sich dann interessierte Regisseure darauf verständigt, das Gespräch mit der Kulturstaatsministerin zu suchen, um eine transparent arbeitende Findungskommission zu fordern. Weil die Berliner Filmfestspiele vom Bund finanziert werden und strukturell Teil der Kulturveranstaltungen des Bundes in Berlin GmbH sind, obliegt der Staatsministerin die politische Verantwortung für das Festival.

Ergebnis des vertraulichen Treffens im Bundeskanzleramt, das kurz vor der Bundestagswahl stattfand, ist neben der allgemeinen Gesprächsbereitschaft ein halböffentliches Podium, das am 4. Dezember im Berliner Haus der Kulturen der Welt offiziell um „Filmfestivals heute“ und inoffiziell um die Zukunft der Berlinale kreisen soll. Eine Findungskommission wird von Grütters wohl ausgeschlossen, auch angesichts der inzwischen drängenden Zeit, da sie die Entscheidung noch vor der nächsten Berlinale treffen will, wie zu hören ist.

Läuft es also wieder auf eine einsame Entscheidung im Inneren der Ministerialbürokratie heraus? Und das, obwohl Grütters im August erst die Handhabe der Intendanten-Nachfolge an der Berliner Volksbühne als „bemerkenswert unsensibel“ kritisiert hatte?

Es sieht so aus, als gäbe es bei der jetzigen Causa Berlinale einige Parallelen zur Situation im Jahr 2000, als der damalige Kulturstaatsminister Michael Naumann (SPD) den Vertrag des einstigen Berlinale-Chefs Moritz de Hadeln ad hoc kündigte. Doch während zu jener Zeit viele über eine mangelnde Präsenz des deutschen Films beim Festival klagten, kommen die Beschwerden heute von denen, die bei der Berlinale im Rampenlicht stehen. Es geht nicht nur ums Dabeisein, sondern um eine künstlerische Debatte.

Umbruch in der Kinolandschaft

Mit der Hoffnung, „das Festival programmatisch zu erneuern und zu entschlacken“, verweisen die Filmschaffenden auf einen in den letzten Jahren gewachsenen Reformstau. Gerade angesichts der Umbrüche in der Kino- und Festivallandschaft werden neue Antworten in Konzeption und Zuschnitt einer solchen Veranstaltung dringend benötigt. Die verbreitete Kritik, das Festival sei zu groß und zu unübersichtlich, gilt es anzunehmen und ihr mit einer ausdifferenzierten Programmarbeit zu begegnen. Statt die Sektionen wie bisher immer mehr zu vereinheitlichen, sollten sie künftig wieder stärker in kreative Konkurrenz miteinander treten. Bis auf die einengende deutsche Film- und Fernsehförderung spricht sicher nichts dagegen, dafür eine Persönlichkeit zu suchen, „die für das Kino brennt“, wie es in der Erklärung heißt, und „weltweit bestens vernetzt ist“.

Dieter Kosslick wird sich auf seine Weise an der Suche beteiligen, wie er in einer Stellungnahme zum Brief der Regisseure erklärt: „Mein Vertrag endet am 31. Mai 2019. Der Aufsichtsrat hatte mich aufgefordert, einen Vorschlag zu einer möglichen Neustrukturierung der Berlinale zu unterbreiten. Diesen Vorschlag werde ich – völlig unabhängig von meiner Person – dem Aufsichtsrat vorlegen.“