Berlin - Es steht außer Frage: Eine Lösung der Ukraine-Krise wird es nur mit Russlands Präsident Wladimir Putin geben. Das schmerzt viele im Westen aus guten Gründen – schließlich hat Putin im Laufe des Konflikts oft gelogen, um seine neo-imperialistische Vorgehensweise zu verschleiern. Doch trotz alledem gibt es keinen Frieden ohne ihn.

Auf der anderen Seite ist ebenso deutlich: Ohne Angela Merkel wird es diesen Frieden auch nicht geben. Sie führt die Verhandlungen für den Westen und ist „at the top of her game“ wie die Amerikaner so schön sagen. Sinngemäß heißt das: auf dem Höhepunkt ihres Könnens. In dieser Krise weiß sie, was auf dem Spiel steht, was sie erreichen kann.

Ihre Souveränität zeigt sich schon an einer kleinen Szene zu Beginn des Gipfels von Minsk, als sie den weißrussischen Präsident Lukaschenko zur Seite nimmt, um ihm in fließendem Russisch eine kleine Botschaft zur Sitzordnung zu übermitteln. Mit einer knappen Verbeugung verschwindet der Weißrusse aus dem Bild, und Merkel nimmt auf der Mitte des herrschaftlichen Sofas Platz.

Putins Sprachrohr ist auch wieder dabei

Am Mittwochabend hatten also zumindest aus europäischer Sicht die wichtigsten politischen Unterhandlungen der letzten Jahre begonnen. Insofern war sicher keine Überraschung, dass auch Anne Will in ihrer Sendung über die Ukraine-Krise sprechen wollte. Doch offenkundig wollten die meisten wirklich wichtigen Gesprächspartner zu diesem Zeitpunkt nicht zu ihr kommen. Stattdessen fanden sich vier Gestalten ein, deren Aussagen so vorhersehbar waren wie Gräten in einer Forelle.

Da war erst einmal Eckhard Cordes, der Vorsitzende des Ost-Ausschusses der deutschen Wirtschaft – seltsam genug, dass der heute noch so heißt –, der schon vor Jahren Putin ein tiefes Verständnis für wirtschaftliche Zusammenhänge attestiert hatte. Kein Wunder, dass er kein Freund wirtschaftlicher Sanktionen ist, obwohl er im letzten Jahr immerhin sagte: „Wenn Putin diesen Weg weitergeht, dann ist es nicht der Weg der deutschen Wirtschaft.“ Doch er hofft von ganzem Herzen auf Angela Merkels Vermittlung, der er großen Respekt zollt.

Sprachrohr des Kremls

Als Sprachrohr des russischen Präsidenten durfte wieder einmal Ivan Rodionov seine Weisheiten zum Besten geben. An dieser Stelle sei einmal vermerkt, dass es gewiss kein Zufall ist, dass er wie der Großneffe von Putin aussieht. Er leitet zudem nicht nur die TV-Nachrichtenagentur Ruptly, eine Tochterfirma des Moskauer Auslandssenders Russia Today, sondern scheint generell der Talkshow-Beauftragte Russlands im deutschen Fernsehen zu sein.

Ein Kreml-kritisches Wort käme ihm höchstens in den Sinn, wenn er gefeuert würde. Bis es soweit ist, fordert er wirklich erst einmal Vertrauensbeweise von der Ukraine, weil Russland ja so ehrlich in diesem Konflikt wie sonst keiner. Und haut nebenbei als Scharfmacher auf die Balten und Polen ein.

Auf der anderen Seite durfte wieder einmal Nataliia Fiebrig die ukrainische Fahne hochhalten. Wie schon vor einem Jahr musste die Journalistin aus Kiew die Politik ihres Landes verteidigen und völkerrechtswidrige Vorgehen Russlands detailliert erläutern.

Ja, und dann wäre da noch der Kanzleramtsminister Peter Altmaier, dessen joviales Auftreten immer etwas Versöhnliches hat, der aber zur Sache nichts Neues vorzutragen wusste. Wie auch, wenn seine Chefin gleichzeitig in Minsk gerade mit Putin um eine Lösung des Konflikts ringt?

Nichts Genaues weiß man nicht

Man kann also getrost sagen, dass eine Sendung mit dem Titel „Friedensgipfel für die Ukraine - Lenken Putin und Poroschenko ein?“ nicht schlechter platziert sein konnte als am Mittwochabend. Mal ganz abgesehen von dem unsinnigen Titel. Es geht schon längst nicht mehr ums Einlenken der einen oder anderen Seite, sondern um einen Kompromiss, der einen neuen Ost-West-Konflikt zumindest abschwächt, wenn nicht auf lange Sicht löst.

Dementsprechend konnte man aus Anne Wills Sendung auch nichts erfahren, was man nicht eh schon wusste. Auch Altmaier konnte nicht mehr sagen, als dass eben in jedem Fall weiter verhandelt werden muss, was auch immer in Minsk herauskommt. Immerhin betont er die Geschlossenheit des Westens und die Notwendigkeit eines Kompromisses, weil Nachbarn nun mal miteinander auskommen müssen.

Und dann kommt er doch noch mal auf das Entscheidende zu sprechen: „Kein Land hat das Recht dazu, ein anderes zu schwächen.“ Und im übrigen müsste allen Beteiligten klar sein, dass eine Eskalation langfristig gesehen keinem nutzen könne, weil es der ganzen Region schade. Auch Russland. Das würden auch viele in Moskau so sehen. Immerhin eine kleine Hoffnung. Eine ganz kleine Hoffnung. Immerhin.