Anja Rützel: „Juris bedingungslose Liebe berührt mich jeden Tag.“
Foto: Anja Rützel

BerlinAnja Rützel liebt Hunde. Die in Berlin lebende Autorin, die für ihre pointierten Trash-TV-Kolumnen auf Spiegel-Online bekannt ist und zuletzt ein Buch über Take That veröffentlichte, hat diesmal über ihre Zuneigung zum besten Freund des Menschen geschrieben. Das Buch ist anrührend und voller Hingabe an die geliebten Vierbeiner: In „Schlafende Hunde“ erzählt sie in zehn Liebesgeschichten von Promis, die man besser versteht, wenn man sich ihnen über ihre Haustiere nähert.

Frau Rützel, kennen Sie das Corona-Meme, wo ein erschöpfter Hund zu seinem Herrchen sagt, er könne nicht schon wieder Gassi gehen?

Ja, darüber habe ich auch herzlich gelacht. Da ich schon immer von zu Hause aus arbeite, ging ich auch vor Corona tagsüber öfters mit meinem Hund Juri raus, aber auch bei uns hat sich das in den letzten Wochen noch gesteigert.

Kiepenheuer & Witsch
Das Buch

In ihrem Buch „Schlafende Hunde. Berühmte Menschen und ihre Haustiere – zehn Liebesgeschichten“ (Verlag Kiepenheuer & Witsch) beschäftigt sich Anja Rützel unter anderen mit den Hunden Michel Houellebecqs, Marilyn Monroes, Winston Churchills, Pablo Picassos und Peggy Guggenheims.

Dazu hat Rützel Hundeporträts gemalt.

Und das mit dem Zwei-Meter-Sicherheitsabstand zu Mitmenschen ist mit Hund auch kein Problem?

Wenn man sich einen Hund anschafft, muss einem klar sein, dass man dadurch auch sehr viel Kontakt mit Menschen hat – das ist manchmal eine echte Herausforderung. Denn mein Hund mag auch Hunde, deren Besitzer ich eher mittelprächtig finde. Insofern ist social distancing nicht zwingend schlecht. Lustigerweise empfahl schon der deutsche Philosoph Arthur Schopenhauer, mit dem ich mich für das Buch beschäftigte, die Menschen zu meiden. Er sah allerdings auch die Gefahr, dass der Mensch dann in die Einsamkeit abdriften könnte. Seine Lösung für das Problem: „Bitte schafft euch einen Hund an!“

Anja Rützel malte auch ihre Hundeporträts: hier Pablo Picassos Dackel Lump.
Foto: Anja Rützel

Ist es eine gute Zeit, um einen Hund bei sich einziehen zu lassen?

Auf jeden Fall. Ich finde das Eingesperrtsein viel weniger schlimm, weil ich ja weiß, der Juri ist an meiner Seite. Man muss natürlich darauf achten, dass der Hund trotzdem seine Bewegung hat. Aber man kann ja auch in der Wohnung Ball spielen – das bringt einen selbst auch auf andere Gedanken. Juri liebt Suchspiele in der Wohnung. Das lastet ihn auf andere Weise aus, wenn er gerade nicht draußen mit seinen Kumpels herumrennen kann. Ich packe ihm gerne kleine Pakete, indem ich in Seidenpapier Leckerli einwickle, die dann wiederrum in Klopapierrollen stecken. Davon haben wir ja wohl alle jede Menge zu Hause.

In dem Lied „Dogs Are Everywhere“ von Pulp, das Sie als Einstiegszitat für Ihr Buch gewählt haben, heißt es: „Sometimes I have to wonder about the dog in me.“ Wie viel Hund steckt in Anja Rützel?

Ich bin meinem Hund Juri schon sehr ähnlich. Oft ist es ja so, dass Hund und Halter optisch zusammenpassen – das ist bei uns nicht so. Aber vom Charakter passt es: Er ist auch etwas zurückhaltend, stürzt sich nicht gleich so überschwänglich labrador-mäßig auf alles und jeden drauf. Anders als mein Hund wäre ich allerdings wohl ein kleiner Wadenbeißer – aber natürlich mit einem Herz aus Gold, wenn erst mal das Vertrauen da ist.

Für Ihr Buch haben Sie sich prominente Hundehalter vorgenommen. Wie sind Sie genau vorgegangen?

Ich wollte nicht nur daheim sitzen und Bücher und Briefe von diesen Persönlichkeiten lesen. Also überlegte ich mir, wie ich möglichst nah rankommen und noch etwas nacherleben könnte. Was alle Hundemenschen, egal ob berühmt oder nicht, verbindet: Die Trauer, wenn der tierische Freund stirbt, sie ist für alle gleich. Ich kann wenig nachfühlen, was die Queen jeden Tag so erlebt, aber ich kann schon nachvollziehen, wie sie sich gefühlt hat, wenn wieder ein Corgi gestorben ist. Ich bin also zu allen Gräbern der Protagonisten des Buches gefahren, die zugänglich sind.

Hatten denn früher schon alle Gräber für ihre Hunde?

Nicht alle. Bei Marilyn Monroe weiß man zum Beispiel nicht, wo ihr Hund abgeblieben ist. Aber ich war auf dem Anwesen von Churchill, der hatte einen kleinen Tierfriedhof angelegt für seine Katze und die Pudel. Und dem Landsitz von Queen Elizabeth II. nahe Sandringham in Norfolk habe ich auch einen Besuch abgestattet.

Der Hunde-Friedhof der Queen muss groß sein, so viele Hunde wie sie schon hatte.

Es ist wirklich irre, dass alle Corgis, die die Queen seit ihrem 18. Lebensjahr hatte, von derselben Ur-Hündin abstammen. Das hat ihr auch viel Respekt eingebracht. Sie ist wirklich eine Legende in der Corgi-Züchtergemeinschaft im Vereinigten Königreich. Nachdem ihr letzter Corgi Willow vor zwei Jahren verstarb, gibt es nun niemanden mehr, der das von sich behaupten kann.

Wie verändern Hunde den Menschen?

Ich glaube, dass Hunde etwas rauskitzeln aus einem, von dem man gar nicht weiß, dass man es in sich hat oder sich nicht so richtig traut, es zu zeigen. Mein Hund bringt bei mir auf jeden Fall die softe Seite zum Vorschein. Das ist bei mir so ein bisschen wie bei Churchill, habe ich bei den Recherchen festgestellt.

Rufus hieß ein Pudel Winston Churchills – der Politiker liebte ihn innig.
Foto: Anja Rützel

Sie stellen in Ihrem Buch auch die Widersprüchlichkeit von Winston Churchill heraus.

Churchills Tierliebe war schon eine schizophrene Angelegenheit: Einerseits hat er seine Tiere verhätschelt, andererseits war er als Fuchsjäger unterwegs. Er war auch begeisterter Angler, aber als seine Karpfen von einem Pilz befallen wurden, ließ er jeden erkrankten Fisch fangen und einzeln mit Tinktur behandeln.

Haben Sie weitere Gemeinsamkeiten zu Protagonisten Ihres Buches festgestellt?

Ich war überrascht, wie ähnlich Schopenhauer und ich uns sind. Das war mir nicht so klar. Dieser Philosoph hielt von Menschen nicht wahnsinnig viel und stand ihnen sehr skeptisch gegenüber, aber er war unglaublich weich mit seinen Pudeln. Die waren sein ein und alles. In vielen seiner Ansichten habe ich mich wiedererkannt.

Ist der Hund der bessere Mensch?

Hunde sind einfach sehr tolle Wesen. Ich habe Juri jetzt seit viereinhalb Jahren, aber seine bedingungslose und nie etwas in Frage stellende Liebe berührt mich immer noch jeden Tag.

Von Marilyn Monroe stammt das Zitat: „Dogs never bite me. Just humans.“

Die Geschichte von Marilyn Monroe hat mich tatsächlich sehr mitgenommen. Bevor ich mich für das Buch näher mit ihr befasst habe, wusste ich nicht, dass sie auch in den Hunden Trost suchte und an ihnen vielleicht sogar versucht hat gutzumachen, was bei ihr selber schlecht gelaufen ist. Ich musste sehr viel weinen beim Schreiben. Ich werde bei Hunden so rührselig wie sonst ganz selten im Leben.

Maf von Marilyn Monroe – der Malteser war ein Geschenk Frank Sinatras.  
Foto: Anja Rützel

Die Monroe-Geschichte ist auf jeden Fall die glamouröseste des Buches.

Ihr Malteser wurde von der Mutter von Schauspielerin Natalie Wood nach Amerika gebracht. Er sollte eigentlich ein Geschenk für Woods Freund Frank Sinatra sein, der ihn dann aber an Marilyn weiterverschenkte. Sie nannte ihn Maf, als ironische Anspielung auf Sinatras angebliche Verstrickungen in die Mafia. Um ihrem kleinen, unschuldigen Hund gerecht zu werden, hängte sie noch den zuckrigen Zweitnamen Honey an. Als Marilyn 1962 starb, nahm Sinatras Sekretärin ihn auf. Maf Honey wurde später von einem Milchwagen überfahren. Seine Hundemarke wurde 1999 für 63.000 Dollar versteigert. Maf Honey ist eine richtige Hollywood-Legende.

Wie sind Sie selbst auf Ihren Hund gekommen?

Es war klassisches Online-Dating mit Sofortheirat, denn Juri kommt aus Spanien, ein Straßenhund. Mein vorheriger Hund war gestorben, und ich wusste ganz schnell, es muss wieder einer her, weil ich es sonst nicht aushalte. Ich stöberte viele Hunderettungsseiten durch, da für mich nur ein Tierschutzhund in Frage kam. Es gibt die riesige Suchmaschine Zergportal, wo man seine Vorlieben eingeben kann. Ich wollte am liebsten einen Podenco-Mischling adoptieren, Juri wurde mir angezeigt, ich hab ihn angeguckt und wusste: Das ist er.