Bereits der Comic hat einen starken visuellen Eindruck hinterlassen. Die Geschichte des tschechischen Fahrdienstleiters Alois Nebel und des unweit der Grenze zu Polen gelegenen Bahnhofs Bílý Potok fiel vor allem wegen des strikten Schwarz-Weißes der Zeichnungen auf. Der scharfe Kontrast ohne mildernde Schraffuren oder wenigstens graue Mitteltöne schuf eine insgesamt bedrohliche, bedrückende Atmosphäre und zog den Betrachter quasi in einen nicht enden wollenden Alptraum. Der Autor Jaroslav Rudiš und der Zeichner Jaromír Švejdík beschworen in „Alois Nebel“ die Geister der Vergangenheit herauf, ein dunkles Kapitel aus der Zeit unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg, der Vertreibung der Deutschen und der sowjetischen Besatzung.

Mit realen Schauspielern gedreht

Der gleichnamige Film des tschechischen Regisseurs Tomáš Luňák folgt der Comic-Vorlage weitgehend. Und auch er besticht durch seine visuelle Aufmachung. Denn ihr liegt das eher selten verwendete Rotoskopie-Verfahren zugrunde. Dabei wird in einer realen Umgebung – innerhalb oder außerhalb des Studios – und mit realen Schauspielern erst eine Filmszene gedreht und das so entstandene Material dann Einzelbild für Einzelbild von hinten auf eine Mattglasscheibe projiziert, so dass ein Animator sie abzeichnen kann. Auf diese Weise lassen sich sehr realistisch animierte Bewegungsabläufe vergleichsweise kostengünstig herstellen; zudem erlaubt das Verfahren alle künstlerischen Freiheiten bei der Nachbearbeitung.

Der Animationsfilm „Alois Nebel“ nimmt also das Schwarz-Weiß des Comics auf und überführt es per Rotoskopie in Bewegung. Das Ergebnis ist allemal irritierend: Die Bilder wirken nämlich realistisch und irreal, ja surreal zugleich. Bildeten im Comic die schwarzen und weißen Flächen noch ein recht starres Tableau, so fängt nun das Weiß mit seinen präzise den realen Bewegungen nachgezeichneten Umrissen zu flackern und zu gleißen an. Umgekehrt fahren diese Lichtreflexe ins undurchdringliche Schwarz und lassen Gestalten aus ihm so hervortreten, als seien sie Gespenster. In diesem Vexierspiel gehen artifiziell und authentisch wirkende Bilder unentwegt ineinander über – eine echte Herausforderung für den Kinogänger.

Zu Recht viele Preise und Nominierungen

Doch lohnt sich hier jede Anstrengung. Vollkommen zu Recht erhielt „Alois Nebel“ im vergangenen Jahr den Europäischen Filmpreis in der Kategorie Bester Animationsfilm – und war sogar für den Oscar in der Kategorie Bester fremdsprachiger Film sowie Bester animierter Spielfilm nominiert.

Denn seine hybride Ästhetik erweist sich als überaus passend für die zu erzählende Geschichte: Alois Nebel ist nicht nur ein etwas verschrobener, alte Fahrpläne sammelnder Bahnbediensteter, sondern arbeitet an einem Ort, an dem sich 1945, da war die Sowjetarmee schon im Anmarsch, ein Verbrechen ereignete – ein Mord. Viele Jahrzehnte später noch plagt den Mann die Erinnerung. In der Nacht träumt er sich dann ins Grauen hinein.

Der Film zeigt hier allemal beklemmende Bilder. Etwa die von endlos langen Zügen mit einer alten Dampflok voran, in den Güterwaggons sind Menschen, so dass die Szene auch an die Deportationszüge in die nationalsozialistischen Vernichtungslager erinnert. Oder: Aus Weißbach, wie Bílý Potok damals hieß, wurde nach dem Zweiten Weltkrieg die überwiegend deutsche Bevölkerung vertrieben. Auch das erzählt der Film, auch daran erinnert sich Alois Nebel in seinen unruhigen Nächten. Und allmählich versteht der Zuschauer, dass es sich bei Bílý Potok um einen geschichtsträchtigen Ort handelt, einen Ort mit kleinen und großen Geschichten – einen europäischen Schicksalort. An dem immer noch die Gespenster der Vergangenheit herrschen. Wie gut, dass „Alois Nebel“ nun endlich auch in deutsche Kinos kommt.

Alois Nebel Tschechien 2011. Regie: Tomáš Luňák, nach dem gleichnamigen Comic von Jaroslav Rudiš und Jaromír Švejdík (2012, Verlag Voland & Quist). 84 Minuten. FSK ab 12.