Anne Tismer zwischen ihren verdienstvollen Vorgängerinnen Anne de Bretagne und Katharina di Medici
Foto: Lea Hopp

BerlinKennt jemand die Philosophin Aspasia, die Sokrates das dialogische Philosophieren lehrte? Oder die Physikprofessorin Laura Bassi, die Mitte des 18. Jahrhunderts den Blitzableiter einführen wollte, aber am Aberglauben scheiterte? Oder die Biochemikerin Rosalind Franklin, die in den 1950er Jahren die Struktur der DNA maßgeblich weiter entschlüsselte, den Nobelpreis dafür aber ihren Kollegen überlassen musste, die sich ihrer Ergebnisse zitatlos bedienten? Man kann die Liste endlos fortsetzen mit Namen von Frauen, die die Geschichte hätten bestimmen können, wenn Männer sie nicht in ihrem eigenen Schatten gehalten hätten.

Im Ballhaus Ost hat das Künstlerinnenduo Anne Tismer und Marie Schleef nun diesem Männerblick den Kampf angesagt. In ihrer siebenstündigen Performance „Name Her“ treten sie den kurzweiligen Beweis an, dass mit ein bisschen Ehrgeiz und Ausdauer und trotz aller historischen Barrieren eine andere, weibliche Geschichtsschreibung möglich ist, ohne dass der heutige Wissensstand des Abendlandes in finstere Zeiten zurückfiele. Hunderte Namen vergessener oder nie beachteter Frauen aus Wissenschaft, Kultur und dem normalen Leben haben sie gesammelt, von denen Anne Tismer nun an die 150 in eine große kleine Welterzählung einspinnt, die in Anstrengung, Lust, Traurigkeit, Spiel- und Wissenskraft ihresgleichen sucht.

Immer diese Texte alter Männer

Natürlich ist nichts lückenlos konsistent oder unangreifbar an der bunten Namensliste, die die Ausnahmekünstlerin Tismer vor einem Triptychon großer Videoscreens von A-Z zum Leben erweckt: erklärend, tanzend, pantomimisch, kurz mit allen Sinnen und viel Verstand. Vielmehr ist es ein heiter-ernstes Hin und Her zwischen Zeiten, Ausdrucksweisen, großen und kleinen Ereignissen von der Erfindung der Gabel im 11. Jahrhundert bis zu physikalischen Theorien heute, die die Welt aus atomistischen Loops zusammengesetzt begreifen.

Letztere packt die unermüdlich wuselnde Tismer, die immer dann stark ist, wenn es kompliziert wird, in eine besonders intensive Szene: Auf den Screens erscheint ein leeres Theater, es ist der 4. September 1983, Vorsprechtermin der jungen Anne am Max-Reinhardt-Seminar. Und in aller Klarheit, mit bildhaft geschmeidigen Bewegungen performt Anne nun diese Loop-Theorie der Francesca Vidotto, nach der man sich das Universum auch als Wollknäuel vorstellen kann. Auf die Frage, welches Vorsprechstück das denn sei, antwortet sie „Die Physikerinnen“ und ersetzt damit im Handumdrehen die Anne von einst, die sich Zeit ihres servilen Schauspielerlebens nur für die Texte alter Männer den Kopf frei hielt, durch die selbst denkende wissenshungrige Anne heute.

Über Togo zurück nach Berlin

Dass dieser Abend auch biografisch sein muss, liegt auf der Hand, und tatsächlich erzählt Tismers Leben ja auch die sprechendste Geschichte dazu. Ihr Ausstieg aus der Schauspielerei, nachdem sie fast zwanzig Jahre zu den Spitzenkräften des Metiers zählte, bleibt bis heute einzigartig. Als freie Konzeptkünstlerin gründete sie 2006 zusammen mit zwei Kollegen das Ballhaus Ost und zog drei Jahre später ins westafrikanische Togo, wo sie das Darstellen aus dem Geist des gelebten Tanzes neu entdeckte.

2017 kam sie für die neue Volksbühne unter dem Theaterfremdling Chris Dercon zurück nach Berlin, wo sie, die Aussteigerin, sich ein anderes, vor allem radikal offenes Theater erhoffte. Bekanntlich scheiterte das Projekt, Tismers eigene Kunst aber führte es durch die Bekanntschaft mit der Nachwuchsregisseurin Marie Schleef zu neuen Ufern. Hoffentlich noch oft.

Name Her, 26.9., ab 16 Uhr; 27.9., ab 14 Uhr, in drei Zeitabschnitten buchbar, Ballhaus Ost, Infos: 44049250 oder: www.ballhausost.de