Auf dem Motiv ist durch die Erzwäscherinnen frühkapitalistische Frauenarbeit belegt.
Foto: St.Annen 

Annaberg-BuchholzMiriquidi – so nennt die frühmittelalterliche Historiographie auf Latein das Erzgebirge, das im Osten an Tschechien und im Westen an Franken grenzt. Auf Deutsch heißt das Dunkel- oder auch Finsterwald.

Unter diesen schwarzen Wäldern und rauen Bergen wurde schon vor 1500 Silbererz geschürft. Das Erzgebirge mit seiner Montangeschichte wurde dieses Jahr  von der Unesco zum Weltkulturerbe erklärt – beiderseits der Grenze zwischen Sachsen und Böhmen. Hier hub schon im Jahr vor der Entdeckung Amerikas 1492 das „Große Berggeschrey“ an. So schrieben es die Chronisten.

Die jüngere Forschung vergleicht es mit dem Klondike-Fieber im Alaska der Mitte des 19. Jahrhunderts. Der Lockruf des Silbers zog um 1500 auch Künstler in die Gegend. So den fränkischen Maler Hans Hesse. Ihm verdanken wir – neben den Kupferstichen aus Georgius Agricolas „De re metallica“– die berühmteste Darstellung frühneuzeitlichen Bergbaus.  

Ernennung des Annaberger Bergaltars zum Leitsymbol der sächsischen Industriekultur

Ein grandioses Zeugnis dieser Zeit, in der die Grubenbesitzer und der sächsische Fürstenhof zu Dresden – wohin das zu Münzen geprägte Edelmetall in Planwagen rumpelte – immer reicher und mächtiger wurden, die Bergleute indes ihr Leben mit Mühe fristeten, ist der Annaberger Bergaltar. Kurz vor Weihnachten wurde er zum Leitsymbol der sächsischen Industriekultur erklärt.

Ab April kommenden Jahres soll er als digitale Großinstallation einer Gruppe Leipziger Künstler im Mittelpunkt der Landesausstellung Industriekultur  nicht nur in der Zwickauer Zentralschau zu sehen sein, sondern an sieben weiteren Standorten.

Der vermutlich aus Nürnberg stammende Maler Hans Hesse (1470–1539) hat die von Eichenholz gefassten Tafeln um 1522 als Auftragswerk der Bergleute-Zunft gemalt. Für Architekturhistoriker ist St. Annen die schönste, dreischiffige, aus Gneis (Abraumgestein) gemauerte Hallenkirche der Frührenaissance im deutschen Süden. 

Altarbild erzählt von der harten Arbeit der Bergleute

Der imposante – schon früh lutherisch reformierte – Sakralbau machte die Bergstadt Annaberg weithin berühmt. Und ebenso Hesses Altar, mit der Schilderung des mittelalterlichen Bergbaugeschehens auf der Rückseite des Retabels. Hans Hesse malte auf die Holztafeln die wohl früheste Darstellung der Technik des Bergbaus.

In präziser Bildsprache ist die schon damals ingenieurtechnisch ausgeklügelte „Wasserkunst“ zur Entwässerung der Gruben, des Transportes von Bergleuten, Erz und Abraum zu besichtigen. Ebenso die Anordnung der Kauen über den Schachtmündungen, die Luftschächte wie auch das Zusammenspiel der Gewerke. In seinem lebensnahen, den anschaulichen Bilderbögen des Mittelalters gleichender Malstil erzählt Hesse von der harten Arbeit der Bergleute, der Steiger, Hauer, Huntschlepper, Zimmerleute, Haspelknechte, der Erzklopfer, Schmiede und Münzpräger.  

Eine kirchenkunsthistorische Sensation

Der Blick auf die Altartafeln begleitet den Wünschelrutengänger beim Aufspüren der Erzadern, die Bergknappen beim Einstieg mit der Öllampe, beim gebückten Schürfen und mühsamen Transportieren des Erzes in die Karren. Wir sehen den Erzwäschern zu und entdecken zwei Frauen. Diese Figuren gelten als bisher erster (künstlerischer) Beleg der frühindustriellen Frauenarbeit im 16.Jahrhundert.

Die Kunstwissenschaft bewertet das packende Bilderwerk als eine kirchenkunsthistorische Sensation, verbildlicht es doch vor allem auch eine Revolte gegen den orthodoxen Bilderglauben. Weggewandt vom Göttlich-Entrückten hat der Maler die profane Arbeitswelt auf den Altar erhoben.

Der Bergaltar ist auch ein reformatorisches Bildwerk. Den sakralen Hintergrund erhalten Hesses Tafeln allein durch die Präsenz eines Verkündigungsengels und die Gestalt des Propheten Daniel. Dessen biblische Errettung aus der Löwengrube nahmen die Bergleute vor 500 Jahren als  hoffende Botschaft für das eigene Überleben in den Schächten. Somit steht der Altar weit weniger für die Mythen und Weisungen der Bibel als für das profane Leben der Bergleute. Volkshumorvoll-drastisch bis poetisch sind in Hesses Darstellungen Glaube und  gefahrvolle Arbeit eins geworden.  

Der Schatzbaum im Zentrum des Altarbildes.
Foto: St.Annen

Schatzbaum im Zentrum

Im Zentrum der Tafeln, vor dem „Schatzbaum“, in dessen Wurzeln der erste Bergmann namens Daniel Knappe nach der Verheißung des Engels Silber findet, schlägt ein Knappe Erz aus dem Gestein. Rechts davon fördern zwei Haspelknechte den Abraum nach oben. Dahinter tut sich eine reale Bergbaulandschaft auf. Sämtliche Motive bilden im malerischen Querschnitt – und eng verquickt mit der mythologischen Symbolik – eine frühkapitalistische Szenerie: Ein Bergknappe schaffte pro Schicht in 14 Stunden zwei Zentimeter Vortrieb. Ab 1509 durfte laut Bergordnung schon im Drei-Schicht-System abgebaut werden.

Wer heilfroh wieder ans Tageslicht kam, grüßte nicht nur mit „Glück auf!“ Er gierte auch nach Licht. Dieses boten die Kirchen mit den „Metten“. Der alte Brauch gilt bis heute. Er hielt sich über spätere Steinkohle-, Zinn- und Kupfer-Zechen und den folgenschweren Uranabbau der sowjetischen Besatzungsmacht (SDAG Wismut) nach dem Zweiten Weltkrieg bis in die heutige Zeit, da die Gruben des Erzgebirges längst geschlossen sind.  Es machte die Gegend mit ihren Pyramiden und Kerzen zum Lichterland.