Die Autorin Anne Weber. Ihr Buch ist auf der Shortlist zum Deutschen Buchpreis 2020. Die mit 25.000 Euro dotierte Auszeichnung wird am 12. Oktober verliehen.
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In „Annette, ein Heldinnenepos“ erzählt die deutsch-französische Schriftstellerin Anne Weber von einer mutigen Frau: Sie verteilte Flugblätter gegen die Nazis, unterstützte Menschen, die in Spanien gegen den Faschismus kämpften und rettete zwei jüdische Kinder vor der Deportation. Jad Vashem ehrte sie und ihre Eltern als „Gerechte unter den Völkern“. Ihre erste Liebe, Rainer Jurestal, wie sie in der Résistance, wurde von Kollaborateuren erschossen.

Anne Weber, die seit vielen Jahren Romane, Essays und Erzählungen schreibt und vom Deutschen ins Französische und umgekehrt übersetzt, hat diese Frau nicht erfunden: Ihre Romanfigur hat eine reale Entsprechung, sie heißt Anne Beaumanoir, ist heute 97 Jahre alt. In den 50er-Jahren unterstützte Annette, wie diese Frau im Roman genannt wird, den Algerischen Unabhängigkeitskampf gegen Frankreich. Sie schmuggelte Geld für Menschen, die in Frankreich als Terroristen galten, beriet und begleitete sie.

Eine Frau, die zweifelt

„Ärztin, Neurophysiologin, Mutter von zwei Söhnen wird Annette nebenbei“, schreibt Weber. Die Kinder sind von ihrem zweiten Ehemann, auch er Résistancekämpfer und zweifelndes, irgendwann ehemaliges Mitglied der Kommunistischen Partei wie sie. Als Annettes antikoloniale Arbeit auffliegt, wird zu zehn Jahren Gefängnis verurteilt. Für die Geburt ihres dritten Kindes darf sie das Gefängnis verlassen und flieht nach Tunesien. Ohne das Baby, ohne ihre beiden Söhne, ohne ihren Mann. In Algerien arbeitet sie nach der Unabhängigkeit des Landes für das Gesundheitsministerium.

Weber breitet diese Vita nicht in Versen, wie in Heldenepen einst üblich, sondern in nüchternen Worten aus. Sie entfaltet sie in sparsam umrissenen und doch leuchtenden Szenen, etwa Momenten einer glücklichen Kindheit in wenig begütertem Milieu. Oder in einer letzten Begegnung, die ganz sachte auf die poetischen Bilder mittelalterlicher Liebespoesie anspielt, während sich das epische Abenteuermotiv schlechthin, die Odyssee vor allem im zweiten Teil des Buches ganz offen zeigt.

Dieses Epos erzählt von großem Mut, großer Angst und auch Trauer, ohne der Hauptfigur jemals zu nahezutreten. Manchmal wendet sich die Erzählerin diskret ab, was die Gefühlsintensität nicht schmälert, im Gegenteil. Ihr Roman ist sehr persönlich und sehr politisch, führt uns das besetzte, dann befreite Frankreich, den Algerienkrieg und die Machtkämpfe danach auf gut 200 Seiten schlaglichtartig vor Augen. Sie hat genau recherchiert und, wie sie am Ende berichtet, ausführliche Gespräche mit der realen Anne geführt und auch ihre Autobiografie studiert, die gerade auf Deutsch erschienen ist.

Ihre besondere Leistung ist es, diese Heldin nicht als unanfechtbar zu zeigen, sondern als eine, die zweifelt, sich irrt, die Fehler macht und sich fragen muss, ob es das alles wert war. Annette, die Heldin, lebt den größeren Teil ihres Lebens in extremer Unsicherheit, verliert geliebte Menschen, sieht ihre Kinder nicht aufwachsen, sie werden ihr fremd.

Natürlich war es richtig, jüdische Menschen zu retten und gegen die Nazis zu kämpfen. Aber die Kommunistische Partei, der sie sich als junge Frau verpflichtet fühlt, wird zur Enttäuschung, wie auch ein Frankreich, für das sie ihr Leben riskierte und das als Kolonialmacht foltert und tötet. Und schließlich auch das freie Algerien, für das sie ihre eigene Freiheit opferte und das kein sozialistisches Paradies wurde, ja nicht einmal eine Demokratie. Die Trennung zwischen gut und nicht so gut oder böse verschwimmt, im aktiven politischen Handeln, im Einsatz für eine gute Sache, immer wieder.

Für diese Widersprüche interessiert sich Weber sehr, sie dreht und wendet sie als Erzählerin hin und her, das bewegte Leben ihrer Heldin gibt reichlich Gelegenheit dazu. Eine unbeirrbare, mutige, großzügige, auch widersprüchliche Person, die ihre Ziele und Träume und vielleicht auch ihre Abenteuerlust, wie Weber leise fragt, über alles andere stellt.

Vibrierende Energie

Ihr Porträt einer Frau als Heldin, ihre Geschichte, ihr „Epos“, ist kein klassisch-opulenter Abenteuerplot mit Um- und Irrwegen, Spannung und erlösendem Finale (Sieg des Guten!), sondern eher ein Raum für Mehrdeutigkeit, Zweifel, Gewissensfragen jeden politischen Handelns. Anne Weber spannt ihn auf, ohne den Wert des persönlichen Mutes, des unbeirrbaren Idealismus, ja der Heldinnentat zu bezweifeln. Dass ihr bei diesem Kunststück außerdem gelingt, die Wärme und vibrierende Energie eines einzigartigen, ganz individuellen Lebens spürbar zu machen, dafür hat sie ganz gewiss den Buchpreis verdient.

Anne Weber: Annette, ein Heldinnenepos. Matthes & Seitz, Berlin 2020. 208 S., 22 Euro.