Bei jedem Verschwinden bleibt jemand zurück. Leipzig, 1978.
Foto: imago images 

Berlin - Morgens um sieben steht ein großer, schlanker, graubärtiger Mann mit einem kleinen Mädchen bei einem Auto. Sie warten. Eine Frau mit einem kleineren Kind, einem Jungen, kommt eilig um die Ecke. Sie ist bunt angezogen, hat dunkle Haare, eine weibliche Figur und geht lachend auf die beiden zu. Das Mädchen läuft ihr entgegen, sie umarmen sich. Mitten in der Bewegung blickt die Frau auf den Mann. Der dreht den Kopf zur Seite und rührt sich nicht. Die Frau schließt das Auto auf, der Junge klettert auf den Rücksitz. Bevor das Mädchen folgt, küsst es der Vater zart auf die Stirn. Die Frau macht einen Schritt auf ihn zu. Er geht rückwärts und sieht sie nicht an. Die Frau steigt ein, das Auto fährt an. Der Mann läuft über die Straße und setzt sofort Kopfhörer auf. Er will nichts hören, nichts sehen. Nichts von dieser Frau.

Reiner Zufall, dass ich diese Szene so früh vor meinem Fenster gesehen habe. Sie berührte mich. Das war einmal eine Familie. Einen Satz habe ich häufig gehört und auch selber laut vor anderen gesagt: „Wenn ich mein Leben noch mal von vorn beginnen könnte, dann würde ich vieles anders machen.“ Das könnte dieser Vater morgens in meiner Straße auch gedacht haben. Aber das Leben ist irreversibel und die Zukunft unbekannt.

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