Die Journalistin und Buchautorin Anna Mayr
Foto: Anna Tiessen

BerlinDie Journalistin Anna Mayr, 1993 geboren, hat das Buch „Die Elenden“ geschrieben. Es ist eins der wenigen deutschen Bücher über Arbeitslosigkeit. Als Kind von zwei Langzeitarbeitslosen weiß Anna Mayr, wovon sie spricht. Früher schämte sie sich, dass ihre Eltern keine Jobs hatten. Heute weiß sie, dass unsere Gesellschaft Menschen wie sie braucht: als drohendes Bild des Elends, damit alle anderen das Richtige tun. Sie versteht Arbeitslosigkeit nicht als individuelles Schicksal der Leistungsschwachen, sondern als gesellschaftlichen Mechanismus, um die Marktwirtschaft am Leben zu erhalten. 

Berliner Zeitung: Liebe Frau Mayr, der Untertitel Ihres Buchs lautet: „Warum unsere Gesellschaft Arbeitslose verachtet und sie dennoch braucht.“ Warum sollte das so sein?

Anna Mayr: Wir brauchen Menschen, die für wenig Geld schlechte Jobs machen. Die Arbeitgeber müssen sich darauf verlassen können, dass Arbeitnehmer vollen Einsatz zeigen und sich am besten so sehr wie möglich über ihre Arbeit definieren. Die Arbeitslosen sind dabei das Druckmittel. Je schlechter es den Arbeitslosen geht, desto sicherer können sich die Arbeitgeber sein, Menschen zu finden, die für sie arbeiten. Weil es etwas gibt, das diesen Menschen Angst macht.

Würden wir als Mehrheitsgesellschaft Arbeitslosigkeit weniger verachten, wenn Arbeitslose in den Medien häufiger gezeigt würden?

Ich glaube, wir müssen unsere Lebenseinstellung ändern, bevor wir unseren Blick auf Arbeitslosigkeit ändern können. Erst wenn der eigene Lebenssinn nicht mehr nur aus Arbeit besteht, kann man den Arbeitslosen gegenüber eine lässigere Haltung entwickeln.

Wie erklären Sie arbeitenden Menschen, dass sie Arbeitslosen Verständnis entgegenbringen sollen?

Ich weiß gar nicht, ob ich noch Empathie erwarte. Ein erster Schritt wäre es anzuerkennen, dass jeder Mensch in dieser Gesellschaft Glück oder Pech haben kann. Es sind Umstände, Strukturen, manchmal Zufälle, die zur Arbeitslosigkeit führen. Für viele Menschen ist es unvorstellbar, über Jahre hinweg arm zu sein. 

In ihrem Buch „Die Elenden“ erklärt die Journalistin Anna Mayr, warum unsere Gesellschaft Arbeitslose braucht.
Foto: Anna Tiessen

Wie verteidigen Sie vor einer Pflegekraft, die für 40 Stunden Arbeit 1400 Euro netto verdient, dass Arbeitslose mehr finanzielle Unterstützung bekommen sollten?

Ich finde, dass eine Pflegekraft keine 1400 Euro netto im Monat verdienen soll. Das darf es nicht geben. Würde man die jährlichen Hartz-IV-Sätze auf den aktuellen Steuerfreibetrag anheben und den Mindestlohn auf 12 Euro erhöhen, könnte man den Niedriglohnsektor abschaffen. In dem Moment, in dem sich die Situation der Hartz-IV-Empfänger verbessert, hat die Pflegekraft eine reale Exit-Möglichkeit. Dann muss ihr Arbeitgeber ihr mehr Geld zahlen, ihr bessere Bedingungen bieten. Je besser das Gehalt durch Nicht-Arbeit, das heißt Hartz-IV ist, desto besser ist die Lohnsituation für diejenigen, die am wenigsten verdienen. Am Ende geht es um die Möglichkeit, aus schlecht bezahlten Jobs herauszugehen, um sich neu zu orientieren. Unternehmen müssten um Arbeiter werben, nicht andersherum.

Sie schreiben, Arbeitslose seien uns unheimlich und fremd zugleich. Was meinen Sie damit?

Wir können fast allen Menschen Empathie entgegenbringen, aber nicht den Arbeitslosen. Vor allem nicht den Langzeitarbeitslosen. Unsere Identität besteht ja daraus, dass wir arbeiten und uns von unserem Geld Dinge kaufen können. Das heißt: Die gesamte Sinnschöpfung kommt aus der Arbeit. Philosophisch gesehen sind Arbeitslose die Verkörperung des Nicht-Sinns. Und deshalb findet man diese Menschen unheimlich. Sie sind Teil unserer Welt, obwohl sie nicht Teil des Sinns in der Welt sind – wie Albträume. Das ist gruselig.

Es gab in den letzten Jahren einige persönliche Autosoziographien wie zum Beispiel Didier Eribons „Rückkehr nach Reims“. Sie sind das Kind von Langzeitarbeitslosen und schreiben über Ihre Vergangenheit. Wie erklären Sie sich diesen Trend?

Armut ist für viele Leute unvorstellbar. Deswegen sind diese Geschichten interessant. In der Generation meiner Großeltern waren viele Leute arm und konnten sich gut vorstellen, was Arbeitslosigkeit ist, weil sie es selbst erlebt hatten oder jemanden kannten, der arbeitslos war. Der zweite Grund ist, dass man gerne die eigene bürgerliche Klasse freisprechen möchte vom Erfolg der neuen Rechten. Didier Eribons Sachbuch „Rückkehr nach Reims“ bedient das. Wenn er schreibt, dass seine Eltern in Frankreich, beide Arbeiter, früher Kommunisten waren und heute rechts wählen, sagt er damit auch den Akademikern aus der Mittelschicht, die sein Buch lesen: ‚Ihr seid nicht schuld an dem Aufstieg der Rechten.‘ Das ist natürlich Bullshit. Denn auch die Mittelschicht wählt Le Pen.

Der Soziologe Pierre Bourdieu, der selbst in armen Verhältnissen groß geworden ist, schreibt in einer seiner Vorlesungen, dass Aufsteiger an einem ‚gespaltenen Habitus‘ leiden, also weder Teil ihrer alten noch neuen Welt sind. Sehen Sie sich ebenfalls in diesem Zustand?

Meine Erfahrung von Armut zu „verwerten“, widerstrebt mir. Ich versuche, sie positiv zu nutzen. Aber ich teile dieses Gefühl. Es fühlt sich manchmal so an, als würde ich tauchen – aber zwischendurch komme ich mit dem Kopf über die Wasseroberfläche, um Luft zu holen. Und erst in dem Moment, wo ich Luft hole, merke ich, dass ich die ganze Zeit getaucht bin. Dass es noch etwas anderes gibt als das Wasser, in dem ich schwimme. Menschen, die ihr Leben immer im gleichen Milieu verbracht haben, müssen nie auftauchen. Für sie ist das Wasser selbstverständlich.

Was sind das für Momente, in denen Sie auftauchen?

Zum Beispiel habe ich heute gelesen, dass man als Frau 50.000 Euro auf dem Konto haben sollte, bis man 30 Jahre alt ist, als Altersvorsorge. Mein erster Gedanke war: Vielleicht kann ich das in den nächsten drei Jahren noch schaffen (lacht)! Der zweite Gedanke: So viel Geld? Habe ich das gerade wirklich für möglich gehalten? Das ist das Auftauchen.

Anna Mayr hat es aus der Joblosigkeit geschafft. Heute arbeitet sie als Journalistin.
Foto: Anna Tiessen

Was halten Sie von der Idee des sozialen Aufstiegs?

Allein die Tatsache, dass mit dem Begriff ein Oben und Unten vorausgesetzt wird, ist schon falsch. Bei Bourdieu sind es soziale Räume, das ist viel treffender. In der Erzählung vom Aufstieg steckt natürlich auch der Gedanke, dass jemand anderes absteigen muss. Das verdrängt man oft.

Die Aufsteigerin vermittelt ja auch den Gedanken, dass es nur darauf ankommt zu klettern.

Wer vom Aufstieg spricht, nimmt an, jeder sei seines Glückes Schmied. Und das stimmt überhaupt nicht. Jeder ist abhängig davon, wo er aufwächst und was er erbt. Gleichzeitig finde ich es manchmal schwierig, Menschen, die aufgestiegen und stolz darauf sind, das abzusprechen. Es gibt viele Familien, die zu Geld gekommen sind und sagen: ‚Wir sind vor Jahren hier angekommen, wir haben uns etwas aufgebaut, das ist unsere Leistung, und darauf sind wir stolz.‘ Einerseits möchte ich den Leuten das nicht absprechen, aber andererseits denke ich immer: Es sollte doch eigentlich egal sein, wie viel ihr gearbeitet habt. Nach dem Attentat in Hanau hat die Mutter eines ermordeten Opfers gesagt, dass ihr Sohn den deutschen Steuerzahler keinen Cent gekostet hat. Scheinbar dachte sie, dass ihr Sohn sterben musste, weil der Täter ihren Sohn für jemanden gehalten hat, der das Sozialsystem ausnutzt. Dieser Gedanke hat mir so weh getan.

Arbeitslose haben nie ein Klassenbewusstsein entwickelt, das ihnen ermöglicht hätte, politische Forderungen zu stellen. Können Sie sich das erklären?

Das liegt daran, dass sie ja alles tun müssen, um dieser Klasse zu entfliehen. Wenn du arbeitslos bist, steckt schon in dem Wort, dass dir etwas fehlt. Das heißt, du musst dich permanent befreien. Das Jobcenter definiert jemanden, der arbeitslos ist, als jemanden, der sich aktiv darum bemüht, eine Beschäftigung zu finden. Das heißt, die Bemühungen dieser Gruppe zu entfliehen, liegt schon in der Definition. Daraus entwickelt sich dann natürlich kein Klassenbewusstsein. Es werden so viele verschiedene Leute arbeitslos, da entsteht keine revolutionäre Masse. Es kann der 50-jährige Schlosser sein, der dann seinen Job verliert und sein Leben lang CDU gewählt hat. Es kann aber auch die 19-jährige Studienabbrecherin sein. Worauf sollen die sich einigen?

Haben Sie neben der Anhebung des Hartz-IV-Satzes noch weitere Ideen, um die Situation der Arbeitslosen zu verbessern?

Wenn wir dann gleichzeitig auf einer gesellschaftlichen Ebene das Nicht-Arbeiten enttabuisieren, wäre vieles schon viel besser. Darüber hinaus sollte man den dritten Arbeitsmarkt als politisches Konzept wiederentdecken, also staatlich geförderte Beschäftigung. Damit Menschen einen Ort haben, wo sie hingehen und etwas Sinnvolles tun können: in sozialen Einrichtungen helfen, mit Flüchtlingen arbeiten, Erzieher unterstützen, Schulkindern über die Straße helfen. Ich bestreite ja nicht, dass Arbeit glücklich machen kann.

Das Gespräch führte Lena Fiedler.

Anna Mayr: „Die Elenden“, Hanser Berlin, 208 S., 20 Eur0.