Es gibt sie also doch noch, die Fragen, für die sich zu streiten lohnt, ohne dass man sich bekriegen muss. Mit einer Sachlichkeit, die der provozierende Sendungstitel „Auslandseinsatz Afghanistan – war es die Opfer wert?“ kaum erwarten ließ und einer Empathie, die den vielen Opfern auf beiden Seiten in jeder Sendeminute angemessen war, diskutierte die Runde bei Anne Will jene Fragen, die zuvor der Fernsehfilm „Auslandseinsatz“ aufgeworfen hatte: Hat dieser Krieg zu viel gekostet? Waren die Ziele anfangs zu idealistisch, später zu bescheiden? Wenn Afghanistan nach dem Abzug wieder zu Taliban-Land wird, sind dann die 52 deutschen Soldaten umsonst gefallen? Und was ist eigentlich mit den vielen, die mit einer posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) heimkehrten?

Rund zwei Prozent aller Einsatzkräfte kommen mit intaktem Körper zurück, haben aber ihre seelische Unversehrtheit im Einsatz gelassen, weiß Verteidigungsminister de Maizière. Auch der Ehemann von Marita Schulz leidet unter einer massiven PTBS. Über die große Belastung für den Familienalltag mit ihrem traumatisierten Mann hat sie das Buch „Heimatfront“ geschrieben. Aber Scholz kennt auch den Alltag in Kunduz. Die zweifache Ruderweltmeisterin war zunächst Sportstudentin bei der Bundeswehr; um ihren Mann verstehen zu können, ließ sie sich als Reservistin nach Afghanistan schicken. Sie ging für „nur“ drei Monate, weil das „so eine Kippzeit“ für die Psyche ist, wie Marita Scholz aus leidvoller Erfahrung weiß. „Sechs Monate sind einfach zu viel“ sagt sie und schaut dabei Verteidigungsminister Thomas de Maizière direkt in die Augen.

Die Leistungssportlerin Scholz gibt hier die emotionale Schlagzahl vor. Eine Position im ARD-Talkshow-Achter, die sonst gerne der Publizist und Afghanistan-Kenner Jürgen Todenhöfer mit seinen provokanten Thesen einnimmt. Aber Marita Scholz zieht ihre Botschaften so straight durch wie sie früher die Ruder ins Wasser tauchte: „Ich mache täglich den Spagat zwischen Hobbypsychologin, Mutter und Ehefrau“. Sie wünsche sich mehr Unterstützung von der Bundeswehr, mehr Entlastung in ihrem schwierigen Alltag. Vielleicht mal eine Kur ganz für sich alleine. „Ich kämpfe auch darum, dass ich nicht erst zusammenbrechen muss, um eine Haushaltshilfe zu bekommen.“  

Thomas de Maizière hört sich das ruhig und aufmerksam an. „Ihr Mann ist ein sehr früher Fall“, sagt er dann. Die Bundeswehr habe erst lernen müssen, vieles sei inzwischen besser geworden. Aber: „Es gibt immer noch zu wenig Gutachter. Und die brauchen zu lange“.

Das Ziel: "Da raus kommen"

Drei Dienstposten für 3600 Anträge, wird später Omid Nouripour die nüchternen statistischen Zahlen zu Scholzens dramatischer Fallgeschichte hinzufügen. „Ich habe einige getroffen“, so Nouripour, „die in den Mühlen der Bürokratie kaputt gemacht wurden“.

Auch der Sicherheitspolitische Sprecher von B90/Die Grünen will die Menschenleben nicht gegen den politischen Fortschritt in Afghanistan aufrechnen. Aber er, der den ISAF-Einsatz immer befürwortete, muss auch zugeben: Das neue politische Ziel sei nur noch ein „Wie kommen wir da raus?“. Er sagt nicht „heil raus“.

Interessanterweise bleibt ausgerechnet der katholische Militärbischof der Bundeswehr Franz Josef Overbeck eine wenig gefragter und befragter Gast. Es braucht hier keinen, der mit abgewogenen Statements die anderen wieder besänftigt. Es braucht auch keinen Agent provocateur wie Todenhöfer, der mehrfach versucht, das Gespräch mit polemischen Bemerkungen in einen anderen Aggregatszustand zu bringen: Der Afghanistan-Einsatz sei doch ausschließlich aus Bündnisgründen beschlossen worden, erklärt er apodiktisch. Aber Minister de Maizière pariert auch diesen Angriff mit verständnisvoller Zustimmung: Solidarität unter Bündnispartnern sei doch auch ein guter Grund. Todenhöfers Credo, alle Ziele des Einsatzes seien nicht nur verfehlt worden, die Lage sei heute sogar schlimmer als vor dem Einmarsch in Afghanistan, ärgert den Minister sichtbar, lockt ihn aber nicht so recht aus der Reserve. Das ist auch gut so, denn die hitzigen Generaldebatten hat es ja in den letzten elf Jahren schon zur Genüge geben.