Manchmal möchte man lieber niemanden sehen.
Foto: Imago Images/Ute Grabowsky

Berlin„Ich widme dieses Buch allen krummen Bäumen da draußen“ schreibt Anne Freytag zu Beginn ihres Romans „Das Gegenteil von Hasen“ und bezieht sich auf das darüber stehende chinesische Sprichwort „Der krumme Baum lebt sein Leben, der gerade Baum wird ein Brett.“ Die krummen Bäume in diesem klugen Roman, das sind auf den ersten Blick die starke, doch durch Mobbing vor langer Zeit schwer verwundete Linda mit den bunten Haaren, die Momo liebt, das Mädchen mit den schrägen Augen. Das sind außerdem Edgar, der Typ in den „grob gestrickten Zopfmusterpullovern und dazu Altherrenschals mit Karos“. Und, wie man recht bald ahnt, Julia. Auch wenn die zur Super-Clique rund um Bernhard und Marlene gehört, den Machthabern, wie sie an keiner Schule fehlen. Als Julias Laptop verloren geht und ihr persönlicher Blog online gestellt wird, spielt die Frage, wer das getan hat, kaum eine Rolle. Denn ein ganzes Gefüge aus Loyalitäten, Rangfolgen, Intimitäten und Freundschaften gerät ins Wanken. Mit jedem hat Julia abgerechnet in ihren Texten und jeder muss sich und seine Beziehungen zu den anderen jetzt befragen. Am Ende stellt sich heraus: Auch die scheinbar perfekten Gewächse sind krumme Bäume. Dass das viel aufregender ist als Brettsein, ist die wunderbare Botschaft dieses Buches.

Das Buch

Anne Freytag:
Das Gegenteil von Hasen
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Heyne, München 2020.
416 S., 17 Euro. Ab 14 Jahren

Black Box aus Holz

Die krummen Bäume in Michael Siebens Buch nennen sich selbst Mofs. Dass der Begriff eigentlich nicht passt, weiß auch Paul: „Auf einmal war ich verdammt stolz darauf, ein Mensch ohne Freunde zu sein – aber natürlich nur, weil ich in Wirklichkeit längst keiner mehr war. Das Gefühl hat mich durch die nächsten Wochen getragen wie ein Luftkissenboot über die windstille See.“ Ein Gefühl, dass der kleine dünne Ken und der dauerdaddelnde dicke Mehmet sicher teilten – teilten, denn zu Beginn des Buches ist „Das Jahr in der Box“ schon eine Weile her und einer der drei Jungen ist tot. Paul steht erneut vor Umzugskartons und wagt es endlich, eine besondere kleine Kiste zu öffnen. Darin: Erinnerungen an alles, was geschah, seit er von Berlin in die Kleinstadt Wicker umzog: Machtkämpfe. Demütigungen. Eine unerfüllte Liebe. Ein Video, dass niemanden etwas anging und dennoch der ganzen Schule gezeigt wurde ... Paul – und der Leser mit ihm – geht einen schweren Weg der Erinnerung. Dass er die Last ablegen kann, liegt auch an seiner Mutter. Bille, um die ihn alle beneiden und die den ersten Vollrausch der drei Mofs in ihrem Garten bemerkenswert gelassen nimmt, verliert ihren Sohn zwar zwischenzeitlich aus den Augen und ist selbst – natürlich – nicht ohne Narben. Aber auch Erwachsene sind eben krumme Bäume. Keine ganz unwichtige Botschaft.

Das Buch

Michael Sieben:
Das Jahr in der Box.

Carlsen, Hamburg 2020.
256 S., 9,99 Euro. Ab 13 Jahren