Dome (Dominique) Hollenstein war in den 80er-Jahren Sven Marquardts Model.
Real Fiction

BerlinAnnekatrin Hendel hat das Hotel Oderberger als Treffpunkt vorgeschlagen. Und dann empfängt sie einen dort in der Badewanne, nimmt eine Pose nach der anderen ein, legt die Füße auf den   Wannenrand, dann das Kinn. In voller Montur natürlich, es war die Idee der Fotografin. Aber Annekatrin Hendel ist eine, die so was mitmacht. Und wir treffen uns hier ja mit Absicht.

Die einstige Volksbadeanstalt ist einer der Drehorte in Annekatrin Hendels  neuem Film „Schönheit & Vergänglichkeit“. Er handelt von drei Freunden,  Sven Marquardt,  bekannt als Berghain-Türsteher,    hier in seiner Rolle als Fotograf, Robert Paris, der in seiner Jugend vor und kurz nach der Wende Berlin fotografiert hat und Dome (Dominique) Hollenstein, die Sven Marquardt in den 80er-Jahren Muse beim Fotografieren war. Es geht ums Jungsein und Altwerden, um Vergangenheit und Gegenwart, um die große Frage, wie man leben will, egal in welchem System. Der Film erzählt, wie manche sie beantwortet haben. Und es ist ein Film, mit dem Annekatrin Hendel ihre Rolle  als Dokumentaristin des Ostens fortschreibt.  Sie hat sie aus Wut angenommen, wie sie sagt. Aus Wut darüber, wie der Osten dargestellt wurde und wird. „Diese DDR aus den Filmen kannte ich nicht. Immer nur Anoraks und Stasi. Deshalb mache ich ja meine Filme.“   

Gratzik, Sascha Anderson, die Braschs

Ihre Filme. Dazu gehört allen voran der Film über die Familie  Brasch, voll schicksalhafter Verbindung von Kultur und Politik, der im vergangenen Jahr mit großem Erfolg lief,  dazu gehören „Flake“ über den Keyboarder von Rammstein und „Vaterlandsverräter“ über den Schriftsteller Paul Gratzik, der 20 Jahre lang Stasi-IM war und der sie anschreit in einer Szene, als sie ihn fragt, ob er Freunde bespitzelt hat: „Ich hör diese scheiß westdeutschen Filmfragen genau raus.“ Sie sitzen in einem Ruderboot auf einem See. Er könnte sie über Bord werfen, denkt man kurz.  Oder selber springen. Annekatrin Hendel duzt, berlinert und vor allem fragt sie weiter. Angebrüllt wurde sie auch, als sie bei der Berlinale 2014 „Anderson“ präsentierte, über Sascha Anderson, den König der Literatur-Bohème im Prenzlauer Berg, den Wolf Biermann nach der Wende als IM outete. Diesmal brüllte das Publikum, dem offenbar zu viel differenziert und zu wenig verurteilt wurde. Annekatrin Hendel fühlte sich bestärkt. „Wenn das   Geschrei groß ist, weiß man, dass man total richtig liegt.“  

Große Schnauze

 Aus dem Bad sind wir ins Kaminzimmer des Hotels umgezogen. Zwar lodert dort kein Feuer, aber es stehen bequeme Sofas und Sessel herum. „Ich hab kein Problem damit, wenn Westler Filme über den Osten machen“, sagt sie. „Ich hab nur ein Problem, wenn Ostler das nicht machen.“  – Für sich  selber sprechen. Das hat sie  gelernt.  „Ich hatte immer eine große Schnauze. Meine Eltern haben mich so erzogen, dass ich sage, was ich denke.“ Im Staatsbürgerkundeunterricht habe das für lebhafte Diskussionen gesorgt. Das Abitur durfte sie dann nicht machen, dabei wäre sie damals schon gern an die Filmschule gegangen. Sie hat Schumacher gelernt, immerhin an der Komischen Oper, anschließend konnte sie studieren: Ingenieur für Erzeugnisgestaltung. Gemeint waren Schuhe. Annekatrin Hendel benutzt die männlichen Berufsbezeichnungen so selbstverständlich für sich, als habe es die Diskussion ums Gendern der Sprache nie gegeben.

Keine Chance im Osten

Sie hat es auch beim DDR-Fernsehen versucht.  Maskenbildnerin könne sie werden, hieß es dort. „Die wollten mich nicht.“ Jedenfalls nicht als Regisseurin. Vielleicht habe es am familiären Hintergrund gelegen. „Die ganzen Filmemacher in meinem Alter waren alle Kinder der DDR-Elite.“ Sie zählt auf: Dresen, Heise, Haußmann. „So ein Kind war ich nicht. Ich hatte keine Chance im Osten.“  Ein wenig klingt der Schmerz noch durch, den sie damals empfunden haben muss. Die große Schnauze behielt sie bei. Während des Studiums wurde sie dreimal exmatrikuliert, musste zum VEB Goldpunkt ans Band. „Ich hab mir die Zähne zerknirscht vor Wut.“ Aber sie ist eben auch dreimal wieder immatrikuliert worden, nachdem sie sich beim zuständigen Minister beschwert hatte. „Was ich da gelernt habe, wende ich bis heute an.“ Nämlich? „Man kann sich wehren und sich durchsetzen.“

Annektarin Hendel in der einstigen Volksbadeanstalt in der Oderberger Straße, heute Hotel Oderberger,  einer der Drehorte.
Foto: Sabine Gudath

Eine Frau beißt sich durch. Rückblickend kann man das alles so interpretieren. Und dass Annekatrin Hendel die Energie und die Chuzpe hatte, bei einem Minister vorstellig zu werden, nimmt man ihr sofort ab. Aber einfach und eindeutig geht es im Leben kaum zu. Es war wohl auch ein bisschen Glück dabei. Zum Beispiel, dass diese Ministerbesuche in den 80er-Jahren stattfanden, als in der DDR manches ins Wanken kam. Die Zeiten änderten sich, sonst wäre es vielleicht auch nicht glimpflich ausgegangen, dass sie ihre Arbeit als Entwerferin von orthopädischen Schuhen und Schlittschuhen bei einer Produktionsgenossenschaft aufgab, die sie nach dem Studium aufgenommen hatte. Sie wollte sich um ihr gerade geborenes Kind kümmern, statt es in die Krippe zu geben. „Ich wurde asozial.“ So nannte man das damals. Das Strafgesetzbuch sah Haftstrafen vor für diejenigen, die sich der Arbeitspflicht entzogen. Bei ihr passierte gar nichts. Später wurde sie Bühnenbildnerin in dem von ihr mitgegründeten Theater 89 in der Torstraße. „Da hab ich die Wende überstanden.“ Mit ihren Karrieren ließen sich  mehrere Leben füllen.  

Absolute Autodidaktin

Das mit dem Durchbeißen stimmt aber auch. Die größten Widerstände musste sie wohl auf ihrem Weg zur Filmemacherin überwinden. Sie hat ihn erst eingeschlagen hat, als sie Anfang 40 war, ganz genau möchte sie sich beim Alter nicht festlegen. Alles, was sie heute kann, hat sie sich angeeignet. „Ich bin absolute Autodidaktin.“ Die Anfangsjahre müssen schrecklich gewesen sein. Sie beschreibt sie mit zwei Worten: „Durststrecke nach Durststrecke.“  Selbst ihre Freunde haben ihr damals den Vogel gezeigt. Ohne die digitale Technik, die das Drehen und Schneiden billiger machte, wäre sie gescheitert. Den Namen, den sie ihrer 2004 gegründeten Produktionsfirma gegeben hat, muss man wohl als mutmachenden Aufruf an sie selbst verstehen: „It works!“ – Es geht. Ausrufezeichen. Welcher Produzent hätte auch an ihre Filme glauben sollen, wenn nicht sie selbst.  

Heute dreht Annekatrin Hendel Film um Film, sie gewinnt Preise. Mehrere gleich für „Vaterlandsverräter“, darunter den Grimme-Preis, und zum zweiten Mal hintereinander nun den Heiner-Carow-Preis, mit dem die Defa-Stiftung bei der Berlinale den besten Dokumentarfilm auszeichnet. 2018 hat sie ihn für „Familie Brasch“ bekommen, dieses Jahr für „Schönheit & Vergänglichkeit“. Der Titel stammt von einem Seminar, das Sven Marquardt an der Ostkreuzschule für Fotografie gegeben hat. Es ist  wahrscheinlich ihr persönlichster Film.  

Foto: Real Fiction
 Film & Gespräch

"Schönheit & Vergänglichkeit" kommt am 5. Dezember ins Kino. Am 10. Dezember im Kino Krokodil und am 12. Dezember in den Tilsiter Lichtspielen gibt es nach dem Film ein Gespräch mit der Regisseurin

Denn Annekatrin Hendel war eine Zeit lang  selbst Teil der kreativen Szene, zu der Sven Marquardt, Robert Paris und Dome Hollenstein damals in den 80er-Jahren  in Ost-Berlin gehörten. Als „Ostmob“ bezeichneten sie sich, in selbstbewusster Aneignung des herabsetzenden Begriffs. Es war die vor Fantasie und Unbekümmertheit strotzende Punk- und Modeszene im Prenzlauer Berg. Annekatrin Hendel hatte damals eine Jacke erfunden, die sie aus  Bettlaken nähte und auf Märkten verkaufte. Auf Märkten? „Naja, wenn da drei Leute an der Mole in Warnemünde standen, dann war das unser Markt.“ Es war illegal. Die Kunden kamen vor allem aus Sachsen. An einem Tag verdiente sie mehr als die Eltern in einem Monat. Der  Ostmob schwamm in Geld, sie kauften sich   Wolgas und Tatras, besuchten teure Bars.  Sie waren großkotzig und arrogant. „In dieser Welt haben wir gelebt. Und es hat Spaß gemacht, Nische zu sein.“ Um solche Parallelwelten geht es ihr in ihren Filmen.

Bleibeil in Dauerschleife

Nach der Filmpremiere Ende November lädt Annekatrin Hendel alle, die ins  Kino Kolosseum gekommen sind, in das einstige Stadtbad in der Oderberger Straße zur Premierenparty ein. Im türkisgrünen Wasser schwimmen zwei Meerjungfrauen, es läuft Bleibeils „Rauhensee“ in Dauerschleife, die Ostavantgarde  der Musikszene, der Soundtrack des Films. Es gibt Häppchen und Weißwein in Plastikgläsern. Die schwarz-weißen Filmbilder von der legendären Modenschau damals, die man gerade im Kino gesehen hat, schieben sich in die Wahrnehmung: Das Bad liegt trocken, die kreative Elite des untergehenden Landes schreitet in unglaublich fantasievollen Kostümen über die maroden Fliesen. Ein Model gleitet als riesiger schwarzer Vogel  flügelschlagend an einem Seilzug durch den Raum. Dreißig Jahre liegen zwischen diesen Bildern, Welten.

1986 war das Stadtbad in der Oderberger Straße geschlossen worden. Bald danach hat Robert Paris dieses Foto gemacht.
Foto: Robert Paris

Annekatrin Hendel hat keinen Film gemacht, der gute alte Zeiten heraufbeschwört,  das tut keiner ihrer Filme. Sie will es sich nur nicht nehmen lassen, ihre Geschichte selbst zu erzählen, mit aller Ambivalenz, die in dieser Geschichte, in jeder Geschichte stecken.

Radikal unabhängig

Man kann aber schon  ein bisschen nostalgisch werden angesichts von Robert Paris’ Fotos von Friedhöfen, Straßenzügen, dem Gaswerk, das längst gesprengt worden ist. Er lebt heute in Indien, im Film sind seine Fotos von der neuen Heimat zu sehen. Manche gleichen verrückterweise eher denen vom untergegangen Ostberlin als das Berlin der Gegenwart. Aber die Weggefährten leben immer noch so wie sie es in der Vergangenheit taten: radikal unabhängig, selbstbewusst und selbstbestimmt, ob umgeben von Bananenstauden in Indien, in einer verwunschenen Berliner Hinterhofwohnung wie Dome oder als Fotograf und Türsteher des berühmtesten Clubs der Welt. Das gilt auch für Annekatrin Hendel.

Die Fassaden mit den Einschusslöchern waren ihr trotzdem lieber. „Wir haben den Krieg verloren, im Osten hat man das gesehen.“ Sie fände es besser,  die Vergangenheit wäre nicht übertüncht worden.    Erinnerung wäre wichtig. Besonders angesichts des Rechtsrucks in den heutigen Zeiten.