Zeit haben darf man heutzutage eigentlich nicht mehr. Wer etwas auf sich hält, ist schwer beschäftigt, total gefragt und hat Stress ohne Ende. Die neue Sendung von Anke Engelke heißt dennoch „Anke hat Zeit“, trotzig geradezu. Auf so eine Idee würden die Alles-weg-Mode-rierer der Unterhaltungsindustrie, die immer irgendein „Projekt“ am Laufen haben müssen, niemals kommen.

Peinlich und großartig

Nun ist es zwar so, dass Anke Engelke den Titel mehr oder weniger übernommen hat, und zwar von ihrem Vorgänger Helge Schneider, der nach zwei Ausgaben von „Helge hat Zeit“ erkannt hatte, dass er doch kein Moderator ist, und prompt die Segel gestrichen hatte. Das ändert jedoch nichts daran, dass die gewagte Namensgebung durchaus programmatisch ist für die neunzig Minuten, die heute Abend erstmals vom WDR ausgestrahlt werden: Erstens nimmt sich Anke tatsächlich Zeit, schlendert geradezu in die Sendung, sagt auch mal gar nichts, lässt Minuten für Momente verstreichen, die im Schnittraum unter normalen Umständen als erstes getilgt würden. Und zweitens ist auch sonst so ziemlich alles anders als im normalen Marktanteilsfernsehen. Sehr anders sogar.

Das geht schon mit dem Konzept der Sendung los. Eine Moderatorin will eineinhalb Stunden lang Musiker, Philosophen und andere Künstler vorstellen, die ihr am Herzen liegen. Hallo? Hat man als abgewichster Fernsehmensch nicht gelernt, dass Musik ein sicherer Abschalter ist, dass die Gäste nach Bekanntheitsgrad und Rampensautauglichkeit ausgewählt werden und dass ein Gespräch nur dann gut ist, wenn es auch noch der Dümmste versteht? Ja, eigentlich schon. Gilt hier aber nicht. Bleibt nur die Frage: Wie ist Fernsehen denn so, wenn es auf einmal nicht mehr seinen eigenen Regeln gehorcht? Sagen wir mal so: „Anke hat Zeit“ ist abwechselnd erratisch, verstörend, irrsinnig peinlich, ganz und gar großartig, inspirierend, lustig, nervig, kulturbeflissen, kleinkunstbeseelt, intellektuell, banal, in die Tiefe gehend, gut albern. Und manchmal sogar vieles davon auf einmal.

Das geht, weil auch die Gastgeberin des Abends nicht wirklich zu greifen ist. Auf der einen Seite lädt sie die Schweizer Songwriterin Sophie Hunger ein, ist auf der anderen Seite aber völlig entsetzt, wenn diese erzählt, dass ihre Musik Pop sei und sie auch gerne mal einen Nummer-1-Hit schreiben würde. Pop? Hits? Pophits? Das passt nicht in die Welt Anke Engelkes, die mit einem anderen Gast, dem Bratschisten Nils Mönkemeyer, mal auf einer Bühne gestanden hat, „als Roger Willemsen einen Afghanistan-Abend hatte hier in Köln“.

Das Gespräch mit Sophie Hunger jedenfalls verunglückt kurzfristig ganz fürchterlich. Die Gastgeberin wirkt tatsächlich beleidigt, man mag nicht so recht deuten, wie sie ihren Gast nach diesem Geständnis – Pop! – auf einmal findet. Die charmant merkwürdige Sophie Hunger wiederum bescheinigt Anke Engelke fröhlich, dass sie gar nicht so schlagfertig sei, wie man immer denke.

Man will als Zuschauer immer mal wieder im Boden versinken bei dieser Sendung. Man überlegt es sich dann aber doch jedes Mal anders, weil außerhalb der Fernsehnorm tatsächlich einiges Bemerkenswertes gesagt, gesungen, gespielt wird, weil es viele unterhaltsame Augenblicke gibt, weil man natürlich auch wissen möchte, wie es weitergeht. Haben wir nicht immer ein Fernsehen gefordert, dass sich einen Dreck um langweilige Konventionen, hübsch polierte Oberflächen und eine zielgruppenaffine Dramaturgie kümmert? Bitte schön, da ist es. Da muss man dann auch mal etwas aushalten können, einerseits. Andererseits weiß man nicht so recht: Ist das Satire? Ist das ernst gemeint? Löst sich diese Sendung innerhalb der nächsten drei Minuten auf?

„Anke hat Zeit“ gibt einem zu denken, das kommt ja nicht so häufig vor bei Gesprächssendungen. Außerdem spricht die Gastgeberin zwischendurch Quatschkoreanisch, Helge Schneider lässt sich auch noch mal blicken, an der Orgel, und Sophie Hunger spielt gemeinsam mit Nils Mönkemeyer ein Stück. Pop? Pop!

Anke hat Zeit,

Sonnabend, 22.45 Uhr, WDR