Annette Humpe (l.) und ihre Schwester Inga.
Foto: Imago

BerlinZwei Bilder vermitteln bis heute einen schlüssigen Eindruck vom Lebensgefühl der 80er-Jahre in West-Berlin. Das eine zeigt eine junge Frau in weißer Kapitänsmütze und ärmellosem Shirt am E-Piano, um den Hals trägt sie eine lässig gebundene Krawatte. Im Gegensatz zum zur coolen Pose geronnenen Gesichtsausdruck verrät der dazugehörige Song die Bereitschaft zur Ekstase: „So blaue Augen/Wenn du mich so anschaust/wird mir alles andere egal“.

Das andere Bild ist ein Gemälde des Malers und Starckdeutsch-Dichters Matthias Koeppel, der zwei junge Frauen in lockerer Umarmung im Park des Schlosses Charlottenburg in einer Abendstimmung zeigt. Das Motiv ist eine Anspielung auf die berühmte Prinzessinnengruppe des Bildhauers Johann Gottfried Schadow. Der hatte die aus dem Adelshaus Mecklenburg-Strelitz stammenden Schwestern Luise und Friederike geschmeidig in Marmor gemeißelt, ehe Luise, die ältere, Friedrich Wilhelm III. heiratete und so zur Königin von Preußen wurde. In Schadows Skulptur aber meint man zwei junge It-Girls zu sehen, die zunächst darauf aus waren, das dröge Leben am Hof aufzumischen.

Ähnliches hatten auch die Schwestern Inga und Annette Humpe im Sinn, die Mitte der 70er-Jahre aus Westfalen nach Berlin kamen, um hier bald einen gewichtigen Beitrag zur Renovierung der deutschen Popmusik zu leisten. Ihr dichterisches Talent hatte Annette Humpe bereits in ihrer Schülerzeitung erprobt: „Jetzt geh ich in den Birkenwald/denn meine Pillen wirken bald.“

Wer das als Pose und gereimten Unernst abtut, verkennt den Ehrgeiz der Annette Humpe, Pop mit deutschen Texten in vollendeter Perfektion abzuliefern. In der Frühphase der Neuen Deutschen Welle, die Annette zusammen mit ihrer Schwester bei der Band Neonbabies verbrachte, schien alles roh und dilettantisch zu sein. Die Partys waren wild und man sang hier und da. Annette Humpe zum Beispiel als Backgroundsängerin bei der Band Trio zu deren Hit „Da Da Da“, der als gehobener Blödsinn gefeiert wurde, aber nicht zuletzt einen ambitioniert-experimentellen Minimalismus zum Ausdruck brachte.

Ihre wohl schönsten Alben hat Annette Humpe gemeinsam mit ihrer Schwester Inga eingespielt. Humpe & Humpe aber hielten es nie sehr lange miteinander aus. Zu groß war der künstlerische Eigensinn, den Annette zunehmend als Songschreiberin und Produzentin ausagierte. Sie war die Frau hinter der Männergesangsgruppe Die Prinzen und schrieb Lieder für Nena und Udo Lindenberg. Die frühe Schnoddrigkeit war längst dem Hang zur produktiven Genauigkeit gewichen, den sie trotz aller scheinbaren Leichtigkeit in das Duo Ich und Ich mit Adel Tawil einbrachte. Zumindest vorübergehend schienen die beiden „vom selben Stern“.

Annette Humpe hat den Punk der frühen Jahre mit dem deutschen Schlager versöhnt und dabei ein ewig-junges Gesamtwerk geschaffen. Am Mittwoch wird sie 70 – Glückwunsch.