AnnenMayKantereit haben sich schon immer gerne mit der Gegenwart beschäftigt. Erinnern Sie sich etwa noch an ihr 2014 erschienenes Lied „21, 22, 23“? Darin behandelt das Trio aus Köln das Erwachsenwerden während des Studiums und die Ungewissheit über die Zukunft. Konkret singt der heutige 28-jährige Henning May mit seiner unverkennbaren Bassstimme: „Und du wirst 21, 22, 23 / Du kannst noch gar nicht wissen, was du willst / Und du wirst 24, 25, 26 / Und du tanzt nicht mehr wie früher.“

Seine Bandkollegen Christopher Annen und Severin Kantereit begleiteten ihn dazu mit Gitarre und Schlagzeug, Lars Lötgering hilft bei dieser schunkelnden Studentenhymne am Kontrabass aus – live kommen auch mal die Musiker Ferdinand Schwarz und Malte Huck (später bis 2020 festes Bandmitglied) hinzu. In Köln sind die Schulfreunde als Straßenmusiker bekannt geworden. AnnenMayKantereit spielten Musik, die roh, kantig und ehrlich klang, die an Element of Crime, Rio Reiser oder an die frühen Werke von Clueso denken ließ. Sie machten sich mit Gegenwartsliedern, Mays herrlicher Stimme sowie Musikvideos aus der immer selben Perspektive einen Namen. Auf Tour spielte sich die Band, anfangs ohne Plattenvertrag, schnell ein großes Publikum ein.

Sechs Jahre liegt der Aufstieg von AnnenMayKantereit nun zurück. Seitdem sind zwei chartplatzierte Alben erschienen, es folgten einige Auszeichnungen sowie Auftritte auf großen Festivalbühnen. Mit Konzerten wie bei der Klimabewegung Fridays For Future oder Podiumsdiskussionen engagierte sich die Band zudem politisch – wenn ihr auch hin und wieder nachgesagt wird, sie wäre es nicht. In einem Interview mit dem „Focus“ sagte May dazu einmal: „Ein Lied kann sich mit der Gesellschaft auseinandersetzen, ohne explizit politisch zu sein. Ich mache Popmusik, um jemanden zu berühren, aber ohne Zeigefinger.“

AnnenMayKantereit veröffentlichen ein Album aus dem Lockdown

Auf ihrem neuen, am Dienstag überraschend veröffentlichtem Album „12“ bleiben May und seine Band dem Motto jedenfalls treu. Obwohl es eine Platte ist, die sich konkret mit der Corona-Pandemie und den gesellschaftlichen Auswirkungen für junge Menschen auseinandersetzt, ist nicht von Schuld oder von massiven Einschränkungen die Rede. In 16 Stücken schildern sie teils nüchtern, teils gefühlvoll den Moment. Ironisch wird es fast, wenn May in der hüpfenden Klavierballade „Gegenwartsbewältigung“ brummt: „Die Tagen werden länger mit jedem Tag, der vergeht / Mein Zimmer wird enger und ich weiß nicht, wie’s weitergeht / Ich glaub’, Corona ist berühmter als der Mauerfall und Jesus zusammen / Dabei hat es grade erst angefangen.“

„Es ist ein Album aus dem Lockdown. Ein Album, das unter Schock entstanden ist“, schreibt die Band in einem Text zur Platte. Da sie nicht auf Tour gehen konnten, hätten sie die gewonnene Zeit für eine Albumaufnahme genutzt. „Wir haben uns oft für die Momente entschieden“, heißt es weiter. „Für uns hat es immer drei Teile gehabt – den düsteren Beginn, das Aufatmen danach und die süß-bittere Wahrheit zum Schluss.“

Letzteres bezieht sich womöglich auf die düstere Klavierballade „Die letzte Ballade“, in der May über den Anschlag von Hanau sinniert und darüber, wie schnell sich Menschen danach kaum mehr für die Hintergründe des Attentats interessierten. Er reißt zudem die letzten Wahlen an, einen Großkonzern, dem alles gehöre. Er hebt aber keinen Zeigefinger, sondern macht nur kenntlich, dass er auch „singen wird, wenn es niemand interessiert“. Wenn man genau hinhört, lässt sich dabei ein Versprecher und ein Knistern hören. Die Band wollte den Moment wortwörtlich aufnehmen. Und wie so oft verziert sie ihn mit ihren Gedanken und kleinen Metaphern.

AnnenMayKantereit zeichnen damit auf „12“ eine trostlose Gegenwart, in die sie noch nie so tief geblickt haben. Wenn May etwa wie ein Seemann in „Warte auf mich (Padaschdi)“ von der Sehnsucht nach Meer und unplanbaren Reisen singt, ist es ein Spiegel, den er nicht nur Menschen im Alter von 21, 22, 23 vorhält, sondern uns allen. Das ist für den Moment traurig, doch die kantereitsche Musik wirkte noch nie so ehrlich, noch nie so schön.

AnnenMayKantereit: „12“ (Vertigo Berlin / Universal Music) ist digital erschienen, CD/Vinyl erscheinen am 27. November.