„Oft gefragt“, so heißt ein beliebtes Stück der jungen Kölner Band AnnenMayKantereit. Oft gefragt sind und werden derzeit auch die Urheber des Stücks – in der klassischen Medienmühle, die junge Musiker eben durchlaufen, wenn sie allseits als „Band der Stunde“ bezeichnet werden und gerade ihr Debüt-Album veröffentlicht haben; es steht übrigens auf Platz eins der Album-Charts.

Der zeittypische Werdegang der Band – von Straßenmusikern mit selbst gemachten Videos zur Youtube-Sensation, über ausverkaufte Tourneen schließlich doch noch zum Major-Label-Deal – wird schon seit einiger Zeit ausführlich dokumentiert. Quasi als Gegensatz zu dieser modernen Art des Werdens heben Berichterstatter gern die ehrliche, unprätentiöse Art der Musiker vor, etwa die Tatsache, dass zwei Bandmitglieder kein Smartphone besitzen – für Menschen Anfang zwanzig heutzutage tatsächlich eher ungewöhnlich. Zur unzeitgemäßen Attitüde passt auch der ebenfalls viel besprochene, oft bluesige, organische Sound der Gruppe; Sänger Henning May zum Beispiel wird oft mit Rio Reiser oder Tom Waits verglichen, wenn er mit seiner markant rauen, tiefen Stimme die Befindlichkeiten junger Erwachsener auf den Punkt bringt.

Im Wanderzirkus

Zum Zeitpunkt unseres Treffens mit AnnenMayKantereit befinden sie sich inmitten der sogenannten Wanderzirkus-Tour, in deren Rahmen sie in einigen Städten Deutschlands in einem Zirkuszelt auftreten. Die Karten zu den Konzerten wurden verlost; für Fans, die für die anschließende, restlos ausverkaufte Hallen-Tournee – am 1. April gastiert die Band auch im Berliner Tempodrom – keine Karten bekommen hatten. Gleichzeitig ist die Reise mit dem Wanderzirkus in eine gnadenlose Promotion-Woche zur Bewerbung des Albums eingebettet: jeden Tag zig Interview-Termine.

Immer wieder zur eigenen Ehrlichkeit und Authentizität befragt zu werden, muss, so würde man denken, zwangsläufig zu einer gewissen Verweigerungshaltung führen, zu Einsilbigkeit und eben zu vereinfachender Unehrlichkeit. Doch Henning May (24), Gitarrist Christopher Annen (25), Schlagzeuger Severin Kantereit (23) sowie Neuzugang und Bassist Malte Huck (22) erscheinen nach einem langen Vortag und einer kurzen Nacht zwar sichtlich unausgeschlafen zum Frühstückstermin in einem Friedrichshainer Café, stellen sich aber herzlich händeschüttelnd mit Vornamen vor, lassen sich gerne den einzig erhältlichen Kräutertee empfehlen und beginnen sofort ein ausführliches Gespräch. „Wir haben Übung darin“, sagen sie im späteren Verlauf, „wir verbringen im Moment sehr viel Zeit damit, über uns zu reden!“

Trotz der Übung in vielen Interviews wurde ihnen eine Frage noch nie gestellt, wie sich jetzt herausstellt – sie besteht in der Aufforderung, drei Dinge aufzuzählen, die AnnenMayKantereit nicht sind. „Rockstars“, sagt Henning May. „Politiker“, sagt Gitarrist Christopher Annen. Kurze Pause. „Ausgebildete Musiker“, sagt schließlich May.

Wie Rockstars oder Politiker benehmen sie sich tatsächlich nicht. Vielmehr sind sie in Person genauso, wie ihr Image es verspricht: im besten Sinne image-lose, nette junge Menschen in Adidas-Turnschuhen und Kapuzenpullovern, die ihre Tätigkeit spürbar sehr ernst nehmen, ohne diesen Ernst bemüht zu projizieren. So diskutieren sie auch ihre Unzulänglichkeiten als nicht professionell ausgebildete Musiker bereitwillig im Interview.

„Wenn du den ganzen Tag bei Interviews und Fernsehen verbringst, im Fernsehstudio bei ‚Circus Halligalli‘ das selbe Lied siebenmal spielst, damit Licht und Tonregie klarkommen, dann direkt zum Soundcheck ins andere Zirkuszelt fährst, danach schnell was isst und dann auf die Bühne gehst, so dass du zu dem Zeitpunkt schon seit zwölf Stunden pausenlos auf den Beinen bist, fehlt so ein wenig die Konzentration“, erklärt Henning May, nachdem sich alle Bandmitglieder zu den jeweiligen Fehlern ausgetauscht haben, die sie beim Auftritt am Vorabend gemacht zu haben glauben. May erzählt, wie die Band gern zusammen mit ihrem Produzenten, dem Berliner Moses Schneider, Auftritte anhand von Fußball-Analogien analysiert: „Wenn man 4:0 gewonnen hat, denkt man, man kann immer 4:0 gewinnen. Nach dem Konzert gestern sagten wir zu ihm: ‚Das war vielleicht eher so ein 1:1.‘ Aber er winkte ab und sagte,: ‚Tut mit leid, ihr habt kein Tor gemacht.‘“ Allgemeines Gelächter.

Jovialer und leidenschaftlicher Umgang mit den Dingen sind Qualitäten, die den Klischee-Kölner ausmachen; tatsächlich handelt es sich bei AnnenMayKantereit um echte Kölner. Dort geboren und aufgewachsen, mit Liebe zu Kölsch und zum FC. Wenn auch nicht so fanatisch wie manch anderer: „Hennings und meine beiden WG-Mitbewohner sind da sehr viel ernster dabei, deren Detailwissen zum FC ist eigentlich schon gruselig“, erklärt Severin Kantereit.

WG-Alltag, Verliebtheit, Entliebtheit, Fernbeziehungen oder, im Fall des eingangs erwähnten „Oft gefragt“, eine Vater-Sohn-Beziehung: AnnenMayKantereit singen über das, was sie erleben, mit wenig Abstraktion, Verschnörkelung oder diskursiven Ambitionen. Das macht ihnen mancher zum Vorwurf. Die Weigerung der Band, politische Aussagen in Liedform zu machen, wurde oft schon kritisiert. Wahrscheinlich lässt sich die Resonanz beim breiten Publikum aber gerade dadurch erklären: „Und du bist 21, 22, 23, und du kannst noch gar nicht wissen, was du willst“, lautet eine Zeile im Stück „21, 22, 23“. Die Ungewissheit des jungen Erwachsenenlebens ist ein zeitloses Thema, gerade durch das Weglassen aktueller politischer oder anderer Aussagen und das einfache Skizzieren von Situationen können sich junge Leute von heute mit den Liedern identifizieren. Und auch solche, die sich an ihr Jungsein noch erinnern, was sich bereits in den folgenden Liedzeilen andeutet: „Und du wirst 24, 25, 26, und du tanzt nicht mehr wie früher.“

„Die Lieder sind in dem Sinne zeitlos, als man sie eben nicht gesellschaftspolitisch einordnen könnte. Hennings Texte sind persönlich“, sagt Huck. Für May ist dies das Ergebnis eines intuitiven Prozesses: „Man fängt eben an, etwas zu machen, und wenn es sich gut anfühlt, macht und macht und macht man weiter. Und so sind wir intuitiv von der Aktualität abgerückt.“

Tatsächlich erscheinen AnnenMayKantereit zeitlos, nicht nur in Musik und Text, sondern – fast wichtiger – auch in Person. Sie passen gut ins Friedrichshainer Frühstückscafé im März 2016, mit ein wenig Augenblinzeln könnte man sich aber auch in irgendeiner Kölner Kneipe Anfang der Neunzigerjahre befinden. Das Gespräch würde ähnlich verlaufen, seine Teilnehmer gleich aussehen und sich gleich ausdrücken. Doch fühlt sich dies nicht an wie eine Pose, eine bewusst inszenierte Absage an die Hypermodernität. So simpel es klingen mag: Diese jungen Herren sind einfach so. Das hat etwas sehr Einnehmendes, Liebenswertes, sowohl im Gespräch als auch auf der Bühne.

Rebellieren AnnenMayKantereit jemals? „Rebellion als so etwas sehr Aktives, wo man aufsteht und etwas rausbrüllen will, das mache ich privat nicht so oft“, sagt Christopher Annen. „Natürlich diskutiere ich mit Freunden über Politik, aber ich bin nicht der Typ, der anderen eine Meinung aufdrängen will. Ich versuche eher, etwas vorzuleben oder in Gesprächen einzubringen.“ Daraufhin May: „Ich glaube, Rebellion muss kein Aufdrängen sein, es kann einfach bedeuten, sich einer Meinung gezielt zu widersetzen. Ich fand einen Satz von Malte ganz schön: ‚Manchmal ist es rebellisch, nicht rebellisch zu sein.‘“ Die Erregung in Mays Stimme steigert sich hier mal ein wenig. „Wenn man Musik macht, die ein ganz kleines bisschen wie Ton Steine Scherben klingt, sagen dann alle, man solle jetzt gefälligst politisch sein. Musik hat per se erst mal überhaupt nicht politisch zu sein. Ich persönlich rebelliere schon immer wieder, etwa, wenn ich das politische Projekt eines Freundes unterstütze, das anderen so nicht passt. Aber generell ist für mich das Wort Rebellion immer mit Revolution verbunden, mit Klassenkampf, und den gibt es ja so nicht mehr.“

„Erstaunlich aufregend und ermüdend“

Worauf Annen widerspricht, den gäbe es sehr wohl noch, und sich spontan ein kleines politisches Streitgespräch entfacht. AnnenMayKantereit sind es sichtlich gewohnt, die Dinge miteinander zu diskutieren: Musik, den allmählichen Werdegang Malte Hucks vom Session-Bassisten zum vollen Bandmitglied, Politik. Huck bestätigt: „ Wir reden total viel über Dinge, auch über Politik. Wir haben oft verschiedene Meinungen, deswegen ist es für uns nicht leicht, einen politischen Text zu finden, den Henning schreibt und hinter dem wir alle voll stehen. Aber wir werden dort bestimmt noch hinkommen.“

Zunächst muss aber erst die aktuelle Promotion-Welle geritten werden, was, so Kantereit, „erstaunlich aufregend ist und auch ermüdend. Aber wir haben es uns so ausgesucht.“ Gibt vieles, das nervt? Gibt es Streit? „Wir haben Meinungsverschiedenheiten“, sagt May. „Und womit wir alle noch klarkommen müssen, ist, dass man jetzt unsere Fressen erkennt. Der Typ an der Hotelrezeption fragte mich die ganze Zeit, ob wir uns bald bei dem und dem Festival wieder sehen.“

Womit sich die aufgeregte und müde Band der Stunde herzlich verabschiedet, um zum nächsten Termin aufzubrechen.