Die 79-jährige Schriftstellerin Annie Ernaux hat den Preis in der Akademie der Künste erhalten. 
Foto: Imago/ Cati Cladera

BerlinDer Abend war schon vor Wochen ausverkauft. Nun sitzt die Schriftstellerin an einem Tisch in der Mitte der Bühne vor dem Zuschauerrund. Sie hat die halblangen Haare locker zur Seite gekämmt, trägt ein weinrotes Jackett über einem hellen Shirt, sie spricht leise. Eine Frau von 79 Jahren, beinahe unscheinbar.

Annie Ernaux, in einem kleinen Ort in der Normandie geboren, in einem Vorort von Paris wohnend, gehört derzeit zu den berühmtesten Autoren Frankreichs, ja Europas. Die Schaubühne hat sie am Mittwochabend für ein Gespräch eingeladen, das der Dramaturg Florian Borchmeyer mit ihr führt. Ursina Lardi liest Ausschnitte aus drei Büchern, die für ihr Schreiben insgesamt stehen können: „Der Platz“, „Eine Frau“, „Die Jahre“.

Über die Grenzen der Klassen 

Am Tag zuvor standen im Plenarsaal der Akademie der Künste am Pariser Platz nach 11 Uhr morgens Menschen noch grüppchenweise an den riesigen Glasscheiben und schauten auf die Traktoren mit den Transparenten. Annie Ernaux wurde irgendwo dort unten erwartet, sie sollte mit dem Prix de l’Académie de Berlin die erstaunlicherweise erste Auszeichnung für ihr Werk hierzulande erhalten. Der schwierige Weg mit dem Taxi durch die Protestierenden vom Land, die sich durch die Politik der Städter bedroht sehen, hin zur illustren Kulturvereinigung passt gut zu Annie Ernaux.

Denn so sehr als Charakteristikum ihrer Literatur das Autobiografische hervorgehoben wird, mindestens genauso deutlich muss betont werden, dass sie das Überwinden von Klassengrenzen beschreibt, auch die Tücken dabei. Und wenn man ihre Werke im Vergleich nennt zu Didier Eribons Bestseller „Rückkehr nach Reims“ oder den Büchern von Édouard Louis, dann liegt hier eine umgekehrte Verwandtschaft vor: Diese beiden Männer, die über die Veränderung der sozialen Milieus in Frankreich schreiben, über Gewalt, die aus Armut entsteht, von Hass, dem eine soziale Kränkung vorausgeht, berufen sich auf ihre Prägung durch Annie Ernaux.

Bücher der Autorin

Annie Ernaux: „Eine Frau“. Aus dem Französischen von Sonja Finck. Suhrkamp, berlin 2019. 88 S, 18 Euro.

Außerdem lieferbar bei Suhrkamp, in der Übersetzung von Sonja Finck: „Die Jahre“ 255 S., 11 Euro,
„Der Platz“ 94 S., 18 Euro. „Erinnerung eines Mädchens“ 
163 S., 20 Euro.

Bücher veröffentlicht sie seit den 70er-Jahren, zu ihrer speziellen Art des Schreibens hatte sie Anfang der 80er-Jahre gefunden mit dem Buch „Der Platz“. Das liegt jetzt in der Bibliothek Suhrkamp wieder neu auf Deutsch vor, nachdem es vor dreißig Jahren bereits übersetzt worden war und mit einem abweichenden Titel versehen. In „Der Platz“ schreibt sie in nüchternem Ton von ihrem Vater und der begrenzten Position in der Welt, die er sich erkämpft hat: vom Tagelöhner zum kleinen Ladenbesitzer.

Im folgenden Buch, ein paar Jahre später erschienen und jetzt ebenfalls neu ins Deutsche übertragen von Sonja Finck, „Eine Frau“, taucht er als Gegenstück zur Mutter auf, die gern noch weiter aufgestiegen wäre: „Er weigerte sich, Orte aufzusuchen, an denen er sich ‚fehl am Platz‘ fühlte, und sagte von vielen Dingen, das wäre nichts für ihn.“ Im Nachdenken über die Mutter schärft sich noch einmal ihr Blick für ihn.

Literarische Familienaufstellung

Annie Ernaux war die erste aus ihrer Familie, die studierte. „Ich versuche, die Wut, die überschwängliche Liebe und die Vorwürfe meiner Mutter nicht nur als individuelle Charakterzüge zu betrachten, sondern sie in ihrer Lebensgeschichte und ihrer gesellschaftlichen Stellung zu verorten“, heißt es in „Eine Frau“. „Diese Form des Schreibens hilft mir, aus der Einsamkeit und Dunkelheit der individuellen Erinnerung herauszutreten, indem ich nach einer allgemeineren Betrachtung suche.“ Wie schwer das ist, nach dem Tod der Mutter, von Gefühlen bewegt, schreibt sie auch in dem Buch. Und im öffentlichen Gespräch am Mittwochabend sagt sie, was intim oder privat empfunden würde, sei für sie gleichzeitig politisch und sozial.

Ursina Lardi liest aus dem Anfang von „Die Jahre“, beginnt mit Bildbeschreibungen, die als eingefrorene Momente für ihre Zeit stehen. Es ist Ernauxs erfolgreichstes und mit reichlich 250 Seiten dickstes Buch, mit dem sie die Biografie ihrer Generation geschrieben hat, oder, wie Florian Borchmeyer es in der Schaubühne nennt, eine „literarische Familienaufstellung“. Wie sie das gemacht habe? Annie Ernaux sagt, sie sehe die Vergangenheit wie einen Film, es sei sozusagen ein cinematografisches Erinnern. „Und die Hauptdarstellerin bin ich.“

Im Griff der Scham

Sie erwähnt den Soziologen Pierre Bourdieu, bezieht sich andernorts auch auf Albert Camus. Ob sie weitere Vorbilder nennen könne? „Ich habe in Literatur gebadet“, ruft sie aus, habe immer gelesen, Literatur studiert, Literatur unterrichtet, nennt dann aber nur einen Kollegen aus dem 19. Jahrhundert, Gustave Flaubert. Ja, sie schreibe auch weiterhin, sagt sie auf die nächste Frage.

In der Würdigung dieser Tage fehlt ihr jüngstes Buch, 2016 im Original und 2018 auf Deutsch erschienen: „Erinnerung eines Mädchens“. Darin erforscht sie die Ereignisse weniger Tage vor fast sechzig Jahren, da sie als Studentin Betreuerin im Kinderferienlager war und sich leichtfertig, in der Annahme, man müsse sich so verhalten, auf Sex mit einem aggressiv flirtenden jungen Mann eingelassen hatte.

Die Leser befragen sich selbst

Die Tatsache, dass er nur mit ihr spielte – öffentlich – stürzte sie anschließend in eine Scham, die noch in ihr verborgen blieb, als sie zehn Jahre später bei Simone de Beauvoir von der Befreiung der Frau las, als sie Schüler unterrichte, zwei Kinder großzog, Bücher schrieb, alterte. „Im Prinzip gibt es zwei Arten von Literatur, die nacherzählende und die suchende, und keine ist mehr wert als die andere, außer für denjenigen, der eher die eine als die andere praktiziert“, schreibt sie, während sie immer wieder zwischen der Sicht auf das Mädchen („sie“) und dem Gestaltungsprozess („ich“) wechselt. Gegen Ende erklärt die Autorin: „Ich habe begonnen, mich selbst zu einer literarischen Figur zu machen.“

Es sind die einzelnen Menschen, die zusammen eine Gesellschaft bilden, sagte am Dienstagvormittag in der Akademie der Künste der Präsidentin Jeanine Meerapfel. Annie Ernaux hat mit den einzelnen Menschen aus ihrem Umfeld, mit der Betrachtung ihrer eigenen Person auf dem Weg vom Land in die großen Städte, ein Bild der Gesellschaft festgehalten. Das ist kein weit ausgreifendes Panorama, wie in den großen Romanen der Literaturgeschichte, sondern ein sehr detailliertes Bild, in dem alles sichtbar miteinander in Verbindung steht. Diese Verbindungen hängen sich im Prozess der Lektüre an weitere Anknüpfungspunkte, denn auch der Leser ist Teil eines sozialen Gefüges. Das Ich, das Sie, Er und Wir der Annie Ernaux finden ihre Entsprechungen. Ihre Wirkung erreichen diese Bücher auch durch ihr Echo im Leser selbst.