BerlinDie Nachricht, dass er den Anna-Seghers-Preis erhalte, erreichte Hernán Ronsino an dem Tag, da erstmals die Corona-Pandemie ausgerufen wurde. Er habe angefangen, noch einmal den Roman „Transit“ zu lesen und die Verhältnisse zu vergleichen, in denen sich Lebensumstände grundlegend ändern: die Spannung zwischen Entwurzelung, politischer Gewalt und Schreiben. Das sagt er in seiner Dankesrede zu dem Preis, die er zunächst selbst vorträgt und dann sein Übersetzer Luis Ruby. Der hat bereits vier Romane des 1975 geborenen Argentiniers für den Bilgerverlag ins Deutsche übertragen. Man sieht ihn in einem Raum vor zwei Türen, einem Wohnzimmer vielleicht. Denn die Verleihung der Anna-Seghers-Preise 2020 findet, wie so vieles in diesem Jahr, in einem Mischform aus Livestream und Videobeiträgen statt.

Der mit jeweils 12.500 Euro dotierte Preis wird von der Anna-Seghers-Stiftung an Autoren aus dem deutschen Sprachraum und aus Lateinamerika vergeben, die im Sinne von Anna Seghers mit den Mitteln der Kunst zur Entstehung einer gerechteren Gesellschaft beitragen. Warum Lateinamerika? An die Beziehung der vor 120 Jahren geborenen deutschen Schriftstellerin zu dem Kontinent erinnern gerade zwei neue Bücher: Das Exil in Mexiko, wohin die Kommunistin und Jüdin floh, als auch Frankreich unsicher geworden war, war nicht nur lebensrettend für sie. Es beeinflusste auch ihr Schreiben.

In jedem Jahr neu übernehmen von der Stiftung beauftragte Persönlichkeiten aus dem literarischen Leben die Auswahl der Preisträger. Diesmal sind das die Übersetzerin Dagmar Ploetz, die sich für Hernán Ronsino entschied, und die Schriftstellerin Annette Pehnt, deren Wahl auf Ivna Žic fiel. Moritz Malsch, Vorstandsvorsitzender der Stiftung, begrüßt die Gäste der „weltweiten Seghers-Community“ am Freitagabend aus dem Literaturforum im Brecht-Haus. Gerade in den USA sei die Seghers-Forschung sehr aktiv. Bei ihm in Berlin ist nur eine Schauspielerin, die aus den Büchern der Geehrten liest.

Erinnerung an García Marquez

Technisch der heikelste Part des Abends sei die Zuschaltung der Preisträger, warnt Moritz Malsch. Aber sie klappt. Dagmar Ploetz ist im Gespräch mit Hernán Ronsino zu erleben, der in Chivilcoy sitzt, einer kleinen Stadt, zwei Autostunden von der Universität von Buenos Aires entfernt, wo er Soziologie unterrichtet. Bei ihm ist es noch frühsommerlicher Nachmittag, während es in Berlin kurz nach 19 Uhr längst stockfinster ist. Nach seiner Arbeit an der Universität fragt ihn Dagmar Ploetz. Die Forschung und die soziologische Literatur nützten ihm sehr, die Zusammenhänge in der Gesellschaft zu verstehen, allerdings nur für die Recherche. Beim Schreiben müsse er dies beiseitelassen, um den Geschichten ihre eigene Freiheit zu geben.

Dagmar Ploetz ist dann auf einmal anders gekleidet und vor einem anderen Hintergrund zu sehen. Sie trägt die Laudatio auf den Autor vor, das vorproduzierte Video läuft in dem Stream eingefügt. Sie, die mehrere Werke von Gabriel García Marquez übersetzt hat, fühlt sich bei der Gestaltung der Provinzstadt Chivilcoy bei Ronsino an Macondo erinnert, das fiktive Zentrum von „Hundert Jahre Einsamkeit“. Ronsino selbst erzählt dann in seiner Dankrede, wie ihn Anna Seghers' Exilroman an die Geschichte seiner Mutter erinnerte, die als Fünfjährige mit ihren Eltern aus Italien 1951 nach Argentinien gekommen war. Und so zieht die Verständigung über Literatur und Leben, über die Gesellschaft heute und gestern ihre Kreise.

Foto:  Katharina Manojlovic
Die Schriftstellerin Ivna Žic.

Ivna Žic, die andere Preisträgerin, wurde 1986 in Zagreb geboren und kam als Kind nach Zürich. Sie arbeitet als Autorin und Regisseurin an verschiedenen deutschsprachigen Theatern, auch am Maxim Gorki in Berlin. „Die Nachkommende“, bei Matthes & Seitz erschienen, ist ihr erster Roman. Aus Zürich zugeschaltet, erzählt sie ihrer Laudatorin Annette Pehnt, warum sie diesmal nicht die dramatische Form wählte. Das Theater fordere eine kollektive Arbeit, hier nun wollte sie lieber mit dem Text eine Weile allein sein. „Ich glaube, es ist auch besser, wenn er allein gelesen wird.“

Annette Pehnt: Das Beste, was ich seit langem gelesen habe 

Es sind schon ein und eine Viertelstunde vergangen, da reißt das Gespräch der beiden Autorinnen (Annette Pehnt schreibt selbst Romane) die Aufmerksamkeit noch einmal hoch. „Feierlich und fein gestaltet“ findet Ivna Žic die Stimmung, als sie das Glas in Richtung ihrer Webcam erhebt. Natürlich darf auch Annette Pehnt dann ihre Laudatio vortragen auf „das beste Buch, das ich seit langem gelesen habe“ und begründet das leseanregend. Er könnte aktueller nicht sein, aber „niemals behauptet er Aktualität“. Die Menschen gehen über Grenzen, werden immer wieder gefragt, woher sie kommen, müssen sich rechtfertigen, neu heimisch werden. Die Bezüge zu „Transit“ und Anna Seghers gibt es hier also auch.

Anders als eine Preisverleihung zu früheren Zeiten kann diese noch lange geschaut werden, auf dem Youtube-Kanal des Literaturforums.