Denkmal für die ermordeten Juden in Jedwabne.
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BerlinVor zwanzig Jahren löste der polnisch-stämmige, an der New York University lehrende Historiker Jan Gross einen unerhörten Skandal in seinem Geburtsland Polen aus. Anlass war sein schmales Buch mit dem Titel „Nachbarn. Der Mord an den Juden von Jedwabne“. Darin beschreibt er ein Verbrechen, das sich während des Zweiten Weltkriegs in der Kleinstadt Jedwabne in Nordostpolen ereignete. Am 10. Juli 1941 wurden dort die jüdischen Einwohner auf dem Marktplatz zusammengetrieben und anschließend in einer Scheune außerhalb des Ortes lebendig verbrannt. Mehrere Hundert Menschen fielen diesem Pogrom zum Opfer, die genaue Zahl ließ sich nie feststellen.

Für diese Untat wurden in Polen die längste Zeit deutsche Einsatzgruppen verantwortlich gemacht. Doch wie Gross nachweisen konnte, waren die eigenen polnischen Nachbarn die Täter und nicht, wie offiziell behauptet wurde, die Gestapo oder ein SS-Kommando. An diesem Juli-Tag in Jedwabne „ermordete die eine Hälfte der Bevölkerung die andere Hälfte“, wie Gross schreibt.

Eine polnische Dreyfus-Affäre

Die Täter waren ganz gewöhnliche Einwohner des Städtchens: Handwerker, Saisonarbeiter, junge Schläger und Herumtreiber, dazu Kleinbauern aus den umliegenden Dörfern, die das Gerücht auf Beute mit ihren Fuhrwerken in die Stadt lockte. Sie alle waren bereits in Pogromstimmung, da es schon in den Tagen zuvor in zwei Nachbarorten zu Massenmorden an der jüdischen Einwohnerschaft gekommen war. In dem einen Ort verbrannte ein polnischer Mob die Juden kollektiv in einer Scheune. Nach diesem Vernichtungsmuster gingen nun auch die Mörder in Jedwabne vor.

Die Geschichtsfälschung, die Jan Gross hier aufdeckte, löste in Polen eine erbitterte historische Kontroverse aus, die Züge einer polnischen Dreyfus-Affäre annahm. Der Autor wurde als Lügner, Verleumder und Nestbeschmutzer beschimpft. Einerseits. Doch andererseits begann die Debatte, das herrschende Geschichtsbild zu verändern, wonach die Polen während der deutschen Okkupation im Zweiten Weltkrieg nur Opfer gewesen seien. Das Trauma von Jedwabne gab den Anstoß, diesen Opfermythos zu hinterfragen und die Aufarbeitung von Polens tabuisierter Vergangenheit anzugehen – und niemand hat dies gründlicher und umfassender besorgt als die Publizistin Anna Bikont, die Mitbegründerin der liberalen polnischen Tageszeitung Gazeta Wyborsza.

Sofort nach Erscheinen von „Nachbarn“ im Jahr 2000 nahm Bikont unbezahlten Urlaub und machte sich an die Arbeit, die Erkenntnisse des Gross-Buches zu überprüfen, zu vertiefen, zu erweitern (gegebenenfalls auch zu korrigieren) und womöglich neue Quellen, Dokumente, zeitgenössische Berichte und überlebende Augenzeugen des Pogroms ausfindig zu machen. Ihre gewaltige, 700 Seiten umfassende Chronik „Wir aus Jedwabne. Polen und Juden während der Shoah“ erschien 2004 in Polen, gilt inzwischen als Klassiker der Historiografie und liegt nun endlich auch in deutscher Übersetzung vor.

Bikonts akribische Rekonstruktion des Verbrechens und seiner Vorgeschichte ist eine ebenso atemberaubende wie verstörende Lektüre. Es ist ihr gelungen, jüdische Überlebende des Massakers oder mindestens deren Nachkommen in aller Welt aufzustöbern, in den USA, in Israel, in Costa Rica, und deren Zeugenberichte zu sichern. Sie hat auch mit Polen gesprochen, die damals Juden versteckt und gerettet haben. Sie hat sich abgemüht herauszufinden, welche Familien-Erinnerungen an das Verbrechen sich im kollektiven Gedächtnis heutiger Einwohner von Jedwabne erhalten haben, stieß dabei jedoch, mit ganz wenigen Ausnahmen, auf eine Mauer verstockten Schweigens und folgert daraus: „Das Schweigen ist der Hauptbeweis ihrer Schuld. Wären es die Deutschen gewesen, dann hätten die Polen ja geredet.“

Eingefleischte katholische Ressentiments

Bikonts Interviews mit Tätern, deren Familien und Nachkommen sowie mit rechtsnationalen Politikern, Historikern, Journalisten und katholischen Klerikern zeigen, wie erbittert die Tatsache einer polnischen Täterschaft immer noch verleugnet, vertuscht und bekämpft wird, indem man die Verantwortung den Opfern zuschiebt.

Was dabei zutage tritt, sind eingefleischte katholische Ressentiments gegen die Juden als angebliche „Gottesmörder“ sowie alle bekannten Stereotypen eines wüsten archaischen Judenhasses. Das Pogrom wurde vor allem als Vergeltungsakt gerechtfertigt: Die Juden von Jedwabne hätten während der sowjetischen Herrschaft über die Region mit dem Geheimdienst NKWD kollaboriert und ihre polnischen Nachbarn denunziert; sie seien somit für die massenhaften Deportationen von Polen nach Sibirien verantwortlich – eine inzwischen vielfach widerlegte, aber trotzdem weitertradierte Bezichtigung.

Aus allen Puzzleteilen, die Bikont in ihrer gewaltigen Recherche zusammengetragen hat, ergibt sich ein detailreiches, grauenhaftes Bild von den Vorgängen an jenem Juli-Tag 1941. Demnach formierten sich die polnischen Einwohner von Jedwabne mit den herbeigeströmten Mordlustigen von außerhalb zur Hetzmeute, bewaffneten sich mit Knüppeln, Äxten, Eisenstangen und Messern, trieben am Morgen die Juden aus ihren Häusern, misshandelten sie stundenlang auf dem Marktplatz, schlugen viele von ihnen sofort tot, fingen Flüchtende ein, verprügelten und ermordeten sie in den Hinterhöfen, vergewaltigten und töteten viele Frauen und zwangen die kräftigsten und wehrhaftesten jüdischen Burschen dazu, ein Lenin-Denkmal auf dem Platz zu demolieren und die Trümmer in eine Scheune am Stadtrand zu schleppen. Dort wurden die jungen Männer an Ort und Stelle totgeschlagen.

Am späteren Nachmittag wurden die übrigen Juden – Frauen, Kinder, alte Leute – in diese Scheune getrieben. Das Tor wurde verriegelt, die Scheune mit Petroleum begossen und angezündet. Noch während sie brannte, begannen die Jedwabner damit, die Häuser ihrer jüdischen Nachbarn zu verwüsten, zu plündern und schließlich selbst zu besetzen. Dort wohnen sie unrechtmäßig bis heute, wie Bikonts Nachforschungen im Grundbuch ergaben.

Paradoxerweise war im Grunde all dies in Polen längst bekannt. Die Erinnerung daran war nur verdrängt, im kollektiven Gedächtnis gelöscht. Die Fakten über den Ablauf des Pogroms und die Namen der polnischen Haupttäter waren spätestens seit 1949 aktenkundig. Im Mai 1949 wurden vor dem Kreisgericht in Lomza zwei Dutzend Männer aus Jedwabne wegen ihrer Beteiligung am Massenmord an den Juden angeklagt. Etliche wurden freigesprochen, einige zu langjährigen Gefängnisstrafen verurteilt. Einer erhielt die Todesstrafe, die anschließend in 15 Jahre Haft umgewandelt wurde.

Die Anklage stützte sich auf das Zeugnis eines einzigen Mannes: Szmul Wasersztejn, der als 19-Jähriger alles mitangesehen hatte. „Ohne sein Zeugnis wäre die Wahrheit über Jedwabne wohl nie ans Licht gekommen“, schreibt Bikont. Wasersztejn ist einer von sieben Juden, die nach dem Pogrom von einer polnischen Bäuerin in ihrem Hof versteckt und heil durch den Krieg gebracht wurden, weshalb Antonina Wyrzykowska in Yad Vashem als eine der Gerechten unter den Völkern geehrt wird.

Und was ist mit dem Elefanten im Raum? All dies ereignete sich wenige Tage nach dem Beginn des deutschen Angriffskriegs gegen die Sowjetunion. Die Region von Jedwabne war bereits von der deutschen Front überrollt. Die Besatzungsmacht hatte gewechselt. Die Sowjets waren abgezogen; deutsche Gendarmerie, SS, Gestapo und Einsatzgruppen hatten die Herrschaft über das Gebiet übernommen.

Klar ist, dass es ohne die Anwesenheit der Deutschen nicht zu diesen Pogromen gekommen wäre. Haben die Deutschen zu den Pogromen angestachelt, sie mitgeplant und mitorganisiert, dazu ermuntert, die Erlaubnis gegeben oder die Polen einfach gewähren lassen? Weder Jan Gross noch Anna Bikont können diese Fragen beantworten. Bikont resümiert: „Leider wurden keine deutschen Dokumente gefunden, die es erlauben würden festzustellen, worin der deutsche Anteil bestand.“

Anna Bikont: Wir aus Jedwabne. Polen und Juden während der Shoah. Aus dem Polnischen von Sven Sellmer. Jüdischer Verlag bei Suhrkamp, Berlin 2020. 700 S., 34 Euro