Auch hierzulande tun Eltern viel, um ihre Kinder an der Wunschschule unterzubringen. Doch so radikal, wie in diesem Film die mitleidlos ehrgeizige Mutter den Rest des Lebens ihrer Tochter in einen lückenlosen Zeitplan zwängt, agieren die wenigsten Eltern. Der Umzug ins Einzugsgebiet einer Eliteschule hat indes einen Schönheitsfehler: Das Nachbarhaus gleicht einer chaotischen Villa Kunterbunt.

Als dessen Bewohner, ein älterer Kauz, versehentlich einen Propeller in die Hauswand nebenan krachen lässt, kommt es zur ersten Begegnung zwischen Mädchen und Mann, die das geordnete Leben des hochbegabten, fleißigen Kindes gründlich durcheinanderwirbeln wird. Der Sonderling ist nämlich kein anderer als der alt gewordene Pilot aus „Der kleine Prinz“.

In diese Rahmenhandlung hat der US-Filmregisseur Mark Osborne die eigentliche Erzählung vom kleinen Prinzen eingebettet, die der alte Pilot dem Kind nach und nach zu lesen gibt – auf einzelnen Blättern, die dann beweglich werden. Schnell zeitigen diese Ausflüge ins Land der Fantasie erste Veränderungen bei dem Mädchen: Die uniformartige Kleidung weicht Farbenfroherem; und das Kind vernachlässigt sein umfangreiches Lernpensum.

Zuerst 1943 erschienen, erlebte „Der kleine Prinz“ – die Erzählung des französischen Fliegers und Autors Antoine de Saint-Exupéry – nach dessen Tod 1944 einen ungeheuren Popularitätsschub. Heute zählt sie zu den weltweit am meisten veröffentlichten Büchern. Die von Saint-Exupéry selbst illustrierte Geschichte des außerirdischen, kleinen Prinzen, der die Liebe zu seiner Rose erst begreift, nachdem er seinen Heimatasteroiden auf der Suche nach anderen Lebewesen verlassen hat, ist ein Plädoyer für die Kunst des Liebens und eine Ode an die Fantasie.

Tribut an die Poesie oder Ökonomie?

Auf seiner Reise begegnet der kleine Prinz, im Buch wie auch in diesem relativ originalgetreu nacherzählten Film, nacheinander zahlreichen monadisch lebenden Menschen, die symbolisch für Eitelkeit, Trunksucht, Machtstreben und die Ökonomisierung des Lebens stehen, und die die wahren Werte nicht erkennen können. „Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar“, ist wohl der meistzitierte Satz der Erzählung.

Angesichts der kapitalistischen Verwertungslogik der gesamten menschlichen Existenz, die seit dem Tod von Saint-Exupéry eher aggressiver geworden ist, scheint der Versuch Mark Osbornes, die Welterkenntnis des Prinzen in unsere Gegenwart transportieren zu wollen, nachvollziehbar. Interessant ist hier jedoch die ästhetische Entscheidung. Während nämlich die Rahmenhandlung des Films in tadellosem CGI (Computer Generated Images) animiert ist, sind die Erlebnisse, die der kleine Prinz und der seinerzeit jüngere Pilot teilen, im traditionellen Stop-Motion-Verfahren fotografiert.

Die in Handarbeit hergestellten Puppen wirken mit ihren scheinbar knisternden Papiergewändern und ihren scharf konturierten Körpern aus Holz und Pappe tatsächlich ein wenig aus der Zeit gefallen – sie sind insgesamt langsamer, sperriger, weniger gefällig. Doch was bedeutet das für die Aussage des Films? Traut Osborne modernen Animationstechniken nicht zu, Poesie zu transportieren? Oder ist es vielmehr ein widersprüchliches Eingeständnis der eigenen ökonomischen Zwänge? Schließlich soll sich der Film ja an der Kinokasse behaupten.

Der kleine Prinz Frankr. 2015. Regie: Mark Osborne; 107 Minuten, Farbe. FSK o. A.