Berlin - Erst bomben, dann Fragen stellen? Ist das etwa die Maxime, nach welcher US-Präsident Donald Trump gehandelt hat, als er den Raketenangriff auf eine Luftwaffenbasis des Regimes des syrischen Diktators Baschar al-Assad angeordnet hat?

So zumindest sieht es Jan van Aken, außenpolitischer Sprecher der Linken im Bundestag. Denn der Abgeordnete, der früher mal als UN-Biowaffeninspekteur gearbeitet hat, hält die Frage für ungeklärt, ob Assad wirklich hinter dem menschenverachtenden Giftgas-Angriff in der Provinz Idlib steckt, mit dem Trump den Militärschlag begründete. Er gehe zwar davon aus, dass das Sarin, das eingesetzt wurde, aus dem Arsenal Assads stammte, sagt von Aken. Dennoch bleibe die Frage offen: „Wer hat das Giftgas eingesetzt?“ Denn es sei durchaus vorstellbar, dass es um Bestände gehe, die im Lauf des Krieges an Rebellen im Land gefallen seien, sagt der Bundestagsabgeordnete.

„Trump bekämpft Assad – Droht jetzt ein globaler Konflikt?“ Diese Frage wollte Anne Will mit ihren Gästen in ihrer ARD-Talkshow am Sonntagabend erörtern. Doch deutlich wurde zuallererst wieder einmal, wie schwierig es ist, überhaupt über den Krieg in Syrien zu diskutieren. Ganz einfach, weil zwischen den Diskutanten in der Regel nicht mal Einigkeit über grundlegende Fakten herrscht.

Von der Leyen: Giftgasangriff „mit hoher Wahrscheinlichkeit“ von Assad

Während Bundesverteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU) sagt, der Giftgas-Angriff sei „mit hoher Wahrscheinlichkeit“ von Assad geführt worden und die Reaktion des US-Präsidenten sei folglich nachvollziehbar, beharrt van Aken darauf, die Sache müsse erst untersucht werden – gern von Amerikanern und Russen gemeinsam. Oder von den Vereinten Nationen.

Der nächste Punkt, in dem grundlegende Bewertungsunterschiede liegen, ist jener, wie in der Frage des von Trump angeordneten Luftschlags mit dem Völkerrecht umzugehen ist. Van Aken prangert den Bruch des Völkerrechts an, da sich der US-Präsident für sein Vorgehen – wegen des Widerstands der Russen – nicht die Rückendeckung des UN-Sicherheitsrates holen konnte. Der Historiker Michael Wolffsohn hält dagegen, das Völkerrecht habe das Morden in Syrien nicht verhindern können. In einer solchen Situation müsse die Frage erlaubt sein: „Ist das Recht für die Menschen da? Oder sind die Menschen für das Recht da?“

Politikwissenschaftler warnt vor Eskalation

Da kann es kaum verwundern, dass die Talkrunde sich auch nicht im Mindesten einig ist, wie der vom US-Präsidenten angeordnete Raketenangriff strategisch zu beurteilen ist. „Trump schießt aus der Hüfte“, sagt der Autor sowie Politik- und Wirtschaftsberater Michael Lüders, der Präsident der Deutsch-Arabischen Gesellschaft ist. Was wäre, wenn bei einem möglichen künftigen Angriff der Amerikaner versehentlich ein russisches Flugzeug abgeschossen würde? Lüders stellt die Frage, um sie sogleich selbst zu beantworten: „Dann haben wir sehr schnell eine Eskalation, und dann wird es sehr, sehr schnell brandgefährlich.“

Der frühere US-Botschafter in Deutschland, John Kornblum, geht hingegen davon aus, der US-Raketenangriff werde sich noch als „sehr befreiender Schlag“ erweisen. Denn er habe den Russen gezeigt, dass sie mit ihrer „rücksichtslosen Politik“ auf Seiten Assads so nicht weitermachen könnten. „Putin sitzt jetzt wirklich in einer Sackgasse“, sagt Kornblum. Vielleicht wüssten die Russen jetzt, dass sie eine schlechte Wette abgeschlossen hätten, indem sie Assad die ganze Zeit unterstützt hätten, fügt er hinzu.
Immerhin: Unwidersprochen bleibt in der Talkshow der Gedanke Michael Wolffsohns, Syrien – mit seinen vielen unterschiedlichen Gruppen und äußeren Einflüssen könne nur über eine föderale Struktur in eine friedliche Zukunft finden.

Nur: Wie zurzeit ein realistischer Weg dorthin führen könnte, das weiß offenkundig niemand der Diskutanten. Zumal Assad ja nicht das einzige Problem in Syrien ist. Vielmehr ist, wie Verteidigungsministerin von der Leyen mehrfach betont, der wichtigste Feind des Westens in Syrien der Islamische Staat.