Yahya Hassan (1995-2020)

BerlinYahya Hassan, geboren 1995 als Sohn palästinensischer Flüchtlinge in Aarhus, veröffentlichte 2013 einen ebenso zornigen wie wohlüberlegten Gedichtband, in dem er mit zwei Tabus brach: der heiligen Unantastbarkeit des Islams und der absoluten Autorität des arabischen Vaters.

Den moslemischen Immigranten wirft er darin vor, dass sie in ihrem eigenen Kokon leben und sich gegen ihr neues Land, das sie immerhin aufgenommen hat, abkapseln: „Sie reden ständig von Religion und leben gleichzeitig auf Kosten der Gesellschaft“, sagte er. Das Buch mit dem selbstbewussten Titel "YAHYA HASSAN", der bei Ullstein auch auf Deutsch erschien, wurde der größte Erfolg eines Gedichtbandes in Dänemark aller Zeiten. Und zwar auch deshalb, weil hier kein lyrisches Ich schreibt, sondern der Autor selbst: Authentischer geht es nicht.

Im vergangenen November war sein zweiter Gedichtband erschienen, "YAHYA HASSAN 2", mit dem er sich nicht mehr nur als angry young Moslem, sondern endgültig auch als ernst zu nehmender Lyriker einen Namen gemacht hat; das Buch wurde für den Literaturpreis des Nordischen Rates nominiert. Nun ist Hassan in seiner Wohnung in Aarhus tot aufgefunden worden, 24 Jahre alt. Ein Schock.

Jahrelang wurde er wegen seiner Islamkritik (die er später– aus Angst? Heuchelei? Anpassung? – bestritt) bedroht und angegriffen, auch körperlich, zeitweise wurde ihm ein Leibwächter zugewiesen. Die Todesumstände sind noch unklar, Fremdeinwirkung sei jedoch nicht nachzuweisen – so die dänische Polizei. Dass Hassans Mutter nach seinem Tod kaum ihre Trauer ausdrückt, aber hastig versichert, er sei als Muslim geboren und als Muslim gestorben, erscheint einem doch ein wenig schön geredet. Denn für muslimische Gläubige bleiben Hassans Verse schwer verdaulich: „FRÜHER DA HAB ICH GESCHWOREN AUF KORAN / ABER JETZT DA SCHWÖR ICH AUF MEIN GOTTLOSIGKEIT“. Dabei tun sie nichts anderes, als ein Menschenrecht einzufordern: nämlich Atheist sein zu dürfen.