Man sollte sich Luis Buñuels Film „Der diskrete Charme der Bourgeoisie“ alle paar Jahre ansehen. Selten fallen Analyse, Komik und Kritik an einer Gesellschaft so glücklich zusammen wie in dem Klassiker von 1972. Oft wird er „surrealistisch“ genannt, weil vieles darin verschachtelte Traumerzählung ist. Tatsächlich aber spielt sich alles so realistisch ab, so wenig traumsprachlich verschlüsselt, dass man die charmant verpackte Brutalität darin leicht als eigentliche Realität begreifen kann. Sieben Herrschaften wollen sich zum Diner treffen − der Botschafter von Miranda, zwei distinguierte Ehepaare, ein Bischof und ein Colonel − doch immer wieder hindert sie irgendetwas daran: Der Restaurantchef ist tot, ein Militärmanöver beginnt im Garten, oder die Polizei stürmt die Runde, da sie ihre Vornehmheit mit Drogenhandel finanziert. All diese Störungen also klappen herrlich lakonisch die perfekten Manieren der diskreten Bourgeoisie in pure Hohlphrasen und Machtmechanismen um. Ihr größter Albtraum folglich: ertappt zu werden als bloße Platzhalter in ihrer Statuswelt.

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